Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann. (Die Blechtrommel, S.1)

Ich habe Die Blechtrommel (1959) von Günter Grass vor mehreren Jahren im Urlaub gelesen und war begeistert. Auch wenn die Verfilmung von Schlöndorff (1979) zum Teil recht eklig ist (Stichwort: Pferdekopf), lohnt sich der Film ebenso wie der Roman. Oskar Matzerath beschließt im zarten Alter von drei Jahren, gesegnet mit dem Verstand eines Erwachsenen, nicht mehr weiter zu wachsen und verweigert sich so der Welt der Großen und der Welt der Verantwortung. Wir lernen ihn kennen, als er bereits in einer Anstalt sitzt und sein wechselvolles Leben Revue passieren lässt. Statt sich der Welt anzupassen,  trommelt er und bringt nicht nur die Nazis aus dem Takt, sondern schreit, bis Glas zerspringt.

Im Film sind Thalbach und Benett meine absoluten Favoriten. Es gibt Brausepulversex, einen kleinen Jungen der Glas zersingt und eine Trommel. Und noch so viel mehr. Schlöndorffs Verfilmung wurde 1980 als bester fremdsprachiger Film mit dem Oscar (uiuiui, Oskar! ;)) ausgezeichnet. 1999 erhält Grass für Die Blechtrommel den Literaturnobelpreis.

Wenn ihr zufällig mal in Lübeck seid, besucht doch mal das Günter-Grass-Haus, das 2002 seine Türen öffnete. Dort bekommt ihr einen gelungenen Einblick in das umfangreiche Werk des engagierten und streitbaren Künstlers, der seine Wurzeln eigentlich in der bildenden Kunst hat und Mitglied der Gruppe 47 war. Am besten haben mir die Zitate über den Künstler gefallen. Mario Adorf kommt zu Wort, aber auch Karl Lagerfeld ( „Ich hasse schmuddelige Intellektuelle, Günter Grass sollte sich mal Schlips und Kragen zulegen, er würde jünger wirken”).

Zuletzt war Grass 2013 wegen eines israelkritischen Gedichts in die Schlagzeilen geraten, aber auch seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS, die er in seinem Roman Beim Häuten der Zwiebel thematisiert, sorgte für einen medialen Shitstorm.

Gestern ist Günter Grass im Alter von 87 Jahren verstorben. Und ich möchte noch so viel mehr von ihm lesen.

 

Hat vielleicht noch jemand einen Grass-Lesetipp für mich?

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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