[Rezension] Lost in Translation – Alle Tage

„Nennen wir die Zeit jetzt, nennen wir den Ort hier. Beschreiben wir beides wie folgt.“ (S.11)

An einem Klettergerüst hängt ein halb erschlagener Mann, kopfüber. Er heißt Abel Nema. „Nemec“ bedeutet stumm, Abel bedeutet auf Hebräisch Hauch, liest man seinen Namen rückwärts heißt er „Amen“. Luther übersetzte Amen mit „wahrlich“, vielleicht kennt man den Ausspruch als ein „so sei es“. Doch wer oder was ist hier eigentlich? Abel Nema ist ein Fremder. Er gehört eigentlich gar nicht richtig auf diesen Spielplatz und überhaupt ist es schwierig zu sagen, wohin er wirklich gehört. Wer ist Abel Nema? Sein Leben ist besonders, es ist Höllenfahrt und Passionsgeschichte in einem. Und bereits am Anfang erfahren wir, wovon Abel spricht, wenn er denn spricht:

Wovon ich rede, sind herzzereißende undoder komische Geschichten. Extremes und Skurriles. Tragödien, Farcen, echte Tragödien. Kindliches, menschliches, tierisches Leid. Echte Ergriffenheit, parodierte Sentimentalität, skeptischer und ehrlicher Glaube. Katastrophen selbstverständlich. Natur- und andere. Und ganz besonders: Wunder. Was die anbelangt, ist die Nachfrage stets enorm. (S.7)

Abel Nema ist ein Flüchtling. Sein Vater war Lehrer, liebte Schlager und hatte ein himmelblaues Auto. Als er die Familie verlässt ist nichts mehr wie zuvor. Als Abel nach dem Abitur seinem besten Freund seine Liebe gesteht und vor Verzweiflung fast auf die Knie sinkt, reagiert Ilja nur mit einem genervten „Na!“ und Abel bleibt allein. Er flieht vor der Einberufung und dem drohenden Krieg in ein fremdes Land, in die Stadt B. Er kennt sich nicht gut aus, er verirrt sich leicht. Er gehört nirgends hin.

„Die Sache sei simpel, sagte Abel. Der Staat, in dem er geboren worden sei und den er vor fast zehn Jahren verlassen habe, sei in der Zwischenzeit in drei bis fünf Staaten gespalten worden. Und keiner dieser drei bis fünf sei der Meinung, jemandem wie ihm eine Staatsbürgerschaft schuldig zu sein. Dasselbe gelte für seine Mutter, die nun zur Minderheit gehöre und ebenfalls keinen Paß bekomme. Er könne hier nicht weg, sie könne von dort nicht weg. Man telefoniere. Einen Vater gäbe es auch, dieser besäße sogar die Bürgerschaft eines sechsten, also unabhängigen Nachbarstaates, allerdings sei er vor nicht ganz zwanzig Jahren verschwunden und seitdem unauffindbar. Ach so, und da er selbst einer Einberufung nicht Folge geleistet habe, gelte er bis auf weiteres als Deserteur.“ (S.41)

Er lernt Künstler kennen, die ihn aufnehmen, eine Ziehmutter, die ihn, den Mitte zwanzig Jährigen gerne „das Kind“ nennt,  bis es zu einem Zwischenfall kommt. Er zieht weiter, nimmt die Identität eines anderen an, aber was heißt das schon, und geht zur Universität ohne eingeschrieben zu sein. Er entdeckt sein Talent für Sprachen und er lernt und lernt und lernt. Bis er am Ende zehn Sprachen fließend kann, sein Gehirn wird sogar von der Wissenschaft untersucht. Aber was nützen diese vielen Sprachen, wenn er doch ohnehin mit niemandem spricht? 18624Abel Nema ist ein Genie. Ein Professor aus seinem Land interessiert sich für ihn, den schönen Mann, der nie spricht. Obwohl er sich nicht wirklich um ihn kümmert, kann  Abel fortan promovieren. Über was? Egal, er ist ein Sprachgenie und still wie ein Hauch: „“Deswegen ist alles, was er sagt, so, wie soll ich das sagen, ohne Ort, so klar, wie man es noch nie gehört hat, kein Akzent, kein Dialekt, nichts – er spricht wie einer, der nirgends herkommt”. Als in Abels Heimatland ein Bürgerkrieg ausbricht, ist Abel erst recht verloren. Lost in Translation und zwar ohne Coppolas Zartheit. Er ist da, er reagiert auf das, was da kommt. Er lernt noch mehr Sprachen, er ist noch fleißiger, er geht eine Scheinehe mit Mercedes ein, die unmöglich dem gutaussehenden Fremden widerstehen kann. Und die Ausländerbehörde glaubt das Spektakel. Sie sprechen kaum miteinander, aber er versteht sich sehr gut mit ihrem kleinen Sohn. Er war sein Griechischlehrer, sein Russischlehrer, egal – Hauptsache er kann in der Nähe von Omar sein. Doch Abel bleibt fremd und verloren. Abel Nema ist eine schwierige Figur. Sympathisch, aber auch unheimlich. Abel lädt gerne kleine Jungen in seine Wohnung ein und sieht sie an. Hat sein Tod mit der Gruppe Jungs aus dem Park zu tun? Als sich in der Mitte des Textes ein unerwarteter Gewaltexzess zeigt, bin ich erst einmal geschockt. Zerstörung und Schönheit liegen hier nah nebeneinander.

Mora schreibt wunderbar. Kurze, abgehackte Sätze, Doppelpunkte, ironische Brechungen, Konstantin, konstatiert gerne Dinge und gefühlt wird auf jeder zweiten Seite die Perspektive gewechselt. Der Roman ist anspruchsvoll, Menschen lieben, hassen, töten sich und mittendrin ist das sprachliche Wunder Abel Nema, das versucht, sich eine eigene neue Perspektive zu schaffen. Das ist manchmal grausam und oft wunderschön oder beides.

Als Kind mache ich mir Gedanken um Großes wie das Weltall und die Liebe, heute denke ich praktisch über nichts mehr nach. Ich lebe wie die Amöbe, eine widerstandsfähige, ökonomische Lebensform, der Platz, den ich auf der Erde einnehme, ist nicht größer als meine Fußsohlen, der Abdruck meines Körpers auf einer Matratze, liegend, sitzend, eine Hüftbreite Metallkäfig in fünf Etagen Höhe, und ich praktiziere alle Tage den Frieden. (S. 619)

Die Band Messer aus Münster hat einen Song geschrieben, im Lied Abel Nema heißt es : „Er lebt in jedem Dachstuhl/ Über den Häuptern dieser Stadt/ Er existiert und wird geleugnet/Wie ein Stein fällt er herab … “ Reinhören lohnt sich. *klick*  2004 bekam Mora für den Roman den Preis der Leipziger Buchmesse, in ihrer Laudatio las Sigried Löffler den Roman als politische Metapher für die heimatlosen Migrant_innen, die sich einerseits an jede Situation anpassen können und andererseits doch immer Fremdkörper bleiben. Am Ende sagt Abel Nema „Es ist gut“ – Nichts ist gut.

Terézia Mora: Alle Tage. btb 2010. Originalverlag Luchterhand. 663 Seiten.

ISBN: 978-3-442-74101-4

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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