[Rezension] Eine lange Seelenwanderung – Kernstaub. Über den Staub an Schmetterlingsflügeln.

Ein Science-Fiction-Fantasy-Epos, der an die Grenzen des Vorstellbaren geht!

Der erste Teil des Science-Fantasy-Epos befasst sich mit den Fragen, die unserer Welt zugrunde liegen, und führt den Leser durch eine Welt aus Träumen, Emotionen und Fantasie.
(aus der Ankündigung für die Leserunde)

Diffraction cover Staub final klein.jpegKaum hatte ich ein paar Zeilen zu Kernstaub: Über den Staub an Schmetterlingsflügeln gelesen, wollte ich den Roman unbedingt selbst einmal in die Hand nehmen. Ich ignorierte meinen leisen inneren Kitschalarm, denn bei Lovelybooks, meiner Lieblingscommunity, wenn es um Rezensionsexemplare und Leserunden geht, häufen sich positive Besprechungen des Fantasy-Science-Fictions und 5 Sterne Bewertungen sind nicht ungewöhnlich. „Tiefgründig“, „poetisch“ – so viel Vorschusslorbeeren für einen Selfpublisher?

Eigentlich lese ich keine Romane, die in Eigenregie herausgegeben wurden. Die positiven Besprechungen machten mich aber so neugierig, dass ich mich an den 927 Seiten Wälzer in E-Bookformat heranwagte. Ohne zu realisieren, dass es sich hier um den Auftakt zu einer Trilogie handelt. Mein Fehler.

Die Story: Matrix meets hopeless Love

Doch worum geht es eigentlich und warum versetzt der Roman Fans in Ekstase? Worum es eigentlich geht, war mir auf den ersten 200 Seiten nicht richtig klar. Danach gewann die Story deutlich an Kontur: es geht um Mara, die ein normales Leben in den 2000 Jahren führt, bis eines Tages merkwürdige Typen vor ihrer Tür stehen, die sie suchen. Durch tausend wirre Verstrickungen hindurch, erkennt sie ihr wahres mystisches Wesen und ihren Seelenzwilling. Der Typ, der am Anfang noch als Bruder ihrer besten Freundin eher eine Schattenexistenz im Text führt, entpuppt sich als ihre große Liebe, die sie schon seit hunderttausenden von Jahren und aus anderen Paralleluniversen kennt. Der tragische Twist: er muss sie halt dauernd umbringen, denn Mara (später heißt sie halt noch anders und er auch) stört den Erhalt des „Systems“. Mara ist Kernstaub, der Kern der Welt wird durch ihre Existenz gestört und ihr Lover muss sie eliminieren und außerdem sind auch noch diese Wächter hinter ihr her. Und wenn zu viele Seelen als Quallen herumschwimmen, kippt das Universum. Ja, genau so. Das ganze spielt in einer Art Steampunkwelt und kaum ist Mara dort angekommen, ist auch schon ihr Arm ab, so dass sie sich die letzten 700 Seiten des Romans mit einem Metallarm herumquält, immer dünner wird, weil es in dem Universum und nach der ganzen Naturzerstörung nicht mehr genügend Nahrungsmittel gibt und sie deshalb meist schwächlich durch die Gegend wankt. Ihr einziger Freund und Gefährte, der ein bisschen nett zu ihr ist, führt mit der Ärztin der Kolonie der letzten Menschen eine ähnliche dysfunktionale Beziehung, wie sie und ihr Seelenzwilling.

Eine Textstelle, die ich in diesem Kontext höchst problematisch fand: der Lover, A’en, schlägt den Kernstaub/also Mara aus lauter Frust, weil er sich nämlich an ihre letzten gemeinsamen Leben erinnern kann und sie halt nicht. Und weil sie ihn so liebt, verzeiht sie ihm natürlich und der arme Mann kann doch gar nichts dafür und er leidet doch auch so, weil sie sich halt einfach nicht an ihre große Liebe erinnern kann und fühlt sich dann schlecht. Und am Ende:  Liebe. Wenn auch verkorkst.

Der Stil – ein Reizthema

Marie Graßhoff schreibt ausufernd. Während auf der einen Seite lange Schachtelsätze dazugehören, begrenzt sich der emotionale Ausdruck der Charaktere auf „schmunzeln“, „grinsen“ und „grummeln“. Wenn Glen zum wiederholten Mal grummelt oder grinst, möchte ich aus Frust in meinen Tolino beißen. Und wenn mir jedes Mal erklärt werden muss, dass in der Stimme eines Protagonisten gerade „schwere Ironie“ (S. 822) mitschwingt, wird mir entweder als Leser*in nicht zugetraut, diese Ironie zu erkennen  oder aber der Text an sich stellt die Ironie der Situation einfach nicht konkret genug dar.

A’en liest in seiner Freizeit gerne Goethe und ich habe manchmal auch das Bedürfnis nach echter Poesie, wenn ich diese Sätze lese:

„Was für ein eigenartiges Gefühl, das alle Gedanken verdrängt und sie in bunte Splitter wandelt, bis sie sich zu einem harmonischen und trotzdem beängstigenden Kompositum vereint haben, das mir die Kontrolle über meinen Willen nimmt.“ (S.760)

Warum werden Gedanken „vereint“ zu einem „Kompositum“? Gedanken sind für mich mehr als Wörter also können sie schon definitorisch kein Kompositum sein. Warum „nimmt“ das wie auch immer geartete Kompositum die Kontrolle über ihren Willen ein? Es ging vorher um A’en und  Mara – sind die beiden das Kompositum? Aber das geht ja nicht, der Satz bezieht sich ja grammatikalisch auf die Gedanken. Oder „nimmt“ doch das Gefühl die Kontrolle über den Willen ein? Steht da aber grammatikalisch eigentlich auch nicht – das zweite „das“ bezieht sich nämlich auf „Kompositum“.Ohne das Fremdwort Kompositum würde mir der Satz besser gefallen. Ich verstehe ihn nämlich so einfach nicht. Und wenn die beiden ein Kompositum wären (eine schöne Vorstellung!) und diese Verbindung ihren Kontrollverlust hervorruft, dann ist das die – meinem Gefühl nach – richtige Bedeutung des Ganzen, steht da aber eigentlich gar nicht…

Noch einige weitere Beispiele….

„Geteiltheit hat die Stadt ergriffen.“ (S. 615) ?

„Und einen entsagenden Blick zu seinem Kaffee zurückwerfend […].“ (S. 610) – Versuche mir gerade die Szene vorzustellen….

„Hm“, machte er leise, „darüber hatte ich schon einige Male nachgedacht.  Die Möglichkeit bestünde theoretisch, aber wenn man sieht, welche Auswirkungen die Tode so vieler Lebewesen auf der Erde auf das System hatten, dann bezweifle ich es.“ Sie schweigt kurz, dann seufzt sie entsagend.“ (S. 830) – Warum „entsagend“ ?

„Das klingt als würdet ihr euch selbst nicht mehr vertrauen“, mutmaßt sie aus (sic!) und einige der Anwesenden nicken versonnen.“ (S. 832) – Versuche mir wieder die Szene vorzustellen..

„Wie ich sehe, seid ihr bereits angekommen“, stellt er fest und Nero bestätigt seine Vermutung noch einmal überflüssigerweise. (S.837) – Wenn es überflüssig ist, warum steht es dann da?

Marie Graßhoffs Stil ist anstrengend. Zum Teil redundant, zum Teil handelt es sich bei ihren Formulierungen um effektvoll inszenierte Worthülsen, die keinen Sinn ergeben. Hätte der Text die Chance auf ein gutes Lektorat gehabt, wäre er vermutlich 1/4 kürzer und allein deshalb schon leser*innenfreundlicher gestaltet. Andere Stellen gefallen mir ausgesprochen gut.  Die Stream of Consciuosness – Elemente von Kapitel 32 zum Beispiel. Und auch, immer wieder, kleine Wortperlen:

Denn jedes Licht ist störend, wenn man Gedanken sehen möchte. (S.337)

Fazit

Marie Graßhoffs Debüt ist kein Must-Read. Die sprachliche Gestaltung hat zumindest bei mir dafür gesorgt, dass die zum Teil tollen Ideen unter einem Textwust  untergegangen sind. Ein gutes Lektorat ist eben nicht zu unterschätzen. Trotzdem hat der Text es geschafft, dass ich irgendwie doch bei der Stange geblieben bin und nicht aufgegeben habe (parallel habe ich 17 andere Romane gelesen, weil ich mich nicht mehr auf die Geschichte konzentrieren konnte). Ob ich allerdings auch noch den zweiten Teil lesen werde, weiß ich gerade noch nicht. Vielleicht ist der Roman ja für euch etwas, mich konnte er nicht überzeugen. Für 99 Cent gibt es ihn bei Amazon.

Marie Graßhoff: Kernstaub. Über den Staub an Schmetterlingsflügeln. (2014)

Seitenzahl: je nach Formatierung zwischen 800 und 1200

ISBN: BOOKASLH4

Zur Homepage der Autorin *klick*

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar und die Leserunde bei Lovelybooks und an Marie!

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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