[Rezension] Auf der Suche nach Pan – Das Labyrinth

„Es heißt, dass die Prinzessin in das Reich ihres Vaters hinab stieg und dass sie dort mit Güte und Gerechtigkeit herrschte, viele hundert Jahre lang, dass sie von ihren Untertanen geliebt wurde und dass sie kleine Spuren hinterließ von ihrem kurzen Dasein auf Erden, sichtbar nur für diejenigen, die wissen, wo sie suchen müssen.“ (Pans Labyrinth)

Das Labyrinth CoverDas Drama Pans Labyrinth (im Original: El laberinto del fauno) gewann 2007 drei Oscars. Guillermo del Toro gelang es auf unnachahmliche Weise eine ganz besondere Fantasy-Horror-Ästhetik zu bedienen: die Erlebnisse des kleinen Mädchens Ofelia während des Zweiten Weltkriegs werden mit einer magischen Ebene verbunden. Der geheimnisvolle Waldmensch Pan stellt ihr in einem Irrgarten drei Aufgaben, die sie erledigen muss um als Prinzessin ins verwunschene Märchenreich zurückkehren zu können. Während der spanische Bürgerkrieg tobt und das Militär Ofelias Zuhause als Stützpunkt entert und gefangene Partisanen foltert, kämpft Ofelia in der Welt des Fauns gegen Kinderfresser und unheimliche Kröten – mit tragischem oder befreiendem Ausgang, ganz wie man das Ende deuten möchte. Pans Labyrinth hat mich damals sehr beeindruckt und gegruselt.

Der schwedische Blogger und Online-Journalist Sigge Eklund hat in diesem Jahr seinen fünften Roman veröffentlicht. Das Labyrinth ist ein spannender Roman, der es den Leser_innen nicht einfach macht. Und wieder geht es um ein verschwundenes Mädchen, vielleicht eine verschwundene Prinzessin. Es ist schwer zu sagen, wer das Mädchen Magda eigentlich ist, das urplötzlich vom Erdboden verschluckt wurde. Schon vor ihrem Verschwinden war sie kaum präsent. Galt als schwierig, still, merkwürdig. Welche Kinder sucht Pan sich eigentlich aus? Und wer ist Pan in diesem Labyrinth?

ofelia-and-faun

Magdas Verschwinden wird aus vier unterschiedlichen Perspektiven gespiegelt. Magdas Eltern, die Psychologin Asa und der Verleger Martin, sind mit der Situation heillos überfordert. Der Verlagsmitarbeiter Tom hat eine enge Beziehung zu Martin, buhlt ständig um seine Aufmerksamkeit und erlebt Martins Situation hautnah mit. Seine Freundin Katja hat ihn vor kurzem Verlassen, sie hat sich auf den Weg nach New York gemacht. Was er nicht weiß:  kurz bevor sie verschwand, entdeckte seine Freundin, die Schulkrankenschwester Katja, blaue Flecken an Magdas Armen. Haben Magdas Eltern mit den Verletzungen zu tun? Hat Katja Magda mitgenommen um sie zu beschützen? Oder hat eine ehemalige Patientin von Asa Magda aus Eifersucht entführt? Ein Roman, der ausgerechnet Das Labyrinth heißt, taucht im Verlag auf. Wer hat ihn eingereicht?

Sigge Eklund hat keinen Thriller geschrieben; keinen Fall entworfen, den ein geniales Ermittlerduo präzise und scharfsinnig auflöst. Vielleicht ist deshalb die Marketing-Strategie von Dumont den Roman als „schwedische Antwort auf ,Gone Girl‘ “ zu präsentieren, nicht die beste Idee. Stattdessen erinnert mich der Roman an Stewart O’Nans Werk Alle, alle lieben dich. Ein Mensch ist verschwunden, wie gehen die Übriggebliebenen mit der Situation um?

Sigge Eklund entfaltet Seite für Seite eine Spur durch das Labyrinth der Lügen und versteckten Geheimnisse, ein Ariadnefaden, der immer unerwartete Wendungen vollzog und den ich den ganzen langen Weg durch diesen Irrgarten aus gescheiterten Beziehungen und kaputten Erwachsenen nie loslassen konnte. Eklunds klare und präzise Sprache und sein Talent dafür, über fast 400 Seiten die Spannung nicht abreißen zu lassen, hat dazu geführt, dass ich den Roman in wenigen Tagen durchgelesen habe. Die verschlungene Geschichte ist in jedem Fall geschickt komponiert, wenn auch die abschließende Perspektive der Prinzessin fehlt. Das macht den Roman nicht einfach. Und diejenigen, die vielleicht wissen, wo sie suchen müssten, scheitern auf mehreren Ebenen. Gulliermo del Toro kann zumindest den Waldgeist als ambivalente oder auch böse Kreatur entwerfen. Der Roman Das Labyrinth macht betroffen und traurig, gerade weil die düsteren Folgen der verwobenen Verfehlungen der Erwachsenen so kaum abzusehen waren.

Sigge Eklund – Das Labyrinth. Aus dem Schwedischen von Nina Hoyer. Dumont 2015.

ISBN: 9-783832-197582

Vielen Dank an Lovelybooks für die Leserunde!

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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