[Rezension] Szenen einer Ehe – Schwarz und Silber

Ich weiß nicht wann genau dieser Trend ausgelöst wurde, aber Romane über Krebs scheinen gerade im Jugendbuchbereich immer wieder Thema zu sein. Nicht zuletzt durch John Greens Das Schicksal ist ein mieser Verräter, Anthony McCartens Superhero oder Sally Nichols Roman Wie man unsterblich wird, werden Protagonist_innen in den Fokus gerückt, die sehr früh an Krebs erkranken. In den wenigsten Fällen werden die Freunde oder Bekannten der Betroffenen ausführlich betrachtet (Ich und Earl und das sterbende Mädchen von Jesse Andrews ist hier vielleicht eine Ausnahme), geschweige denn, die Hinterbliebenen.

schwarz und silber rowohlt
Paolo Giordano hat jetzt auch einen dieser Romane über Krebs geschrieben und trotzdem ist hier vieles anders. In Giordanos Roman Schwarz und Silber geht es um Krebs, aber eben nicht nur. Es geht vor allen Dingen um die Auswirkungen der Krankheit im nahen Umfeld der Betroffenen und es geht um die Ehe als Verbindung, die doch eigentlich sämtlichen Schicksalsschlägen standhalten sollte. Die auch dann funktionieren sollte, wenn die Kinderfrau des Sohnes an Krebs erkrankt. Doch der Ich-Erzähler und seine Frau Nora kriegen ihr Leben zusammen auf einmal nicht mehr richtig in den Griff. Denn mit der Erkrankung der Kinderfrau steht auf einmal auch ihre Ehe auf dem Spiel.

Signora A. war für das Paar mehr als eine einfache Kinderfrau. Sie nannten sie „Babette“, in Erinnerung an Tania Blixens Roman Babettes Fest. Babette ist eine Figur die Glück bringen will und die es schafft, eine Dorfgemeinschaft aus ihrer Erstarrung zu lösen. Signora A. war nicht nur der Ruhepol für die kleine Familie, sie hatte eine elementare Funktion im gemeinsamen Beziehungsgefüge:

In unserem Leben, meinem, Noras und Emanueles Leben, das damals täglich im Umbruch schien und gefährlich im Wind schwankte wie eine junge Pflanze, war sie ein fester Halt, eine Zuflucht, ein alter Baum mit so dickem Stamm, dass drei Paar Arme nicht ausreichten, ihn zu umfassen. (S.15)

Der Ich-Erzähler lässt Signora A.s Leben in kleinen Fragmenten Revue passieren, erinnert sich an unterschiedlichste Begebenheiten, macht deutlich, dass für ihn und seine Frau Babette zur Familie gehörte und hält sich dabei an keine genaue Chronologie. Ihre Krebserkrankung bringt die Beziehungen durcheinander, lässt Risse entstehen und Unsicherheiten wachsen, da dem Paar auf einmal etwas fehlt. Signora A.s Zeugenschaft war über die Jahre ein wichtiger Punkt im gemeinsamen Leben geworden. Was bleibt nun von ihnen übrig, wenn der alte Baum nicht mehr da ist?

Auf die Dauer braucht jede Liebe jemanden, der sie sieht und anerkennt, sie beglaubigt, sonst läuft sie Gefahr, für ein Missverständnis gehalten zu werden. Ohne ihren Blick fühlen wir uns gefährdet. (S. 27)

Manchmal habe ich Schwierigkeiten diese enge Bindung zum Kindermädchen, das irgendwann das Zentrum der Familie wird, genau nachzuvollziehen. Ich frage mich, wann und wie, Nora und ihr Mann ihr Leben aus den Händen gegeben haben, dass Babette eine so wichtige Rolle einnimmt – so wichtig, dass die „echten“ Großmütter neidisch werden. Der gemeinsame Sohn kommt häufig nur am Rande vor und das macht den Ehemann, der eine Art Nachruf auf Babette (und gleichzeitig auch auf seine Ehe?) schreibt, nicht gerade zum Sympathieträger. Der Ich-Erzähler macht einem auch den Zugriff auf das Geschehen nicht leicht. Er ist extrem verkopft und wenn er manchmal seine Beziehung mit physikalischen Modellen aus seinem Arbeitsalltag vergleicht, kann ich mir wirklich romantischere Dinge vorstellen. Es ist Giordanos wunderbarer Schreibweise anzurechnen, dass die Brüche zwischen Selbstwahrnehmung des Erzählers und Außenwirkung sehr deutlich hervortreten: der Ich-Erzähler ist selbst viel zu unsicher in seiner Rolle, in seiner Trauer, in seiner Beziehung zu Nora. Manchmal frage ich mich, ob er seine Familie so überhaupt gewollt hat.

Eine Familie in ihren Anfängen ist manchmal auch das:

ein vor Egozentrik zusammengezogener galaktischer Nebelfleck,

in Gefahr zu implodieren. (S. 57)

Und während der Ich-Erzähler Signora A. zu ihrem Perückentermin begleitet, da ihr mittlerweile nach der Chemotherapie die Haare ausfallen, stellt er auch seine eigene Beziehung in Frage. Da er Signora A. nicht helfen kann, sucht er sich ein anderes Ventil. Kleine Gedankenspiele fangen an. Könnte seine eigene Ehe einen solchen Schicksalsschlag aushalten? Würde Nora bei ihm bleiben? Je schlechter es Babette geht, umso deutlicher wird, dass die Beziehung des Paares schon lange nicht mehr gut funktioniert.

Mit einem Rückgriff auf die Viersäftelehre des griechischen Gelehrten Galenos von Pergamon, versucht sich der Erzähler das Ungleichgewicht in der Beziehung deutlich zu machen. Während er sich selbst der Farbe schwarz zuordnet und dadurch seine melancholische, verschlossene Seite verdeutlicht, sieht er seine Frau auf der Seite der silbernen Fröhlichkeit. Braucht eine so selbstsichere und ausgeglichene Frau überhaupt jemanden wie ihn?

Ich bin überzeugt, dass ihre Vitalität unerschöpflich ist, dass nichts, nicht einmal der unausweichlichste Schmerz, die schlimmste Trauer imstande wären, sie zu behindern. Letztlich ist man fast nie glücklich oder unglücklich wegen dem, was passiert, sondern wegen der Säfte, die in einem fließen. Bei ihr ist das geschmolzene Silber, das weißeste unter den Metallen, der beste Leiter, der unerbittlichste Spiegel. (S.101)

Giordanos Text wirkt an vielen Stellen fragmentarisch, so dass der gedankliche Spaziergang des Erzählers deutlich wird. Trotzdem fehlen mir einige vertiefende Auseinandersetzungen mit Nora. Im Vergleich mit Giordanos Erstling (und all time favorite) Die Einsamkeit der Primzahlen fehlt mir dann eben doch ein wenig der Zusammenhang. Einige Szenen wurden für mich zu schnell abgehandelt, was nicht bedeutet, dass jeder gute Roman so ausführlich wie die Primzahlen erzählt sein muss, aber es hätte hier sicherlich nicht geschadet. Zum Glück rückt der Sohn Emanuele am Ende wieder etwas mehr ins Blickfeld des Erzählers, alles andere wäre wirklich noch trauriger gewesen.

Der Roman lädt zum Nachdenken ein und berührt elementare Beziehungsfragen: Wird der_die andere da sein, wenn es mir irgendwann nicht mehr gut geht?  Und obwohl der Text so wunderschön geschrieben und übersetzt wurde, konnte er mich doch nicht so begeistern wie ich es mir gewünscht hätte.

Paolo Giordano: Schwarz und Silber (= Il nero e l’argento).

Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Rowohlt 2015.

176 Seiten.

ISBN: 978-3498025311

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar und die Leserunde bei Lovelybooks!

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

9 Kommentare zu „[Rezension] Szenen einer Ehe – Schwarz und Silber“

  1. Habe diese klug abwägende Rezension sehr gerne gelesen und mich gefragt, wie der Roman sich verändert hätte, wenn die Geschich nicht rückblickend erzählt würde? Vielleicht auch wechselnden Perspektiven, so dass die Leserin selbst hätte sehen können, welche Rolle das Kindermädchen spielt und deren zentrale Rolle nicht nur eine Behauptung geblieben wäre? Herzliche Grüße!

    1. Liebe Jutta,

      vielen Dank!! :) Und deine Frage trifft genau den Kern des Problems: hat Emanuelle sich auch mehr oder vielleicht nur von Babette verstanden gefühlt? Die Kinderperspektive fehlt – und es stört die Erwachsenen nicht. Als hätten sie das Kind vergessen. In der Leserunde wurde auch schon diskutiert, dass es nun mal keine idealen Umstände geben könne und dass manche Familien eben nicht glücklich sind (Anna Karenina lässt grüßen). Aber darum geht es ja gar nicht: wir wissen einfach viel zu wenig über den Rest der Familie und deswegen funktioniert dieser Baumstamm Babette nicht richtig. Genau wie du schreibst, es bleibt bei einer Behauptung und bei seinem Gefühl in der Situation. Denn wie ging es Nora eigentlich wirklich und wie ging es Signora A. wirklich? Die Leserin kennt ja nur den Mann und seine Schwierigkeiten, seine Trauer, seine (vermutliche) Depression und seine Interpretation des Familienlebens. Deswegen vielen Dank für diesen klugen Kommentar, dieses Ungleichgewicht ist mir gerade erst noch einmal richtig klar geworden. :)

  2. Eine sehr schöne und informative Rezension hast du da geschrieben. Manchmal halten Bücher leider nicht ganz, was wir uns von ihnen versprochen haben. Aber Schwarz und Silber klingt trotzdem nach einem wundervollen Buch. Eine ähnliche thematische Welle beobachte ich momentan bei Büchern über Alzheimer. Ist dir das auch schon aufgefallen?
    Liebe Grüße von Zeilenliebe

    1. Liebe Zeilenliebe,
      Das ist eine spannende Beobchtung! Bisher noch nicht. Aber jetzt gerade fallen mir zumindest zwei Romane zum Thema ein, die ich allerdings beide noch nicht kenne. Abgesehen von Still Alice, wahrscheinlich besonders bekannt durch die Verfilmung, hatte ich auch schon Elizabeth wird vermisst in der Hand.
      Fallen dir noch andere Romane ein?

      Liebe Grüße,
      eva

      1. Liebe Eva,

        die Verfilmung von Still Alice ist sehr berührend. Elisabeth wird vermisst hat mir gut gefallen. Mit etwas Witz und viel Ernsthaftigkeit wird das Thema einfühlsam behandelt. Vor kurzem habe ich auch „Einfach unvergesslich“ gelesen. Ebenfalls sehr berührend, aber auch ein wirklich gutes Buch.

        Liebe Grüße
        Jane

  3. Liebe Eva,
    wie immer eine sehr schön geschriebene Rezension, die neugierig auf mehr macht. Ich werde ich mir mal die Einsamkeit der Primzahlen anschauen, wenn dier das Buch besser gefallen hat.
    Viele Grüße
    Ciri

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