[Rezension] New York, New York – Floating City

Wohin New York sich im 21. Jahrhundert entwickeln wird? In eine globale und immer schnellere Stadt, deren Bewohner sich konstant über vertraute gesellschaftliche Territorien und Stammesgrenzen hinwegbewegen und dabei neue Muster hervorbringen. Hier wird Zukunft gemacht und ich war dabei es zu dokumentieren.

„If I can make it there, I can make it anywhere“, sangen Liza Minelli und Frank Sinatra bereits 1977 und diese traumhafte Vorstellung von New York geistert auch immer noch in den Köpfen. Doch dieser Weg ist nicht immer legal und oft sind die Übergänge zwischen legalen und illegalen Aktivitäten fließend. Sudhir Venkatesh ist Soziologie-Professor an der Columbia Universität und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Untergrundökonomie großer Städte, z.B. mit Chicago. Seine Recherche in New York begann er 2003, dieses Jahr ist sein Buch erschienen, das von Jürgen Neubauer übersetzt wurde. Floating CityFloating City ist kein Roman, aber eben auch keine rein wissenschaftliche Abhandlung. Das liegt vor allen Dingen an Venkateshs Herangehensweise. Um Kontakt zu den Gangstern, Dealern und Callgirls zu bekommen, die in der New Yorker Schattenwelt ihre Geschäfte abwickeln, muss sich der Soziologe natürlich ins Milieu begeben. Doch schon hier wird es schwierig. Alle Bereiche scheinen in der Stadt der Träume zu verschwimmen. Drogendealer aus der Bronx erscheinen auf schicken Galerieeröffnungen, wohlhabende Studentinnen verdienen nebenberuflich als „Broker“ ihr Geld und managen Prostituierte. Die Verzweigungen der einzelnen Unternehmen, wenn man sie so nennen will, sind so weitreichend, dass Rundumschläge gegen die offensichtlichen Probleme auch an unerwarteten Stellen zu Erosionen führen. Als der Bürgermeister Giuliani in einer groß angelegten Aktion den Time Square von Prostituierten befreien will, sägt er gleichzeitig am Standbein einer ganzen anhängenden Unternehmerkultur, in der durch illegale Geschäfte ein legales Leben erst ermöglicht wird.

,Kriminell‘ war jedoch kein ausreichendes Etikett, wenn man sich ihre Aktivitäten als Ganzes ansah. Diese Menschen waren Suchende. Genau wie die avant-gardistischen Jungunternehmer in den Garagen von Silicon Valley träumten sie davon, ihre Welt zu verändern. Und in ihrem Alltag als Bürger und Verbraucher hielten sie mit ihren illegalen Einnahmen zahlreiche legale Unternehmen am Leben. In diesem Sinne waren sie wichtige Stützen der Gemeinschaft. (S. 200)

Um überhaupt eine wissenschaftliche Sicht auf diese vielschichtigen Zusammenhänge zu bekommen, muss Venkatesh das Vertrauen der Akteur*innen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, gewinnen. So sitzt er in Bars, besucht Luxuspartys und schäbige Absteigen. Eine Hand wäscht die andere und es entstehen interessante Gemeinschaften, zu denen er aber nur bedingt Zugang bekommt. Gleichzeitig muss er seine Forschung nicht nur einmal vor der Universität und Kolleg*innen rechtfertigen. Um dem Vorwurf des Sensationsjournalismus zu entkommen und gleichzeitig das Leben in der Schattenwelt so genau wie möglich recherchieren zu können, wählt er die Perspektive des Dokumentarfilmers. Und wird auch gleich mit offeneren Armen empfangen – unter soziologischer Forschung können sich die meisten der Befragten einfach nichts vorstellen, doch jeder weiß, was ein guter Dokumentar-film ist.

Venkatesh hat einen populärwissenschaftlichen Roman geschrieben, der auch für soziologische Laien informativ ist. Anders als in der traditionellen Soziologie der 1970er Jahre, die gerne „die Armen“ in einer Opferrolle festlegte und dadurch einer ganzen Bevölkerungsgruppe Passivität und fehlenden Ehrgeiz unterstellte, geht Venkatesh davon aus, dass es auf beiden Enden der Einkommensskala Suchende gibt, die mit den Gegebenheiten kreativ umgehen und immer neue Wege auftun um Geld zu verdienen und Geschäfte zu machen. Doch auch wenn viele Menschen in diesem Kosmos „schweben“, im unteren Bereich der Einkommensskala steht mehr auf dem Spiel, ist das Risiko viel größer, wenn es Papas Kreditkarte im Hintergrund nicht gibt. So hat der Dealer Shane Schwierigkeiten die kulturellen Codes der weißen Drogenkonsument*innen zu verstehen und verliert ständig Kundschaft, er muss versuchen sich anzupassen, zu schweben oder er ist pleite. Manjun, der Besitzer des Erotikladens, braucht dringend Geld um seine Familie in die U.S.A zu holen und vermietet ein Zimmer an Prostituierte. Das Callgirl Carla ist hübsch und hat ein Händchen für’s Geschäft, aber der gesellschaftliche Aufstieg bleibt aus, weil sie ihr gewohntes Viertel nicht verlassen möchte. Der Soziologie-Professor trifft die unterschiedlichsten Menschen in Harlem, der Lower East Side oder der Upper East Side und zeichnet interessante Porträts von Suchenden. Gleichzeitig ist Venkateshs Buch mehr als eine Reportage über Gangster und Drogenhandel und die Stadt New York. Mir hat besonders gefallen, wie genau Venkatesh über sein Fach und die wissenschaftlichen Anforderungen an seine Forschung berichtet. Immer wieder reflektiert er auch seine eigene Perspektive und muss am Ende feststellen, dass die Rolle des dokumentierenden Beobachters im Angesicht der vielen Einzelschicksale auch für ihn nicht aufrecht zu erhalten ist. Floating City ist ein gelungenes Sachbuch, voll interessanter Rechercheergebnisse. Es gewinnt einen besonderen Reiz durch den sehr persönlichen Zugang, den Venkatesh wählt und der ihn stellenweise auch poetisch werden lässt, ohne dass er in anderen Kapiteln die Ereignisse verharmlosen würde:

Und wenn die Edel-Zuhälterin und der Getto-Dealer ihre vermeintlich festen gesellschaftlichen Rollen improvisieren und ihre Kommunikation derart schnell anpassen konnten – als handele es sich lediglich um eine Fiktion, auf die sich zwei Menschen einigen -, dann ist das Eingeständnis nicht weit, dass ein kriminelles Leben eine Art Kunstwerk ist. Die globale Stadt ist die Leinwand und gibt den Rahmen vor, doch den Rest haben die Künstler selbst in der Hand. (S. 305)

Sudhir Venkatesh: Floating City. Gangster, Dealer, Callgirls und andere unglaubliche Unternehmer in New Yorks Untergrundökonomie (= Floating City. Hustlers, Strivers, Dealers, Call Girls And Other Lives in Illicit New York).

Übersetzt von Dr. Jürgen Neubauer.

Murmann Publishers. Hamburg 2015. 310 Seiten.

ISBN: 978- 3 – 86774-421-8

Ich habe den Roman im Rahmen einer Lovelybooks-Leserunde gelesen, vielen Dank an den Verlag.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „[Rezension] New York, New York – Floating City“

  1. Hey :)

    Normalerweise würde ich diesem Buch wahrscheinlich keinen zweiten Blick schenken, weil es nicht unbedingt in mein Beuteschema passt, aber das, was du darüber geschrieben hast, hat mir gut gefallen. Ich hoffe, dass ich Glück habe und es demnächst einmal als Print-Ausgabe irgendwo finde, um ein bisschen hineinzulesen. Da es doch ein etwas anspruchsvolleres Thema ist, muss für mich der Schreibstil passen …

    Liebe Grüße und danke
    Ascari

    1. Liebe Ascari, das freut mich sehr. Vielleicht hast du auch Glück und den Roman gibt es in einer Bibliothek in deiner Nähe? Der Schreibstil ist wirklich locker und sehr populärwissenschaftlich, also auch für Nicht-Soziolog_innen kein Problem. Es ist schon zum Teil ziemlich hart, was er da miterlebt, aber sein Buch ist wirklich faszinierend. Danke für deinen Besuch und deinen Kommentar :)

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