[Rezension] Der feine Unterschied – Kopf unter Wasser

kopf unter wasserAm Anfang steht ein Mord. Kubiczek beschreibt in seinem Roman die Lebensgeschichte von Henry, der kurz vor der Jahrtausendwende zum erfolgreichen Kultautor wird und im Feuilleton zu Hause ist. Alles ist ein bisschen hip, ein bisschen cool, man verdient zwar kein Geld, aber irgendwie hat man es doch geschafft. Zumindest die einen, die nicht von der schleichenden Prekarisierung ergriffen werden.

 

 

„Henrys Freunde arbeiteten als Architekten und Ärzte, als Assistenten an der Universität, als Journalisten wie er oder Künstler. Die eine Hälfte war angestellt, die andere nicht. Denjenigen, die arbeitslos waren, merkte man es an.“ (S. 61)

Bettina wird seine Freundin, aber Bettina verlässt ihn und zwar für die Kunst und das ist okay für Henry, denn was soll er auch tun. Und Bettina hat eben ihre Gründe. Für die Liebe zu kämpfen kommt für Henry nicht in Frage, stattdessen trennt man sich einvernehmlich, er ist eben ein verständnisvoller Mann. Oder ein Emotionskrüppel. Meine Interpretation schwankt von Seite zu Seite und sorgt gerade nicht dafür, dass ich Henrys Verhalten in irgendeiner Form nachvollziehen kann. Aber Kopf unter Wasser ist hier nicht nur der Titel, sondern auch Henrys heimliches Lebensmotto, das Kubiczec von Anfang bis Ende des Textes (und manchmal auf nervtötende Weise) ausbuchstabiert.

Auf einer Lesereise in Seoul, eingeladen vom dortigen Goethe-Institut, lernt Henry die Praktikantin Birte kennen. Birtes Eltern stammen aus einem ganz anderen Milieu als der Kulturjournalist aus der Uckermark, die Villa mit Garten wird ein Prüfstein für Henry an dem er nur Scheitern kann. Obwohl er erfolgreicher Schriftsteller ist, wirkt er in Gegenwart ihrer Eltern wie ein Emporkömmling, der einmal ein bisschen Glück gehabt hat.

Während ich lese, flüstert eine leise Stimme ziemlich penetrant Habitus, Habitus in mein Ohr. Muss Bourdieu sein. Der sitzt gerade neben meinem Schreibtisch.

[Pierre Bourdieu: Hallo Eva, ich bleibe kurz, denn ich glaube, ich kann hier eine Menge beitragen. Du hast im oberen Abschnitt meine Theorie zur Inflation der Bildungsabschlüsse und generell zur Bildungsexpansion vergessen.

Eva: Danke, Pierre, ergänze ich später.]

Auch Birte und Henrys Eltern können keine funktionierende Beziehung zu einander aufbauen. Aber das ist auch wirklich schwer für Birte, die als ehemalige Vegetarierin direkt zum Schlachtfest auf den Hof von Henrys Eltern eingeladen wird.

Die Stimme flüstert weiter und wird in meinem Kopf zum Dauerrauschen.

[P.B.: Meinst du mich?

Eva: Ja!

P.B. : Ist aber schon ein feiner Unterschied?

Eva: Ach, Pierre.]

Ich habe doch schon längst verstanden, was hier schief läuft. Über das Schlachtfest zu lesen, ist wie einem langsamen Auffahrunfall zu zusehen. Und keiner der Beteiligten ist in der Lage auf die Bremse zu treten oder wenigstens das Steuer herumzureißen.

Als Henrys Mutter loslegt, offenbaren sich die sehr unterschiedlichen Vorstellungen eines guten Lebens, mit denen die weitgereiste Birte, deren koreanische Mutter Musikerin ist und deren Vater als Professor arbeitet, wenig anfangen kann:

„Natürlich, dachte Henry, das musste ja jetzt kommen. Sie [seine Mutter] erzählte von früher, wie gut alles gewesen war, die LPG, die Kleinkindbetreuung, das Schulsystem. Dass ein Brötchen nur fünf Pfennige gekostet und jeder Einzelne im Dorf eine sinnvolle Aufgabe gehabt habe und das Leben als solches damit einen Sinn. Dass es eben nicht nur immer um Freiheit gehe, um Reisen und Konsum, sondern in erster Linie um die Menschen.“ (S. 121)

Von Anfang an läuft es also schief – und nicht nur weil Henry ein beziehungsunfähiger Stoffel ist, die Herkunftsmilieus von Birte und Henry könnten unterschiedlicher nicht sein.

[Ausruf P. B., vergnügt: Habitus, Habitus, Haaaabitus!]

Auch die gemeinsame Tochter kann das schiefe Glück nicht retten. Wie auch, glaubt Henry doch felsenfest, das Kind sei nicht von ihm. Nicht nur hier frage ich mich, was Kubiczeks Text gerade eigentlich sagen will. Dass es in Ordnung ist, dass Henry sein Leben nicht auf die Reihe bekommt und keinen Unterhalt zahlt, weil er überfordert ist? Reicht mir nicht.

[P.B.: Aber du weißt doch, woran es liegt. Soll ich es nochmal erklären?

Eva: plutôt pas… Musste ich googeln.]

Natürlich geht die Beziehung in die Brüche und für Henry geht es rapide bergab. Die Trennung und sein Verfall haben nichts mehr mit Künstlervernissagen und Sekt zu tun, sondern zeigen einen gebrochenen Mann, der sich seinen Problemen nicht stellen kann. Aus Gründen, die Bourdieu ganz anschaulich dargelegt hat.

[P.B.: Ha! Moment, was heißt hier „ganz anschaulich“?

Eva: “ Aus Gründen, die Bourdieu ganz anschaulich dargelegt hat.“ „Aus Gründen, die nur jemand wie Bourdieu so anschaulich und einleuchtend darstellen konnte.“

P.B.: Gefällt mir. Ja, aber Soziolgin biste nich, oder?

Eva: Neee, nur interessiert.

P.B.: Besser als nix!]

Allerdings unternimmt Henry nie den Versuch aktiv etwas zu ändern, sondern richtet sich fataler Weise im Status Quo ein. Übrig bleiben falsche Entscheidungen und viel Mitleid mit jemandem der irgendwie aus der Zeit und der Gesellschaft gefallen ist – und der doch alle Möglichkeiten hatte.

Das Ende ist überraschend und merkwürdig. Die Lösung der Probleme liegt in einem Abgesang an die Kunst, in der Rückkehr zu Natur und Lagerfeuer und zu wilden Frauen, die Henry unter ihre Fittiche nehmen. Ein Stamm Großstadt Amazonen erscheint. Sie lassen die verlorene Seele nicht alleine – zumindest, wenn das irdische Leben vorbei ist. Und hier klärt sich auch, was es mit dem Mord auf sich hat.

Richtig überzeugen konnte mich der Roman nicht. Henry wirkt sehr antriebslos, seine Konfrontationen mit der Berliner Kunstwelt wie schon zum tausendsten Mal erzählt.

[P.B.: Mensch, Eva. Ist doch klar. Habitus, Habitus. Kulturelles Kapital vs. ökonomisches Kapitel. Und übrigens: ich bin doch auch der Sohn eines Landwirts, hast du das denn vergessen?

Eva:Danke, Pierre. Hab ich doch verstanden. Demnächst schreibe ich Rezensionen wieder alleine.

P.B.: Ich kann dir noch einige Arbeiten über soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel empfehlen.

Eva: Aber ich hab doch jetzt schon Kopf unter Wasser gelesen.

P.B.: Na gut, au revoir!

Eva: Tschüss, Pierre.]

André Kubiczek: Kopf unter Wasser. Piper 2012.

ISBN: 9783492274791

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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