[Rezension] Schlafes Schwester – Schlaf

Schlaf ist wichtig für unseren Körper und für unseren Geist. Wenn wir unter Schlafmangel leiden, sind wir nicht so leistungsfähig wie sonst und sind viel schneller unaufmerksam. Es passieren kleine Fehler, vielleicht ein Sekundenschlaf, vielleicht beim Autofahren. Dornröschen hat ziemlich lange geschlafen.

In Haruki Murakamis Erzählung Schlaf steht eine Frau im Mittelpunkt, die nichts mit Dornröschen gemeinsam hat. Ganz im Gegenteil – sie schläft gar nicht. Würde sie schlafwandeln oder hätte sie Alpträume, könnte man vielleicht von einer schwerwiegenden psychischen Belastung sprechen. Aber das ist nicht der Fall. Sie schläft einfach nicht und beginnt stattdessen Tolstoi zu lesen.

cover schlafIhr Familienleben funktioniert währenddessen wie eine unaufgeregte Nebensächlichkeit. Ihr wirkliches Leben als Leserin beginnt erst, wenn sie nachts alleine ist. Wenn sie nachts bei ihren Büchern ist, kann sie endlich sie selbst sein und muss sich nicht mit ihrem Sohn herumplagen, der immer mehr wie sein Vater wird. Der ist nämlich eigentlich auch nichts anderes als ein Störfaktor, der sie vom Lesen abhält. Es lauert etwas merkwürdig Bedrohliches in diesem Text.

Seit ich nicht mehr schlief, empfand ich die Realität als sehr einfach. Sie lässt sich ganz einfach meistern. Es ist einfach Realität, einfach Haushalt, einfach Familie. (S. 50)

Aber richtig bei der Sache ist sie nicht, sie wartet auf die Nacht und stellt fest, dass sie mit ihrer momentanen Situation nicht zufrieden sein kann.

Wohin war mein früheres Ich verschwunden, das wie besessen Bücher verschlungen hatte? Was hatten diese Jahre und diese schon sonderbar extreme Leidenschaft für mich bedeutet? (S. 73)

Ihre neu entdeckte Leidenschaft für Anna Karenina ist besonders seltsam. Auf welche Weise ist die Familie der Ich-Erzählerin unglücklich? Würde sie das Unglück in ihrer Familie überhaupt bemerken? Und scheint sie nicht auf merkwürdige Weise genau so suizidal zu sein, wie Tolstois Protagonistin? Wie soll sie denn ihr Leben aufrechterhalten, wenn sie nur noch für die Nacht lebt? Die Distanz zwischen dem Paar wird immer deutlicher. Während sie nachts durch das Haus schleicht, ist ihr Mann mit einem besonders tiefen Schlaf gesegnet:

Er schlief tief und fest wie eine im Schlamm verborgene Schildkröte. (S. 48)

Ein Schildkrötenehemann? Nicht gerade begehrenswert. Der Text ist interessant geschrieben und lässt viele Fragen offen. Wird von den Nachtmenschen, der Tag nicht genug wertgeschätzt? Muss die Frau erst – im wahrsten Sinne des Wortes – wachgerüttelt werden um zu erkennen, wie gut es ihr eigentlich geht? Was ist Traum, was ist Realität? Wacht sie am Ende auf oder beginnt womöglich erst ein Alptraum?

Ich weiß es nicht genau und der Text lässt viele Fragen offen. Die Illustrationen von Kat Menschik haben mir sehr gut gefallen, sie sind genau so mysteriös und latent unheimlich wie die ganze Erzählung. Ein kleiner Murakami-Genuss für Zwischendurch.

Haruki Murakami – Schlaf. Übersetzt von Nora Bierich. Dumont 2010.

ISBN: 978-38321-6136-1

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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