[Rezension] Leidenschaftliche Buchmenschen – Lieber Mr. Salinger

130_0515_153886_xlBuchmenschen sind besondere Menschen. Joanna Rakoff beschreibt in ihrem unterhaltsamen Roman Lieber Mr. Salinger nicht nur ihre eigenen Erlebnisse in einer New Yorker Literaturagentur, sie schreibt auch von leidenschaftlichen Buchmenschen und natürlich J. D. Salinger. Vor allen Dingen aber schreibt sie davon, wie es ist, als graduierte Literaturwissenschaftlerin in der Arbeitsrealität anzukommen und nicht nur deshalb, habe ich diesen Roman sehr gemocht.

    Dieses Buch erzählt die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so gut ich sie erzählen konnte. (S. 9)

Joanna ist 23 Jahre alt, gerade mit der Uni fertig (Thema der Abschlussarbeit war Sylvia Plath), voller Ideale und ohne rechte Perspektive. Nach einem London-Aufenthalt kehrt sie in die USA zurück. Ihren langjährigen Freund hat sie verlassen und sie teilt ihre Wohnung mit ihrem neuen Freund, dem Möchtegern-Schriftsteller Don. Die Beziehung ist nicht einfach und ehrlich gesagt, habe ich ohnehin nicht verstanden, wie Joanna es mit so einem Typen aushalten konnte. Don schreibt und das ist auch Joannas Traum.

Tag für Tag saßen wir mit übereinandergeschlagenen Beinen auf unseren Drehstühlen, nahmen für unsere Chefs Anrufe entgegen und geleiteten mit der gebotenen Mischung aus Begeisterung und Diskretion Autoren herein, ohne dass dies je darüber hinwegtäuschen konnte, das wir nicht deshalb in diesem Job gelandet waren, weil wir Schriftstellern Wassergläser reichen, sondern weil wir selbst Schriftsteller werden wollten und dies offenbar der salonfähigste Weg dahin war, auch wenn eigentlich jetzt schon deutlich wurde, dass es sich dabei um einen Trugschluss handelte. (S. 12)

Glücklicherweise geht es nicht nur  um Typen, sondern auch um Joannas ersten Job in einer Literaturagentur, die unter anderem J. D. Salinger vertritt.  Die Literaturagentur ist auch für das Jahr 1996 wirklich old school. Es gibt keine Computer, dafür Bücher über Bücher und wunderbare Buchmenschen, die für ihre Autor_innen alles tun würden und für Joanna unglaublich viel Glamour ausstrahlen – gerade dann, wenn sie Joanna nicht wie ein Möbelstück behandeln, sondern mit ihr sprechen.  „Jerry“ ist der Liebling von Joannas Chefin und gleich am ersten Tag wird ihr eingeschärft, dass sie auf keinen Fall die Adresse von Salinger, der es vorzieht, anonym und ruhig zu leben, herausgeben darf. Joannas Aufgabe besteht darin, Diktate ihrer Chefin abzutippen und ganz in Der Teufel trägt Prada – Manier als kleines Rädchen im Getriebe doch bitte nicht den großen Betrieb aufhalten. Außerdem soll sie die Fanpost für Salinger beantworten. Und das ist gar nicht so leicht.

Es gab Zuschriften, die ich im Laufe meiner Lektüre in die Kategorie ,tragische Briefe‘ einordnete: geschrieben von Menschen, deren geliebte Angehörige im Kampf gegen den Krebs jahrelange Trost in Salingers Büchern gefunden hatten; Menschen, die ihren sterbenden Großvätern Franny und Zooey vorgelesen hatten, die nach dem Verlust ihrer Kinder, Ehepartner oder Geschwister wie besessen Neun Erzählungen auswendig gelernt hatten. Und natürlich gab es auch hier The Crazies, die Verrückten, die sich mit schmierigem Bleistift über Holden Caulfield ausließen, begleitet von einer schmutzigen Haarlocke, die aus dem zerknitterten Papier auf meinen Schreibtisch fiel. (S. 89)

Aber Joanna kann es irgendwann nicht mehr übers Herz bringen, die persönlichen Lebensgeschichten und Leseeindrücke der Fans mit einem Standardbrief abzukanzeln und schreibt persönlich zurück. Außerdem steht ein großes Projekt an. Eine Erzählung Salingers, Hapworth, soll als dünner Einzelband erscheinen. Aber der Autor hat ganz eigene Vorstellungen und der Verleger scheint mit der Aufgabe ebenfalls überfordert zu sein.

In Rakoffs Roman geht es in den starken und beeindruckenden Passagen um die Liebe zur Literatur, die ersten aufregenden Schritte in die Arbeitswelt und den Versuch, die eigenen Träume nicht an der Realität scheitern zu lassen. Umso erstaunlicher ist, dass Joanna bis zur  Hälfte des Romans keinen Salinger gelesen hat. Die verrückte Leseratte liest zwar mal eben an einem Tag Unendlicher Spaß, weil der Roman zufällig im Büro eines Kollegen steht, kennt sich aber lange Zeit kaum mit dem größten (und schwerhörigsten !) Schriftsteller aus, den die Agentur vertritt. Als sie Salinger endlich (!) liest, werden seine Texte zur Offenbarung :

Salinger war nicht annähernd so, wie ich gedacht hatte. Nicht annähernd. Salinger war knallhart. Knallhart, witzig und sehr genau. Ich war Feuer und Flamme für ihn und für alles, was er geschrieben hatte. (S. 234)

Salingers Romane bleiben für Joanna etwas besonderes, sie werden zum Ereignis und das ist wirklich mitreißend geschrieben. Aber auch William Faulkner oder Joan Didion stehen auf Rakoffs Leseliste. Ihre Leidenschaft für Literatur ist ansteckend und macht Lust auf mehr. Lieber Mr. Salinger ist ein  Roman, der den Flair von New York und einer altehrwürdigen Literaturagentur genauso gut einfängt, wie die Faszination für  Lieblingsschriftsteller_innen, die unser Leben prägen. Kleine Abzüge in der B-Note gibt es allein deshalb, weil der Fokus zum Teil sehr stark auf den Beziehungsproblemen mit Don liegt. Allerdings gibt Rakoff so viele tolle Literaturtipps, dass mich Dons Unmöglichkeiten nach einiger Zeit nicht mehr so sehr nerven konnten. Stattdessen möchte ich jetzt sehr dringend noch mehr von Salinger lesen. Oder Unendlicher Spaß. An einem Tag.

Joanna Rakoff : Lieber Mr. Salinger (My Salinger Year).

Übersetzt von  Sabine Schwenk.

Albrecht-Knaus-Verlag München 2015.

ISBN: 978-3-8135-0515-3

Vielen Dank an lovelybooks für  die tolle Leserunde!

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

3 Kommentare zu „[Rezension] Leidenschaftliche Buchmenschen – Lieber Mr. Salinger“

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