[Rezension] Hier kommt Alex – Uhrwerk Orange

Clockwork Orange? Du meinst den Film von Stanley Kubrick, oder? Nein, diesmal nicht. Zumindest nicht nur. Der Roman zur Verfilmung wurde 1962 von Anthony Burgess geschrieben. Es geht um Alex und seine Gang, die Droogs. Mit ihnen ist er unterwegs, sie hängen in Bars herum, genießen merkwürdige Getränke (mit Milch (!) versetzte Drogen), rauben Passanten aus, schlagen Unbeteiligte zusammen oder vergewaltigen Frauen. „Horrorschau“, nenne die Droogs ihre Freizeitaktivitäten. Die Toten Hosen greifen die Geschichte in ihrem Konzeptalbum Ein kleines bisschen Horrorschau (1988), das mit dem Titel Hier kommt Alex beginnt, auf. Das Stück beginnt mit Beethovenklängen…

Beethoven? Die Hosen beweisen ihre Textkenntnis. Alex ist nämlich ein ausgemachter Klassik-Fan. Hat er genug von „Horrorschau“ und Gewaltexzessen, zieht er sich in sein Zimmer zurück und genießt die Musik.

Dann, meine Brüder, kam es. Oh, Seligkeit und Himmel. Ich lag ganz nagoi auf dem Bett. Die Hände hinter meinem Gulliver auf dem Kissen, die Glotzies geschlossen und sluschte dem Strom der lieblichen Klänge. Oh, es war gestaltgewordene Pracht und Herrlichkeit. Die Posaunen dröhnten rotgolden unter meinem Bett, und hinter meinem Gulliver flammten die Trompeten in silbernem Feuer, und dort bei der Tür rollten die Pauken wie ferner Donner und vibrierten in meinen Kischkas. Oh, es war das Wunder der Wunder. Und dann, wie ein Vogel aus himmlischem Metall gesponnen, unwirklich und schwerelos, kam das Violinsolo über all den anderen Streichinstrumenten, und diese Streicher webten einen seidenen Käfig um mein Bett. Der weiche, runde Ton der Oboen erhob sich in einem melancholischen Seitenthema, während die Solovioline ihre einsamen Kantilenen sang. Ich war in der höchsten Seligkeit, meine Brüder. (S.37)

Doch bei einem neuen Überfall wird die Gang erwischt, einige Droogs können fliehen, doch Alex kommt in eine Jugendstrafanstalt. Auch die Politik ist auf die gewalttätige Jugend aufmerksam geworden und besonders renitenten Straftätern wird eine neue Behandlung angeboten. Sie dauert nur zwei Wochen, danach winkt die Freiheit. Alex ist angetan, allein der Anstaltspfarrer meldet seine Bedenken an und schüttet Alex, dem Gefangenen 6537, in sehr betrunkenem Zustand sein Herz aus: „Es könnte sich erweisen, dass es nicht schön ist, gut zu sein, kleiner 6537.“

Alex willigt ein. Im ersten Teil waren die Droogs die Aggressoren, im nächsten Teil ist es der Staat. Alex wird gefoltert, sein Willen soll gebrochen werden, damit er endlich geheilt werden kann und nie wieder jemanden verletzt. Dabei erweist sich die Folter als perfides Mittel der Manipulation. Alex werden Gewaltszenen gezeigt, die ausgerechnet mit klassischer Musik hinterlegt werden. Er wird darauf konditioniert, Gewalt abzulehnen, verliert dadurch aber auch seine musikalische Leidenschaft und seine Gefühle. Hatte ich im ersten Teil noch wenig Mitleid mit dem verrückten Klassikliebhaber, sondern war eher schockiert, kann er mir jetzt nur noch leid tun. Spätestens als Alex aus der Besserungsanstalt entlassen wird, unfähig zu jeder Form der Gewalt, zeigen sich die Schattenseiten der Behandlung. Alex trifft auf seine ehemaligen Opfer, seine Eltern, seine ehemaligen Weggefährten. Und er ist nicht mehr dazu in der Lage, sich zu wehren. Spätestens hier, befinde ich mich in einem riesigen moralischen Dilemma. Alex ist fürchterlich. Aber vor allen Dingen tut er mir Leid, er ist eine riesige weiche Orange und die Gewalt seiner ehemaligen Opfer, droht ihn zu zerquetschen. Oder was will Burgess mit dem Titel sagen?

Anthony Burgess erklärt den merkwürdigen Titel seines Romans folgendermaßen:

1945, als ich von der Army kam, hörte ich einen achtzigjährigen Cockney in einem Londoner Pub von jemandem sagen, er sei „schräg wie eine aufgezogene Orange“. Der Ausdruck faszinierte mich als eine Äußerung volkstümlicher Surrealistik. Die Gelegenheit, die Redensart auch als Titel zu benutzen, kam 1961, als ich mich daran machte, einen Roman mit dem Thema Gehirnwäsche zu schreiben. Der Mensch ist ein Mikrokosmos, er ist ein Gewächs, organisch wie eine Frucht, er hat Farbe, Zerbrechlichkeit und Süße. Ihn zu manipulieren, zu konditionieren, bedeutet, ihn in ein mechanisches Objekt zu verwandeln – eine Uhrwerk Orange.

2013 ist eine Neuübersetzung von Ulrich Blumenbach erschienen, zuletzt hat Blumenbach Unendlicher Spaß von David Foster Wallace übersetzt. Er soll das Nasdat, den Jugendslang der Droogs, auf eine etwas andere Art und Weise einfangen, als Walter Brumm, der auch meine Ausgabe von Burgess übersetzt hat. In den späteren Übersetzungen gibt es sogar einen eigenen Nasdat-Glossar. Die Sprache der Droogs wirkt erst ein wenig gewöhnungsbedürftig, da wird getollschockt, wenn sie jemanden zusammen schlagen oder die Dewotschkas, junge Frauen, werden fies angegraben. Große Inspiration für Burgess soll James Joyce gewesen sein. Mich hat die Sprache fasziniert und ich konnte mich sehr schnell in den Droog-Slang einfinden. In der Klett-Ausgabe gibt es auch noch einen ganzen Schwung von Begleitmaterial zum Text, wenn sich noch jemand für die Hintergründe der Geschichte interessiert. Und der Film von Kubrick, der für fünf Oscars nominiert wurde, zeigt eine ganz eigene faszinierende Ästhetisierung von Gewalt.

Burgess ist eine fesselnde Dystopie gelungen, in der die Gewalt des Staates gegenüber dem Individuum thematisiert wird.  Nasdat, Newspeak – Orwell und Burgess sind sich da in gewisser Weise ähnlich, auch die zeitliche Verortung weist Parallelen auf. Burgess‘ Handlung spielt 1983, Orwell’s Handlung – wie wir alle wissen – 1984. Davon merke ich in Burgess’Universum nicht allzuviel. Alex kauft sich seine Musik in einem Plattenladen, mehr ist nicht wichtig. Die Droogs könnten auch eine Gang in den 1950ern oder 1960ern sein. Auf eine merkwürdige Art und Weise wirkt der schmale Roman aber auch anachronistisch.

Burgess beschreibt in seinem Roman auch eine Coming-of-Age-Geschichte. Zu einer Zeit, in der sich die Jugendkultur gerade erst entwickelte und die erste Phase der seichten Teenagerrebellion, inspiriert durch Elvis Presley, gerade abebbte, schreibt Burgess Anfang der 1960er Jahre von der gewalttätigen Jugend, die ihre Religion in Plattenläden sucht. Sie haben einen eigenen Dresscode, eigene Rituale, eine eigene Sprache und sind, oh Schreck, verloren für die bürgerliche Welt. Und das lange, bevor es ein Musikfestival wie Woodstock gab und „die Jugend“ in den unterschiedlichen Subkulturen  auf Identitätssuche ging. Horrorschau! So kriminell wie Burgess es sich vorstellt, ist die verlorene Jugend dann nämlich doch nicht geworden. Trotz Plattenläden.

Im letzten Kapitel wird Alex dann natürlich auch „gutbürgerlich“, der ehemalige Problem-jugendliche träumt von einer spießigen, normalen Existenz. Ursprünglich wollte der US-Verleger dieses Kapitel streichen, „zu britisch“ so der Tenor. Dabei ist es so wichtig, denn es zeigt, dass sich jeder Mensch ändern kann, wenn er will und dass wir eben keine Roboter sind, die nur nach dem immer gleichen Reiz-Reaktions-Schema funktionieren. Und am Ende haben die bösen Jungs auch das Potenzial, gute Bürger zu werden. Böse Mädchen gibt es bei Burgess nicht. Schöne neue Welt.

Anthony Burgess: Uhrwerk Orange. Der Roman zum weltberühmten Film Clockwork Orange.

München. Heyne 1962.

Übersetzt von Walter Brumm

ISBN: 3-543-00250-4

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „[Rezension] Hier kommt Alex – Uhrwerk Orange“

  1. Ein sehr schöner Post. :)
    Habe den Film vor ca. 2-3 Jahren mal gesehen und ehrlich gesagt hat er mich durch seine kuriose Brutalität ziemlich abgeschreckt, sodass ich das Buch gedanklich ganz weit hinten auf die Liste zur RGRC verschoben habe. Durch deinen Post bin ich aber doch wieder neugierig geworden. Dass das Lied von den Hosen auf Clockwork Orange abspielt war mir bisher auch noch gar nicht so bewusst.
    Vielen Dank für den Motivationsschub!

    1. Liebe Cirilla,

      das freut mich sehr und vielen Dank! :) Ich dachte erst, mein Post sei etwas zu lang geworden, um so schöner, dass er dich inspirieren konnte. Als ich den Film gesehen habe, war ich das erste Mal auch abgeschreckt und gleichzeitig fasziniert. Jetzt, nach dem ich den Roman gelesen habe, müsste ich ihn eigentlich noch einmal sehen. Es ist wirklich spannend, was ich schon alles für tolle Romane durch die RGRC entdecken konnte und Clockwork Orange gehört sicherlich dazu. :)

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