[Rezension] „Geister und Außerirdische und plötzliche, unerklärliche Todesfälle sind möglich.“ – Der Dieb in der Nacht

Cover Der Dieb in der NachtZehn Jahre seitdem er verschwunden ist, sitzt Paul plötzlich in einer Kellerbar in Prag seinem ehemals besten Freund gegenüber. Zumindest ist Paul Anfangs ganz überzeugt davon, doch im nächsten Moment ist er sich nicht mehr so sicher, ob der Fremde, der sich Ira Blixen nennt und Künstler ist, überhaupt sein bester Freund Felix sein könnte.

Felix verschwand kurz nach dem Abitur spurlos. Er wollte noch eben zum Kiosk und wurde nicht mehr gesehen. Weder seine Mutter Agnes noch seine Schwester Louise noch Paul wissen, was mit Felix passiert ist. Paul ist sich sicher, dass der Künstler der Verschwundene ist und es passt so vieles so gut. Wie Felix hat er ein Muttermal auf der Hand. Doch viel entscheidender: Ira Blixen weiß nichts über seine Vergangenheit, er beschäftigt sich in Prag – der Stadt der Geister und des Golems – mit morbider Kunst. Und genau wie Rabbi Löw den Golem in Gustav Meyrinks Roman aus dem Lehm der Moldau geschaffen hat, hat man auch Blixen aus der Moldau gezogen.Ohne jegliche Erinnerung an sein altes Leben. Unheimlich ist Blixen auf jeden Fall und Prag eine gelungene Kulisse für diesen Geisterroman, der tief in die Psychologie seiner Protagonist_innen eintaucht. Seinen Künstlernamen hat Blixen selbst gewählt. Im Krankenhaus las Ira den Roman Gespensterpferde von Tania Blixen, der als Motto auszugsweise auch dem Text vorangestellt ist:

„Die einzig wirklich wirklichen Dinge“, sagte er nachdenklich, „das sind die, die sich selbst schaffen und anderen Dingen überhaupt nicht ähnlich sehen müssen.“ (Tania Blixen: Gespensterpferde)

Blixen ist Felix, Blixen ist es nicht. Der Künstler hat etwas Unheimliches an sich, seine Identität ist kaum zu greifen. Hat Blixen die Identität von Felix geklaut? Oder ist der echte Felix wieder da? Auf einmal ist Paul voller Hoffnung und stellt Ira den beiden anderen vor. Vielleicht hätte er sich genauer über Tania Blixen informieren sollen. Die Autorin heißt eigentlich Karen Blixen und schrieb lange auch unter den Pseudonymen Isak Dinesen, Osceola, Nozdref’s Cook. Sie hatte viele Namen und Ira Blixen hat viele Gesichter. Manchmal nannte sich Karen Blixen auch Peter Lawless. Und auch Blixen hat etwas von einem Gesetzlosen, der nur den eigenen Regeln folgt.

„My friend once told me something so right He said to be careful of thieves in the night.“
(Hot Chip: Thieves In The Night)

Blixen wird Teil von Pauls, Agnes‘ und Louises‘ Leben und fängt an, seine Umgebung in seinen Bann zu ziehen. Er zieht zu Paul und Louise folgt ihm. Zwischen den Protagonist_innen entwickelt sich ein intensives Vexierspiel zwischen Wirklichkeit und Realität, in der die Identität von Blixen immer wieder neu ausgelotet wird. Und es zeigt sich erst jetzt, was Felix‘ Verschwinden für eine große Lücke im Leben der Zurückgelassen verursacht hat.

„Die planlose Hysterie, die Paul und Louise umgibt, ist wie Treibsand. Wenn man sich den beiden nähert, ist es immer nur eine Frage der Zeit, bis man in ihr versinkt.“ (S. 125)

Zum Teil ist die Spannung kaum zu ertragen und je mehr Blixen in das Leben der Anderen eindringt, umso schwieriger wird es, zu erkennen, wer eigentlich die Fäden in der Hand hält. Die Protagonist_innen haben Geheimnisse, sind auf der Suche nach Liebe und nach Anerkennung und haben alle unterschiedliche Versionen von diesem Tag, an dem Felix verschwand. Mit Ira Blixen und seiner Kunst wächst etwas Neues in den eingefahrenen Beziehungen, etwas Unheimliches. Oder war diese Angst schon immer da und wurde nur jahrelang ignoriert?

„Er hätte sogar über jenen Nachmittag im Sommer sprechen können, der sich immer weiter in sich selbst verschachtelt hat, zu einem grausamen kleinen Origami-Kunstwerk, einer stachelbesetzten Kugel wurde, die in Pauls Brustkorb sitzt, zwischen Lunge und Magen, und manchmal vergisst er sie, die meiste Zeit aber, fast immer, spürt er sie. (S. 37)

Gerade Paul muss seine Rolle neu überdenken. Warum hat er diese intensive Beziehung zu Agnes und zu Louise? Was hat er in der Familie von Felix gesucht, dass er in seiner eigenen Familie nicht finden konnte? Und warum fühlt er sich für Felix‘ Verschwinden verantwortlich?

„Und Paul versteht, dass er etwas mit mitgeschleppt hat aus seinem Traum und in die tatsächliche Welt, eine bestimmte Form der Angst; sie gehört in seine Kindheit, als die Grenzen zwischen Alptraum und Wirklichkeit noch durchlässig waren, als er nachts allein in seinem Zimmer lag und sich fürchtete vor dem Monster unter dem Bett, vor dem Dieb in der Nacht.“ (S.169)

Katharina Hartwell schreibt poetische, elegante Sätze. Über 300 Seiten wird die Spannung aufrechterhalten, werden immer wieder kleine Wendungen eingebaut, die mich die Verstrickungen der Charaktere in ganz neuem Licht sehen und denken lassen. Ich kann kaum aufhören zu lesen. Zeitweise bin ich davon überzeugt, dass Paul ein psychotischer Mörder ist, der eigentlich für Felix‘ Tod verantwortlich ist, dann denke ich wiederum, dass Blixen eigentlich ein Vampir sein müsste. Und dann denke ich, dass Blixen vielleicht gar nicht existiert, sondern als Untoter die Lebenden heimsucht. Der Text ist so gut geschrieben, dass mir alle Varianten absolut plausibel erscheinen. Und schon die Überschrift des Prologs hatte mir bereits verraten: „Geister und Außerirdische und plötzliche, unerklärliche Todesfälle sind möglich.“ (S.11)

Am Ende bin ich ein kleines bisschen enttäuscht, vielleicht weil ich schon zu viele unterschiedliche Überlegungen angestellt habe. Doch das Verwirrspiel endet so elegant wie es begonnen hat und wahrscheinlich hätte es für Ira, Agnes, Louise und Paul einfach kein gelungeneres Ende für diese Geschichte geben können.

Katharina Hartwell – Der Dieb in der Nacht. Berlin Verlag 2015.
ISBN: 978-3-8270-1279-1

Vielen Dank an die Leserunde, an den Verlag und an Lovelybooks!

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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