[Rezension] Unterwegs mit Monstern – Der große Trip/ Wild

„Wandern ist Gehen in der Landschaft. Dabei handelt es sich um eine Freizeitaktivität mit unterschiedlich starker körperlicher Anforderung, die sowohl das mentale wie physische Wohlbefinden fördert. Charakteristisch für eine Wanderung sind:

  • eine Dauer von mehr als einer Stunde,
  • eine entsprechende Planung,
  • Nutzung spezifischer Infrastruktur sowie
  • eine angepasste Ausrüstung“
Deutscher Wanderverband (2010)
Was haben die frühen Romantiker, Christopher McCandless, Mönche und Hape gemeinsam? Richtig, alle Welt scheint zu wandern, am liebsten in die Wildnis und das schon seit einigen Jahrhunderten. Diese Wanderung oder Pilgerreise hat in der Regel erbaulichen Charakter und wenn die Ausrüstung stimmt, fehlen am Ende vielleicht ein paar Zehennägel, aber die spirituelle Erkenntnis ist so gut wie sicher.
Spätestens seit Sean Penns Film Into the Wild (2007), zeigen sich aber auch die Schattenseiten dieses Phänomens.  Jon Krakauer schrieb die Romanvorlage zum Film, in dem ein deutsches Wanderregelwerk keine Rolle spielt. Im Film geht es um den Aussteiger Christopher McCandless, der die 25 000 Dollar, die er für die Uni gespart hatte, kurzerhand an Oxfam spendet und sich auf einen Trip quer durch die USA begibt. Thoreau, Kerouac – die Idee ist nicht neu, endete für den Idealisten allerdings tödlich und das nur wenige Meilen von der Zivilisation entfernt. Tragisch.  Vielleicht hat gerade deshalb seine Geschichte  als romantisierendes Märchen Einzug in die Popkultur gehalten hat.  Ellis Paul widmet ihm sogar eine eigene Ballade *klick* und zahlreiche YouTube-Videos zeigen die pilgernden Fans, die noch zwanzig Jahre später den Bus von McCandless in Alaska aufsuchen.
Unterwegs mit Monstern
TheTrip_WildDoch warum machen sich Menschen überhaupt auf den Weg? In Cheryl Strayeds Roman Der große Trip/ Wild  ist die Ausgangslage ziemlich klar. In ihrem Leben ist gerade alles aus dem Lot geraten, ihre Mutter ist gestorben, ihre Ehe vorbei, die Uni verlässt sie ohne Abschluss und Drogen  sind ebenfalls im Spiel. Durch puren Zufall entdeckt die sechsundzwanzigjährige beim Einkaufen einen Reiseführer, in dem der Pacific Crest Trail, ein 4000 Kilometer langer Wanderweg  vorgestellt wird. Von Mexico bis nach Kanada, durch die Wüste und Nationalparks – der Trail ist eine Herausforderung und für Cheryl ein neues Ziel. Ist der Trail geschafft, hat sie vielleicht auch wieder ihr Leben im Griff. Eine richtige Planung gibt es allerdings nicht, Cheryl agiert wie so oft in ihrem Leben aus purem Bauchgefühl heraus und steht damit den oben erwähnten Abenteurern in nichts nach.
„Auf das, was da in mir wuchs, sollte ich mich Jahre später besinnen, als Trauer mein Leben aus der Bahn warf. Es gab mir den Glauben, dass mich eine Wanderung auf dem Pacific Crest Trail wieder zu dem Menschen machen konnte, der ich einmal gewesen war.“ (S. 30)
Hundert Tage wandern für 4000 Kilometer? Sollte wohl gehen, denkt sich Cheryl und macht sich auf den Weg. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: natürlich dauert der Weg sehr viel länger. Cheryl hat keine Ahnung vom Wandern, aber ist umso begeisterungsfähiger. Eingedeckt mit jedem überflüssigen Krempel, den man ihr im Fachhandel anbietet, beginnt sie ihre Reise mit einem kiloschweren Rucksack (Spitzname: das Monster), den sie noch nicht einmal ohne Hilfe aufsetzen kann. Ihre Wanderschuhe sind zu klein, das Monster ist zu schwer und ihre eigene körperliche Fitness hat sie auch unterschätzt.
Weit und breit ist sie eine der wenigen Frauen, die sich das Abenteuer zutrauen und die wirklich alleine wandert. Und sie ist schon ein sehr besonderer Mensch – oder wer käme ernsthaft auf den Gedanken eine Riesenpackung Kondome mit in die Wüsteneinsamkeit zu nehmen? Doch neben diesen absurd-komischen Szenen, konnte ich Cheryl in vielen Situationen einfach nur bewundern. Wandern, lieber Deutscher Wanderverein, ist hier mehr als ein Gehen in der Landschaft. Cheryl sucht sich ihren Weg, der Pacific Crest Trail wird auch eine Reise in ihre eigene Vergangenheit. Sie hat keine Angst, sie kämpft um jeden Kilometer und je mehr sie sich ihre Hüften am Monster wundscheuert, um so deutlicher wird ihr, dass sie nicht aufgeben darf.
 
Ich blickte nach Norden, in ihre Richtung – der bloße Gedanke an die Brücke war mir ein Ansporn. Ich blickte nach Süden, wo ich herkam, in das wilde Land, das mich vieles gelehrt und mich demütig gemacht hatte, und erwog meine Möglichkeiten. Mir war klar, dass es nur eine gab. Es gab immer nur eine. Weitergehen. (S.15)
Strayeds Memoiren waren in den USA ein Bestseller, die Verfilmung Wild  mit Reese Witherspoon lief seit Januar in den deutschen Kinos. Kein Wunder, gelingt es Strayed doch mit einer großen Portion Selbstironie von einer Reise zu berichten, die ihr Leben verändert hat und die McCandless  nicht mehr erzählen konnte. Alaska ist zwar nicht der Trail, aber das Bedürfnis  einige Zeit in der Wildnis zu leben und sich dadurch über die eigene Lebenssituation klar zu werden, zieht sich durch beide Romane. Auch wenn das Ende nicht unterschiedlicher hätte sein können. To stray bedeutet streunen, herum-vagabundieren. Klickt man auf die Homepage der Autorin, kann man sich kaum vorstellen, dass diese vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin, die beispielsweise für die New York Times, die Washington Post oder auch die Sun schreibt, einmal so ein chaotisches Leben hatte. Oprah liebt solche Geschichten, in denen Trailerparkelend und Villenviertel nur noch einen Katzensprung voneinander entfernt liegen. Und es stimmt. Strayed schreibt fesselnd und doch mit einem Augenzwinkern. Ihr autobiographischer Roman ist voll von eigenen Schwächen und Fehlentscheidungen und deshalb so authentisch, dass ich ihr  trotzdem innerlich zu jubeln muss. Kaum habe ich den Roman zugeklappt, möchte ich pilgern wie Hape oder bloß raus in die Natur und mich auf den Weg machen. Ich will nicht Walden lesen – ich will wandern. Und von inspirierenden Frauen lesen, die ihre eigenen Wege gehen.
Wenn ihr ein Mutmach- Buch braucht, ist Der große Trip/Wild genau richtig!
Cheryl Strayed: Der große Trip. Aus dem Amerikanischen von Reiner Pfleiderer. Goldmann 2015. 448 Seiten.
ISBN: 978-3-442-15859-1
 
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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

4 Kommentare zu „[Rezension] Unterwegs mit Monstern – Der große Trip/ Wild“

    1. Oh, da bin ich auf die falsche Taste geraten … Also es wäre wohl so weitergegangen: … doch besser nachvollziehen, welch unterschiedliche Gründe dazu führen können, sich auf den Weg Zug machen … herzliche Grüße!

      1. Liebe Jutta,

        danke für deinen Kommentar. Der Roman hat mich ganz beschwingt zurückgelassen, das konnte man hoffentlich beim Lesen erkennen. Das war so schön und ist manchmal so wichtig. (Ich such schon mal einen Wanderrucksack ;))

        herzliche Grüße, eva

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