[Rezension] Ein Sommer in Schweden – Schloss Gripsholm

Ein Sommer in Schweden, eine leichte Geschichte – passend zur Jahreszeit. Es wird viel gefaulenzt, am See gelegen, das Schloss betrachtet. Die Prinzessin und Fritzchen (der eigentlich gar nicht so heißt) verbringen eine wunderschöne Zeit und ein leichtes Knistern liegt in der Luft.

 Sie war mir alles in einem: Geliebte, komische Oper, Mutter und Freund, was ich ihr war, habe ich nie ergründen können. (S.22)

Die Prinzessin schnackt gerne auf Platt, der Ich-Erzähler weniger, aber das stört nicht. Als sein guter Freund Karl zu Besuch kommt, wird er ein bisschen eifersüchtig, aber das legt sich bald. Denn das Trio hat eine neue Aufgabe für sich entdeckt: in einem Landschulheim wird ein kleines Mädchen misshandelt. Das Kind, das im ersten Drittel des Textes noch nicht einmal einen Namen hat, flüchtet sich zufällig zu den Freunden und berichtet von der strengen Heimleitung und drakonischen Strafen. Die drei beschließen das Kind zu retten und als erstes ihre Mutter zu informieren:

Karlchen hatte einen juristischen Brief geschrieben, ich einen feinen und die Prinzessin einen klugen. Und den nahmen wir. (S. 156)

Als Karlchen abreisen muss, ist die Situation mit dem kleinen Mädchen Ada noch nicht geklärt. Dafür kommt eine Freundin der Prinzessin vorbei. Billie ist eine faszinierende Frau, sehr sportlich, etwas frech und in der lauen Sommernacht entwickelt sich eine Ménage-à-trois der ganz besonderen Art. Ohne Eifersucht, sehr freundschaftlich, sinnlich und mit sehr viel Wein. Gripsholms_slott_2008 Tucholsky schreibt heiter, beschwingt, beschreibt die Szenen am See und die Urlaubsstimmung und Ausgelassenheit. Wenn Fritzchen mit der Prinzessin spricht, macht er „Plüschaugen“ (S.23), wenn es um Literatur und Kreuzworträtsel geht, kommen sie sich näher. Wenn sie mit Karl im Park sitzen, wird aber auch über Politik gesprochen, wenn auch nicht im Detail. Man macht sich Sorgen:

Ihre Gutmütigkeit verschwindet in dem Augenblick, wo sie etwas verwirrt in die neue Zeit starren und auf den politischen Gegner stoßen, dann krabbelt aus ihnen ans Licht, was in ihnen ist: der Kleinbürger. Unter ihren Netzhemden schlägt ein Herz im Parademarsch. (S.128)

Und das ist bemerkenswert, wenn man sich die Entstehungsgeschichte des Romans anschaut. Nur am Rande und sehr unterschwellig fließen die zeitkritischen Töne in die Sommerfrische. Aber sie sind da, sie stehen neben der heiteren Ausgelassenheit und bestimmen vor allem die Gespräche mit Karl und der Prinzessin.

Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt. Ich denke an eine leichte Geschichte, nicht zu umfangreich, etwa 15-16 Bogen, zart im Gefühl, kartoniert, leicht ironisch und mit einem bunten Umschlag. Der Inhalt kann so frei sein, wie Sie wollen.

Ernst Rowohlt an Kurt Tucholsky

Einen schönen Anfang, den Tucholsky sich für den sommerlichen Text überlegt hat. Die Menschen brauchen 1931 etwas Heiteres für die Freundin, der Briefwechsel ist fiktiv, Tucholskys Leben im Exil in Schweden allerdings nicht. Bereits seit 1929 sitzt der Schriftsteller in einer Villa in Göteborg, seine Warnungen vor Hitler und sein unermüdliches Eintreten für die Menschenrechte verhallten ungehört und trafen ihn tief. Erich Kästner soll Tucholsky als „kleinen dicken Berliner“ bezeichnet haben, der „mit einer Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte“.

Dem politisch engagierten jüdischen Schriftsteller und Journalisten gelingt ein ironisch-heiteres Meisterwerk, das sich nur schwer mit der damaligen Situation des Schriftstellers zusammenbringen lässt. Es bleibt sein letzter Roman, seine andere Liebesgeschichte spielt in Rheinsberg, ein Capriccio das auch autobiografische Züge trägt. Sein bester Freund Carl von Ossietzky, Herausgeber der Zeitschrift Die Weltbühne für die Tucholsky schreibt, sitzt kurz vor Erscheinen des Romans im Gefängnis. Ihm wird nicht nur Spionage vorgeworfen, weil er in seiner Zeitschrift auf die Wiederaufrüstung der Reichswehr hinwies, auch der Satz „Soldaten sind Mörder“, den Tucholsky in einem Artikel formulierte, wird Teil der Anklageschrift. Obwohl Ossietzky kurz darauf freigelassen wird, verhaften ihn die Nationalsozialisten 1933 und werfen ihn ins KZ Sonnenburg in Berlin. An den Folgen dieses KZ-Aufenthaltes stirbt Ossietzky 1938. Da war Tucholsky bereits seit 3 Jahren tot. Nachdem Tucholskys Schriften 1933 verbrannt wurden und ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, wird es stiller um den Exilanten, was auch mit einer fortschreitenden Magenerkrankung zusammenhängt. Ihm ist sofort klar, in welche Richtung sich Deutschland entwickeln wird. Tucholsky plant noch eine große Verteidigungsserie für Ossietzky, doch daraus wird nichts mehr. Ob sein Tod ein Unfall mit Tabletten oder selbstgewählt war, wird sich wahrscheinlich nie klären lassen.

Es ist sicherlich ein Verdienst dieses Schriftstellers, dass man Schloss Gripsholm nichts von diesem Schrecken anmerkt. Der Roman ist ein Sommerbuch, er macht Spaß, ist albern, alles wirkt leicht und unbeschwert. Perfekt für einen Nachmittag am See geeignet. Das Wissen um die geschichtlichen Ereignisse hingegen macht mich sehr betroffen. In diesem Jahr wäre Tucholsky 125 Jahre alt geworden, in diesem Blog gibt es eine ganz tolle Materialsammlung zu Tucholsky *klick* und auf YouTube hat ein freundlicher Mensch eine Deutschlandfunksendung von Helmuth Böttiger hochgeladen. Er bespricht die Biografie Tucholsky. Ein deutsches Leben (2012) von Rolf Hosfeld, die ich sehr gerne gehört habe. *klick* Im Jahr 2000 wurde der Roman mit Heike Makatsch und Ulrich Noethen verfilmt. Der Regisseur Xavier Koller verbindet in seiner Verfilmung die Romanhandlung mit dem realen Leben des Schriftstellers und Zitaten aus seinen Zeitungsartikeln.

Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte. Rowohlt 1964.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „[Rezension] Ein Sommer in Schweden – Schloss Gripsholm“

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