[Rezension] Untergehende Märchenwelt – Die Pfaueninsel

Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt, ich weiß von nichts als meiner seligen Insel.

(Friedrich Hölderlin: Hyperion)

Die PfaueninselDie Pfaueninsel liegt in der Havel im Südwesten von Berlin. In Thomas Hettches Roman geht es um eine ganz besondere Bewohnerin dieser kleinen Insel, um ein großes Unglück, tragische Liebe und den Wandel der Zeit.

Einst lebten hier bloß schnöde Kaninchen, dann der  Glasmacher Johannes Kunckel, der sich der schwarzen Magie und Goldmacherei verschrieben haben soll. Doch nicht nur Kunckels Alchemie trug zur Mythenbildung um das 88 Hektar große Eiland bei. Friedrich Wilhelm dem II. diente sie als Liebesnest für seine Affären mit der damals erst 13-jährigen Wilhelmine Enke. Anfang des 19. Jahrhunderts schließlich gehörte die Insel Friedrich Wilhelm dem III. und seiner Frau Luise. Die Pfaueninsel wurde zum preußischen Paradies: exotische Tiere wurden auf die Insel gebracht, Star-Gartenbaumeister Peter Joseph Lenné übernahm die Gestaltung der Anlagen und auch der berühmte Architekt Schinkel darf sich verewigen.

Und hier beginnt die Geschichte, die Thomas Hettche erzählt. Um die feine Gesellschaft bei Laune zu halten, werden nicht nur Tiere in den Menagerien ausgestellt. Auch die kleinwüchsige Marie und ihr Bruder Christian sollen auf der Pfaueninsel leben, die Gäste des Königs herumführen. Ihr Platz ist die Insel, die sie nicht verlassen werden. Der Titel  Schlossfräulein erfüllt Marie zwar mit Stolz, doch letztlich bleibt sie auch für die Besucher ein Ding, ein Kuriosum.

Irgendwann wagte sie es, die Augen zu schließen, um diesem Gefühl nachzuspüren, dem Honigfluß dieses seltsamen Triumphes, der wohl darin bestand, dem König zu gehören. […] Und obwohl ja nichts Unsittliches darin lag, flatterten ihr doch die Augenlider vor Erregung. Wie ein Tierchen war sie. Nein, wie etwas noch viel Geduldigeres. Noch viel Nachgiebigeres. Noch viel Stummeres. Stand mit zitternden Lidern vor dem König und spürte lächelnd auf der eigenen Haut, wie sein Vergessen sie zu einem Ding werden ließ. (S.37)

Doch nicht nur Marie gehört als Ding auf die Insel. Es gibt auch einen „Riesen“ als Pendant zu dem Geschwisterpaar und um den Exotismus komplett zu machen und den lustwandelnden Adligen einen Rundumschlag an Erlebnisqualität  zu bieten, wird auch noch ein Schwarzer auf der Insel einquartiert. Die Alternative für die Bewohner_innen wäre vermutlich ein fahrendes Kuriositätenkabinett gewesen. Doch trotz der sicheren Heimat, dem Titel Schlossfräulein und der märchenhaften Insel voller Tiere und verwunschener Plätze kann Marie nicht glücklich werden. Das gekünstelte Arrangement atmet relativ früh den Hauch von Verwesung: die exotischen Tiere, die Kängurus, Pfauen und Strauße, gehen an den klimatischen Bedingungen zugrunde – machen sich aber so gut auf den grünen Wiesen. Auch Marie wird nicht nur einmal unter Kosten-Nutzenaspekten betrachte. Auf der Insel will niemand, dass sie wächst. Doch Marie ist kein Tier im Zoo, sondern eine intelligente junge Frau, die wie ihr Bruder, unter dem königlichen Ausruf „Monster!“ leidet.

Und so traf schließlich ihr Wort auch Marie noch, der fernwirkende Pfeil, der es war und der so lange nachwirken sollte, das ganze Leben des kleinen Mädchens hindurch. Monster. Mit einem jämmerlichen Wimmern wie ein geschlagenes Tier befreite Marie sich aus der Umarmung des Bruders. Das Wort tat ihr wie nichts, was jemals jemand zu ihr gesagt hatte. (S.15)

Marie interessiert sich für Literatur und sie verliebt sich in Gustav, den Sohn des Hofgärtners, mit dem sie gemeinsam aufwächst. Trotzdem wird sie immer wieder vergegenständlicht, wird benutzt. Sei es von ihrem Bruder, dem König oder Gustav. Marie scheint nirgends richtig wertgeschätzt zu werden. Als Schlossfräulein wird sie zwar geduldet, aber auch belächelt, wie ein hübscher Gegenstand behandelt, der zumindest zu sexuellen Diensten gut ist. Und selbst ihr Vertrauter, Hofgärtner Fintelmann, wünscht sich „ihr Riemen unter die Achseln zu schieben und sie wie ein Spalierobst aufzubinden, damit sie gerade wachse.“

Gustav geht bei Lenné in die Lehre und kommt mit Fragen zurück, die Marie nicht beantworten kann: Liegt die vollkommene Schönheit nicht in der perfekten Form und Normierung? Und ist nicht die vollkommene Schönheit erst der höchste Ausdruck von charakterliche Größe?

Thomas Hettche hat einen Roman geschrieben, in dem nicht nur Fragen nach Schönheit und Norm immer wieder neu aufgeworfen werden. Wer ist Tier, wer ist Pflanze, wer ist Mensch? Dass solche Kategorien überhaupt einmal diskutiert wurden, dass die Klassifizierung Monster/Ding/Tier für Marie tragische Folgen hat, macht Hettche in seinem gelungenen Roman deutlich. Dabei zeichnet er  ein elegantes Porträt des letzten Schlossfräuleins der Pfaueninsel, einer historisch verbürgten Persönlichkeit. Maria Dorothea Strakon lebte wirklich bis ins hohe Alter auf der Insel, doch über ihr Leben sind keine genauen Daten oder Details bekannt. Die Lesenden begleiten Marie auf eine Reise in eine neue Zeit, in der Kleinwüchsige oder Schwarze nicht mehr als Narren bei Hofe landen, sondern als Exoten Teil der perversen Völkerschauen werden, die seit den 1870er Jahren den kolonialistischen Blick der Europäer_innen festigten und bestätigten. Fast wie in einem geschichtlichen Essay entfalten sich ausgehend von der Pfaueninsel und von Maries Geschichte unterschiedliche Diskurse der Zeit, die Hettche bis ins kleinste Detail ausbreitet und die auch verdeutlichen, dass ein so aus der Zeit gefallener Ort kein Paradies für die Ewigkeit bleiben wird. Gartenbaukunst nach Lenné, Botanik, die Dampfmaschine – manchmal gehe ich in diesen lexikalischen Exkursen ein bisschen verloren.

Das Maries „Shawl“ ihr Lieblingsutensil wird, die „Planteure“ sich um die Pflanzen kümmern und Gärtner „recrutiert“ werden, stört mich nicht. Auch die detailreichen Beschreibungen unterschiedlicher sexueller Spielarten war im Zuge der zunächst konstruierten Märchenwelt mit einer Königin, einem verlorenen Ball und „Zwergen“ und „Riesen“ für mich überraschend und sorgt dafür, dass ich mich selbst ein wenig wie eine voyeuristische Besucherin der Pfaueninsel fühle. Hach, diese wilden „Zwerge“. Diese Konstruktion ließe sich noch mit dem Wunsch nach einer märchenhaften Insel erklären, die als außerweltlicher Ort andere Maßstäbe an die Beschreibung ihrer Figuren legt und so interessante Brüche entstehen lässt – denn Marie selbst kämpft ja gerade darum eben kein „Zwerg“ und kein Ding zu sein.  Marie ist gebildet und sanft und verliebt und ein sexuell aktiver Mensch und nicht nur das „Ding“ in einer Freakshow und versucht sich in einer Welt, die ihr nur einen begrenzten Raum zuspricht, zu behaupten. Und ihr Kampf wird sehr authentisch beschrieben. Aber es ist schade und hinterlässt im Zuge der gesamten Debatte um Rassismus in Kinderbüchern einen zumindest schalen Nachgeschmack, dass es einem so versierten allwissenden Erzähler, der sich einerseits nicht um Stilbrüche mit der gewollt altertümlichen Sprache schert („nirgendwo im World Wide Web gibt es am Ende irgendeines links ein Bild von Marie“), andererseits nicht gelingen mag auf rassistische Sprache (N-Wort, „Mohren“) zu verzichten.

Maries tragische Geschichte hat mir – trotz der Kritikpunkte – gefallen. 2014 war Hettches Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert. Eine weitere Rezension, die mir gut gefallen hat, findet ihr auch bei Mara.

 Thomas Hettche: Die Pfaueninsel. Kiepenheuer & Witsch 2014.

ISBN: 978-3-462-045999-4

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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