[Rezension] Den eigenen Lebenslügen auf der Spur – Vom Ende einer Geschichte

Vom Ende einer GeschichteHass, Liebe, Eifersucht- Julian Barnes schmale Novelle Vom Ende einer Geschichte ist genial geschrieben und stellt eine schwer zu beantwortende Frage: Kann es uns jemals gelingen, alle Geheimnisse unseres Lebens aufzudecken?

Für mich die perfekte Lektüre für einen nieselig-grauen Novemberabend.

Am Anfang der Geschichte geht es um eine Clique, bestehend aus Tony, Colin und Alex, die Mitte der 1960er Jahre ein College besuchen, das entfernt an die Szenerie aus Der Club der toten Dichter erinnert. Um ihre Individualität zu unterstreichen, tragen die drei ihre Armbanduhren auf der Innenseite des Handgelenks, denn von so einer schnöden Konstante wie der Zeit wollen sie nicht regiert werden. Adrian ist der Neue in der Runde, er ist den anderen intellektuell überlegen und wird von ihnen bewundert. Die Clique ist nicht unbedingt sympathisch, ein Hauch von jugendlicher Arroganz liegt in der Luft. Ihnen liegt die Welt zu Füßen und das Leben hat sie noch nicht von ihrem hohen Ross gestoßen.

Vorerst waren wir bücherhungrig, sexhungrig, leistungsorientiert und anarchistisch. Alle politischen und gesellschaftlichen Systeme erschienen uns korrupt, doch als Alternative ließen wir nichts als hedonistisches Chaos gelten. Adrian aber trieb uns dazu, an die Anwendung des Denkens auf das Leben zu glauben, an die Vorstellung, dass Handeln von Prinzipien geleitet sein sollte. (S. 16)

Als ein Schulkamerad Selbstmord begeht, weil seine Freundin schwanger geworden ist, lästert das Quartett sein Tod wäre „unphilosophisch, ichbezogen und unkünstlerisch […] mit anderen Worten: falsch.“ Sie selbst hätten sich natürlich ganz anders verhalten, besonders Adrian, der die Dinge genauer zu durchschauen scheint.

Adrian verstrickt sich gerne in theoretische Diskussionen mit dem Geschichtslehrer. Es geht ihm um subjektive Wahrheit und der Problemkonstellation, die sich aus dieser trügerischen Wahrnehmung ergibt:

„Das ist doch das Kernproblem der Geschichtsschreibung, nicht wahr, Sir? Die Frage der subjektiven gegenüber der objektiven Interpretation, die Notwendigkeit, die Geschichte des Geschichtsschreibers zu kennen, damit wir verstehen, warum uns gerade diese Version unterbreitet wird.“

Die Unterhaltungen mit dem Geschichtslehrer bilden den Hintergrund für den zweiten Teil der Erzählung, die viele Jahre später spielt. Adrian war ein erfolgreicher Cambridge-Absolvent, ging mit der Exfreundin des Ich-Erzählers Tony. Und nimmt sich das Leben. War Veronica etwa für seinen Tod verantwortlich? Hat sie Adrian etwa genauso kalt behandelt wie Tony ?

So richtig kann sich niemand seine Handlung erklären, für die Freunde bleibt sein Tod dennoch „verdammt eindrucksvoll“, der gemeinsame Freund habe aus „moralischer und menschlicher Pflicht“ gehandelt.

Dieses Narrativ der gemeinsamen Vergangenheit wird auch nicht in Frage gestellt – bis Tony 40 Jahre nach Adrians Tod ein geheimnisvolles Erbe zuteil wird. Veronicas Mutter ist verstorben und in ihrem Besitz befand sich Adrians Tagebuch, das sie Tony vererbt hat. Doch Veronica will das Tagebuch nicht herausrücken. Tony muss sich also nicht nur Veronica, sondern auch seiner eigenen Vergangenheit und Verantwortung in dieser tragischen Verkettung von unglücklichen Ereignissen stellen.

Julian Barnes‘ Novelle ist in erster Linie ein melancholischer und nachdenklicher Rückblick auf die Vergangenheit, der sich aber so spannend wie ein Thriller liest. Ich habe den kurzen Roman innerhalb von wenigen Stunden gelesen und bin absolut begeistert, von der moralischen Tiefe die dieser kurze Roman versteckt. Erst nach und nach zeigt sich, dass Tony Webster, dieser mittelmäßige Mittelklassemann, gar nicht so unschuldig an den tragischen Verstrickungen ist, wie er nur zu gerne den Lesenden glauben machen will. Und natürlich geht es hier ums Erzählen und darum, dass man Tony, dem großen Geschichtenerzähler, eigentlich wenig glauben kann.

Der englische Titel bewahrt zumindest einen Hauch von Todesahnung, der sich nicht komplett in der deutschen Übersetzung widerspiegelt. Außerdem verweist der Titel „The Sense of an Ending“ nicht nur auf die Sinnhaftigkeit des (Lebens-)Endes, sondern auch auf eine theoretische Schrift der Literaturkritik. Frank Kermode thematisierte bereits 1967 in The Sense of an Ending die poetologische Gestaltung eines Endes, die auch für unser Leben von Bedeutung ist. Denn letztlich helfen uns die Dichter_innen, Schriftsteller_innen und Künstler_innen nicht dabei den Sinn des Lebens zu finden, sondern dabei, überhaupt erst eine Sinnsuche zu thematisieren:

„It is not expected of critics as it is of poets that they should help us to make sense of our lives; they are bound only to attempt the lesser feat of making sense of the ways in which we try to make sense of our lives.“

Für Tony Webster gibt es kein Ende dieser Geschichte, seine Version als Geschichtsschreiber offenbart allerdings seine jahrzehntelange Selbsttäuschung. Als Webster sich endlich auf die Sinnsuche begibt, ist es fast schon zu spät. Völlig zu Recht wurde der Roman 2011 mit dem Booker-Preis ausgezeichnet.

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte.

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. btb 2013.

ISBN: 978-3-442-74547

 

 

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „[Rezension] Den eigenen Lebenslügen auf der Spur – Vom Ende einer Geschichte“

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