[Rezension] Verborgene Symmetrien und schwarze Flecken – Wiederholte Verdächtigungen

reichelt100_v-edgewiseKatharinas Freund Christoph ist verschwunden. Einfach so, ohne offensichtlichen Grund. Morgens ist er noch da, dann kommt er nicht mehr zurück. Katharina erhält eine SMS, dass er sich in irgendeine Aktion „idiotisch verrannt“ habe, das war’s. Katharina bleibt nichts anderes übrig als zu warten und zu rätseln und sich zu fragen, ob sie vielleicht schon von Anfang an Christoph nicht richtig verstanden hat. Auch seine Schwester Anne hat keine Ahnung, was hinter Christophs Verschwinden stecken könnte. Dabei hat Anne viel mit Christoph zu tun, der sich regelmäßig auch um ihren Sohn Finn kümmert. Auch Christophs Eltern verhalten sich rätselhaft und seine Freunde wissen auch nicht weiter.

Katharina versucht mit der schwierigen Situation so rational wie möglich umzugehen. Sie ist Schriftstellerin und versucht sich der Situation und Christoph wieder zu nähern, indem sie auf Distanz geht, ihre Analysekompetenzen nutzt, mit den realen Bedingungen so umgeht, als würde sie an einem Roman arbeiten:

Wenn Katharina über die Figuren in ihren Texten nachdenkt, wenn sie den Überblick verliert über die Themen, die Orte, die Gegenstände und Erzählstränge, dann nimmt sie ein großes Blatt Papier und versucht alles, was wichtig ist, auf diesem Blatt unterzubringen. Figuren, Themen, Gegenstände, Fragen. Es sind nur vorläufige Skizzen, in denen sie ständig Veränderungen vornimmt und mit dicken Pfeilen Verbindungen kennzeichnet. Manchmal erkennt sie auf diese Weise Zusammenhänge oder Symmetrien, die ihr bis dahin verborgen geblieben waren. (S. 25)

Als Leser_in geht es mir hier genau wie Katharina. Ich weiß nicht, was eigentlich mit Christoph passiert ist und beginne sofort zu spekulieren. Stimmt es, dass in der Beziehung zu Katharina alles in Ordnung war oder stimmt das nicht? Läuft sein Dissertationsprojekt vielleicht doch nicht so rund? Ist er mit seinem Wohnort nicht zufrieden? Was hat Anne mit Christophs Verschwinden zu tun und liegt es am Ende an den roten Pünktchen auf Finns Haut, die dafür gesorgt haben, dass Christoph untergetaucht ist? Als Christoph dann nach vier Tagen wieder da ist, haben sich die vielen Fragen aber keinesfalls aufgelöst.

Jutta Reichelt hat einen feinsinnig komponierten Roman geschrieben, der an keiner Stelle schwer oder schwierig wirkt. Schon das Motto des Textes, ein Zitat von Herta Müller („Das Schweigen ist keine Pause zwischen dem Reden, sondern eine Sache für sich.“), sprach mich sofort an und die Begeisterung für den Text ließ nicht nach. Es geht um Familiengeheimnisse und vergangene Ereignisse, die ihre langen Schatten bis in die Gegenwart werfen. Nicht alle Geheimnisse werden aufgelöst, einiges bleibt Leerstelle und lässt mir viel Interpretationsspielraum. Das gefällt mir sehr, denn hier muss ich akzeptieren, dass es Gründe gibt, die ich mir nur erschließen kann, die nicht explizit gemacht, mir nicht auf dem Silbertablett präsentiert werden. Vielleicht habe ich deshalb so gerne und so lange an diesem Text gelesen, mich mit ihm beschäftigt und auseinandergesetzt. Die Geschichte bleibt so spannend bis zum Schluss und wird nur durch kleine alltägliche Begebenheiten aufgelockert, die doch immer wieder auf das große Ganze verweisen. So beginnt Katharina mit einigen handwerklichen Arbeiten um sich abzulenken, um das ständige Fragen vielleicht etwas abzubremsen. Sie beginnt alte Möbel zu restaurieren.

Wie schon bei der Treppe kommt es ihr jetzt wieder fast wie ein Zaubertrick vor, dass der gerade noch so harte Lack innerhalb von Sekunden Blasen wirft, wenn er einem Strahl heißer Luft ausgesetzt ist. Aber es funktioniert nicht immer. Manchmal bleibt der Lack, wie er war, nur dass auf einmal das Holz zu kokeln beginnt. Schwarze Flecken, die dann mühsam abgeschliffen werden müssen. (S. 58)

Die Beziehung von Katharina und Christoph wird ebenfalls einer riesigen Belastungsprobe ausgesetzt. Die Ereignisse der Vergangenheit wirken wie ein unaufhörlicher Schwelbrand, wie ein gefährliches Kokeln im Hintergrund, dass von den Beteiligten zunächst gar nicht richtig erkannt werden kann. Jeder Mensch reagiert anders auf so eine unterschwellige Bedrohung. In Wiederholte Verdächtigungen wird gekonnt die große Frage gestellt, ob es uns überhaupt gelingen kann, einen Menschen wirklich zu kennen. Was macht unser Ich aus? Werden wir zu anderen Menschen, wenn wir Geheimnisse erfahren, von denen wir nichts ahnen konnten? Wann beginnt eine Geschichte? Ist es überhaupt möglich, mit den schwarzen Flecken oder verborgenen Symmetrien der Vergangenheit umzugehen? Der Roman ist nicht nur fesselnd geschrieben, er beschäftigte mich auch über die schmalen 182 Seiten hinaus. Er lässt mich nachdenklich zurück, weil mich dieser schwarze Fleck von Christopher doch viel mehr berührt hat, als ich anfänglich gedacht habe. Wiederholte Verdächtigungen ist ein wirklich starker Roman, den ich euch nur ans Herz legen kann.

Jutta Reichelt: Wiederholte Verdächtigungen. Klöpfer&Meyer 2015.

ISBN: 978-3-86351-093-0

Vielen Dank an die tolle Leserunde bei Lovelybooks :)

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „[Rezension] Verborgene Symmetrien und schwarze Flecken – Wiederholte Verdächtigungen“

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