[Rezension] Wahnsinn und Gesellschaft – Die Germanistin

Das Schreiben einer Dissertation ist eine einsame, obsessive Tätigkeit. Man lebt im eigenen Kopf, sonst nirgends. Universitätsbibliotheken sind wie Irrenhäuser, voll von Leuten, die Erscheinungen, Ahnungen, Obsessionen nachgehen. Der Mensch, mit dem man den größten Teil seiner Zeit verbringt, ist der, über den man schreibt. (S. 11)

Es ist der Sommer 1993. In der Bibliothek in Cambridge begegnet der Student und Ich-Erzähler einer wunderbaren Frau. Sie hat ihn ausspioniert und weiß, dass er ein Dissertationsprojekt über den skandalumwitterten Schriftsteller Paul Michel plant. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit Friedrich Schiller und schreibt Schiller auch schon einmal tränenüberströmt einen Liebesbrief, um sich ihre leidenschaftliche Forschung zu vergegenwärtigen. Sie hat keinen Namen, sie bleibt „die Germanistin“ und der Student, ebenfalls namenlos, verliebt sich Hals über Kopf.

Sie gab ihr ganzes Geld für Bücher aus und verbrachte ihre ganze Zeit mit Lesen. Die Bücher waren alle mit kritischen Anmerkungen versehen, Bemerkungen am Textrand oder seitenlangen Kommentaren, die zwischen den Seiten steckten. Sie durchstreifte die Literatur aller Jahrhunderte und hinterließ überall ihre Zeichen. (S.19)

die_germanistin-9783423135023Die Germanistin hat alle Romane von Paul Michel gelesen und eine ganz eigene Meinung von seinem Werk. Besonders eine Bemerkung ihrer vielen hingekritzelten Kommentare geht dem Studenten nicht aus dem Kopf: „Hüte dich vor Foucault“. Doch schon ganz am Anfang seiner Dissertation hat der Student festgestellt, dass Foucault und Michel viele Gemeinsamkeiten haben. Beide beschäftigen sich in ihren Texten mit marginalisierten Gruppen, beide fasziniert das Groteske oder Dämonische, beide sind schwul. Genau wie der Vater der Germanistin. Er lädt das Paar zum Essen ein und die Situation eskaliert. Der Student wusste nicht, dass sein Schriftsteller Paul Michel seit mehreren Jahren in der Psychiatrie sitzt, die Germanistin beschimpft ihn als unverantwortlich, denn die Schriftsteller_innen zu denen man arbeitet, die liebt manch doch. Mit der wissenschaftlichen Arbeit ist also gleichzeitig auch ein humanistischer Auftrag verbunden: „weil du ihn rettest, wenn du kannst, auch wenn du dich selbst aufs Spiel setzt.“ (S.32)

Die Ansprache verfehlt ihre Wirkung nicht. Nur mit einigen Zeitungsschnipseln aus Archiven und einem Liebesbrief Foucaults an seinen einzigen Leser macht der Student sich auf, um mehr über Michel in Erfahrung zu bringen. Quer durch England und dann durch Frankreich und die unterschiedlichsten Institutionen um endlich dem skandalumwitterten Objekt seiner Dissertation zu begegnen. Im Hinterkopf allein die Zeilen eines Artikels, der anlässlich von Michels Verhaftung geschrieben wurde:

Wir sind in Gefahr, einen unserer besten Schriftsteller an die weißen Gefängniswände einer psychiatrischen Abteilung zu verlieren, an dieselben institutionellen Mächte, die er und Foucault so radikal in Frage gestellt haben. (S.40)

Nach der ersten Begegnung beginnt der Student dem Schriftsteller zu verfallen und zwar auf so radikale und obsessive Weise, dass er bald sogar seine Dissertation und auch die Germanistin vergisst. Die Germanistin ist eine besondere Liebesgeschichte, ein philosophisches foucault-fantastisches Fest. Es geht um die Liebe, die Liebe zu Texten, die Liebe zwischen Schriftsteller_innen und ihren Leser_innen. Die Frage danach, ob ein Text erst funktioniert, wenn er einen Lesenden gefunden hat und um den Wunsch eines Schriftstellers, seinen Leser zu finden.

Patricia Dunker spielt mit den unterschiedlichen Ebenen, mit dem historischen Foucault und mit der Autorkonstruktion Paul Michel, so dass anhand von Paul Michels Biografie Foucaults Grundfragen nach Wahnsinn, Wissenschaft und Sexualität eine ganz eigene Brisanz gewinnen. Während des Lesens habe ich Patricia Duncker, die mittlerweile an der University of Manchester unterrichtet, mehr und mehr bewundert. Für diese geniale Konstruktion und diese schlaue Geschichte, die rundum gelungen und zum Schluss nervenzerreißend spannend ist.

Doch: Wen kümmert’s wer spricht, hat jemand gesagt, wen kümmert’s. Man muss Paul – Michel (!) Foucaults Werk nicht bis ins Detail kennen, um Lust an diesem Text zu entwickeln. Der englische Titel Hallucinating Foucault passt auch etwas besser als die deutsche Variante.  Vielleicht macht der Text noch mehr Spaß, wenn einige Begriffe wie Macht,  Disziplin oder Diskurs keine kompletten Fremdworte sind. Der unglaubliche Twist am Ende gelingt aber auch ohne die Kenntnis von Wahnsinn und Gesellschaft und ohne geisteswissenschaftliches Studium.

Patricia Duncker: Die Germanistin (Hallucinating Foucault 1996).

Übersetzt von Karen Nölle-Fischer.

Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage 2012.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „[Rezension] Wahnsinn und Gesellschaft – Die Germanistin“

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