[Rezension] Arbeit ist das halbe Leben, Geheimnisse die andere Hälfte – Marktplatz der Heimlichkeiten

Marktplatz der HeimlichkeitenDas Verlagshaus der NSZ funktioniert wie eine große Maschine. Für den Erfolg der Maschinerie sind viele kleine Rädchen verantwortlich, die den Laden am Laufen halten. Im Debütromroman der schweizerischen Autorin Angelika Waldis, der den verheißungsvollen Titel Marktplatz der Heimlichkeiten trägt,  werden unterschiedliche Akteur*innen der Maschine vorgestellt. Chef des Verlags ist Ott, Spitzname Gott, Chefredakteur ist Zibung, Spitzname „Zi bumst“. Die eine Hälfte des Romans spielt im Sommer, die andere im Winter – beide enden mit einem Knall auf einem Verlagsfest. Und beide Ereignisse haben es in sich. Doch bis zur totalen Eskalation ist es ein weiter Weg und bis dahin kann man sich noch genug Zeit nehmen, die Mitarbeiter_innen kennen zu lernen, von deren Geheimnissen Gott nichts ahnt.

In den kurzen Episoden vor der Katastrophe kommen Tino von der Hauspost, Nadine aus der Kantine, Josette vom Department Human Ressources, die Redaktionssekretärin Lilli, die Fotografin Margit, Verwaltungsrat Albert oder Stevie von der Cleaning Group zu Wort. Insgesamt 26 unterschiedliche Charaktere liefern einen Einblick in ihren Arbeitsalltag, verraten ihre Geheimnisse, ihre Leidenschaften, ihre Laster, ihre Süchte, ihre Ängste. Und über Allem schweben Gerüchte, Geschichten, kleine und große Skandale, die der eine heimlich dem anderen erzählt.

Während das Medienhaus zwar die Geheimnisse der Stars und Geschichten aus aller Welt lesefreundlich aufbereitet und organisiert, stellt sich das Privatleben der meisten Beschäftigten nicht weniger turbulent und aufregend dar. Süchte, Unfälle, Suizidgedanken, Geschwister im Gefängnis, alkoholkranke Mütter, verstorbene Ehepartner, xenophobe Ehepartner, ein verzweifelter Kinderwunsch, eine heimliche Abtreibung und ein verrückter Stalker – niemand steht ohne überraschendes Geheimnis da. Und alle versammeln sich unter dem Dach eines Verlages, der zunehmend marktwirtschaftlich unter Druck gerät.

Get good or get out

Immer wieder ist von Stellenabbau die Rede und der Innovationszwang wird in jedem Ressort sichtbar. Der suizidale Tino von der Hauspost, genannt Postino, hat durch seine Aufgabe im Getriebe Kontakt zu fast allen Beteiligten. Vielleicht ist er das verbindende Element zwischen den unterschiedlichen Arbeitsbereichen, er fällt auf jeden Fall auf, zumindest dem Redakteur Luca, der viel lieber Schriftsteller wäre:

Die Postinoaugen gäben was her für ein Haiku, aber hier drin ist nicht daran zu denken. Hier drin gilt einer als krank, wenn er nach Lyrik riecht. Hier drin sind fünfhundert Anschläge gefragt. (S. 36)

Aber auch Nadine hat mir gefallen, die Köchin, die versucht Karriere und Kinder miteinander zu vereinbaren. Oder Aufsichtsrat Louville, von Haus aus Ethnologe, der nur als entfernter Neffe des Verlagsgründers in seine prominente Rolle gerutscht ist und zumindest versucht, den marktwirtschaftlichen Forderungen eine humanere Lösung entgegenzusetzen. Das macht ihn sympathisch, wenn auch seine Rettungsaktion ins hilflos Lächerliche rutscht.

Ich habe eine Zeitlang in Burkino Faso gelebt, Herr Breuer. Die Stammesleute dort, die Wara von Niansogoni, haben ein Speisetabu. Sie jagen und essen den Büffel nicht, denn der Büffel hat ihr Land begehbar gemacht. Die NSZ ist unser Büffel, Herr Breuer. Louville sagt noch einmal alles auf, was er vor dem Verwaltungsrat gesagt. Er weiß noch jeden Satz. Im Stehen hat er gesprochen, die Hände in den Taschen des Jacketts, damit nicht zu sehen war, wie sie zitterten. (S.148)

Angelika Waldis kleines Kunstwerk gefällt mir auch deshalb so gut, weil sie zwar scharfzüngig und mit einer großen Portion schwarzem Humor die Schicksale ihrer Protagonist*innen erzählt, sie aber nie der Lächerlichkeit preisgibt. Gerade die Volontärin sorgt mit ihren regelmäßigen Wortmeldungen für eine angenehm andere Perspektive, da sie noch nicht so lange im Betrieb arbeitet und vieles kritisch sieht:

was hier so riecht, ist dünkel, ein mix aus bisschen schwarztee, bisschen leder, bisschen frischschweiß, bisschen gebügelt, ja so etwa – das wabert – wabert durch die Korridore, durch offene türen – am stärksten riecht’s in kultur und ausland: ha! wir sind die mit dem durchblick! – die mit dem Scharfsinn! – die mit der echtoriginalität! – sprache: unsere keule! sprache: unsere streichelfinger! ha! – und was schaut raus? eine langweilige Zeitung. (S.45)

Hintergründiger Humor prägt die Geschichten, gleichzeitig werden alltägliche Begebenheiten unerwartet tiefsinnig aufgeladen.  Zum Beispiel wenn Postino, der gerade noch darüber sinnierte, wie leicht es wäre, sich mit einem Sud aus Eibenbuschbeeren zu vergiften („[…] das ginge sogar hier in der Hauspost, mit dem Wasserkocher, den er seit Jahren im Schrank hat“, S.15), im nächsten Moment bei Fred Hansemann im Büro sitzt und mit ihm gemeinsam Bilder von Grottenolmen ansieht. Der Materialeinkäufer hat nämlich einen Faible für ausgefallene Tierchen.

Der lebe im Dunkeln, sagt er, in Tropfsteinhöhlen, möge ganz kaltes Wasser und einen lehmigen Gewässerboden zum sich Einwühlen. Weil sich Postino nicht gebührend entsetzt, sagt Hansemann noch, der Grottenolm habe funktionslose Augen, die seien unter der Haut verborgen. „Dann weiß er wenigstens nicht, wie er aussieht“, sagt Postino, “ ist doch immerhin etwas. Und sich Einwühlen ist auch nicht übel.“ „Das nennt man positiv denken“, sagt Hansemann, „trotzdem: Möchtest du so leben?“ Postino lacht. Er weiß nicht, wie er leben möchte. (S.18)

Markplatz der Heimlichkeiten ist auf ganzer Linie gelungen. Der Text hat mir sehr viel Spaß gemacht, aber auch zum Nachdenken angeregt. Ich hätte liebend gerne gewusst, wie es mit den Figuren, mit ihrer Arbeit und mit dem Verlag weiter geht. Und auch das Ende wirft zumindest Fragen auf.  Manche Szenen waren witzig, andere schwierig oder verstörend, häufig beiläufig böse und hinreißend gut erzählt. Manche Figuren sind sehr schräg, aber am Ende doch liebenswert. Wer sich darauf einlassen kann, 26 unterschiedliche Figuren kennen zu lernen, hat mit diesem Roman sicherlich eine ganze Menge Spaß.

Angelika Waldis: Marktplatz der Heimlichkeiten. Europa Verlag Zürich 2015.

ISBN: 978-3-906272-35-1

 Vielen Dank an Lovelybooks für die Leserunde und den Europa Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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