[Rezension] Die Interessanten – Lass dich drücken, Mittelmäßigkeit!

Cover Die InteressantenManchmal kann ein Augenblick das gesamte Leben verändern. Für Julie Jacobson ändert sich ihr Leben an einem warmen Sommerabend irgendwann im Jahr 1974 an einem magischen Ort, der in der Ferienlager Broschüre „Spirit in the Woods“ genannt wird. Ein pädagogisch abgesicherter Ort, an dem die künstlerische Ader der meist gut betuchten Jugendlichen gefördert wird und an dem sich eine Clique der coolen Kids spätnachts noch zu konspirativen Treffen verabredet um im Kerzenschein über europäische Literatur und ihre Begeisterung für Günter Grass zu philosophieren. Warum Julie ausgerechnet bei diesem Treffen dabei ist, weiß sie selber nicht so genau. Sie ist sehr unsicher, hat eine Dauerwelle, mit der sie aussieht wie ein Pudel und versucht gerade noch den Tod ihres Vater zu verarbeiten. Ihre einzige Eintrittskarte zu dieser Hochburg der selbsternannten Kunstschaffenden besteht in einem Stipendium, das ihr irgendwie zugefallen ist. Und dann sitzt sie im Zelt und ist auf einmal witzig. Sie ist so schlagfertig, dass sie an diesem Abend nicht mehr die schüchterne Julie ist, sondern nur noch „Jules“ genannt wird. Jules ist besonders, Jules ist interessant und Jules hat was zu sagen. Auf ihre Initiative hin, nennt sich die Clique fortan „Die Interessanten“. Sie schwören feierlich, nie ein gewöhnliches, langweiliges und mittelmäßiges Leben zu führen.

Hat sich hier im Spirit in the woods vielleicht schon die künstlerische Elite von morgen versammelt? Ethan ist der kreative Kopf der Gruppe, ein Ausnahmetalent, das durch grandiose Ideen für Trickfilme glänzt und stundenlang im Filmschuppen des Camps herumbastelt – bei Jules aber aufgrund „außergewöhnlicher Hässlichkeit“ abblitzt. Nicht ihr Typ. Goodman ist da schon ein ganz anderes Kaliber. Sehr gutaussehend, gesegnet mit reichen Eltern, einem fantastischen Wohnsitz an der Upper East Side und seine Schwester Ash ist genau so hübsch und unbeschwert wie er. Hätte die Clique ein Machtzentrum, säßen Ash und Goodman am Hebel. Cathy ist angehende Tänzerin, die alle Männer um den Finger wickelt und Jonah der Sohn einer Folksängerin, der sich selbst als Musiker versucht (und dessen Name Jonah Bay doch sehr an die Folkikone der Zeit Joan Baez erinnert).

Viele Jahre später hat sich an der Cliquenkonstellation kaum etwas geändert – nur Cathy und Goodman fehlen. Warum möchte ich nicht verraten, nur soviel, Jules hat ihre ehemalige Freundin fallengelassen wie eine heiße Kartoffel und Goodman ist untergetaucht, gegen ihn läuft ein Haftbefehl. Aber von der Vergangenheit will niemand mehr sprechen, denn so ist das Leben und jeder muss sehen, wo er bleibt. Ash, Ethan, Jules und Jonah leben nach wie vor in New York und haben regelmäßig Kontakt, besuchen sich, sind beste Freunde und doch gibt es feine Risse im Gesamtgefüge. Denn das Leben ist nun einmal nicht gerecht und die Vorstellungen, die man mit 15 noch hochhält, lassen sich vielleicht nie verwirklichen. Es gibt kein Abo auf Erfolg, genauso wenig bleibt man für immer „interessant“. Gerade Jules knabbert an der Freundschaft mit Ash und Ethan, die mittlerweile ein hochangesehenes und sehr erfolgreiches Künstlerpaar sind. Jules Leben ist anders verlaufen. Sie ist Therapeutin geworden, ihre anfänglichen Schauspielambitionen im Bereich Comedy hat sie aufgegeben. Ihr Ehemann ist kein Künstler, sondern Ultraschalltechniker im Krankenhaus und ihre Tochter ist einfach nicht so besonders wie die Tochter von Ash und Ethan. Ethan hat ein Millionenimperium mit seinen Trickfilmen aufgebaut und seine Frau Ash ist in der feministischen Theaterszene unterwegs. Reality bites!  Als Cathy ihre Hilfe brauchte, war Ash eine der ersten, die zu ihrem Bruder hielt. Genau wie alle anderen.

Jules ist unglaublich neidisch auf ihre besten Freunde und ihren finanziellen Erfolg und bedauert sich selbst und ihr langweiliges Leben. Was, wenn damals im Camp doch alles anders gekommen wäre? Wäre sie dann die erfolgreiche Frau an Ethans Seite? Es dauert, bis sie bemerkt, dass es nicht der selbstgewählte Status der „Interessanten“ ist, der die anderen so leicht durchs Leben schweben lässt. Es ging schon immer um andere Dinge. Und sie selbst hat sich auf tragische Weise von der Macht und dem Einfluss ihrer Freunde moralisch korrumpieren lassen. Sie weiß Dinge über Ash, von denen Ethan keine Ahnung hat.

Ich habe immer gedacht, Talent sei alles, dabei war es immer schon das Geld. Oder die Gesellschaftsschicht. Und wenn nicht die, dann zumindest die Verbindungen.

Die Interessanten ist ein Roman, den man im besten Sinne als episch bezeichnen kann. Meg Wolitzer spannt einen Bogen von den 1970er Jahren bis heute und verwebt die Lebensgeschichten der verschiedenen Cliquenmitgliedern mit unterschiedlichen Diskursen der Zeitgeschichte. Sekten, Drogen, HIV, 9/11, Gentrifizierung, die Pharmaindustrie – da werden ziemlich viele Fässer aufgemacht, aber ich habe an keiner Stelle das Gefühl, dass die Themen außer Kontrolle geraten. Stattdessen werden auf sehr elegante und gekonnte Weise sämtliche Höhen und Tiefen des Lebens sehr menschlich und nachvollziehbar beschrieben. Es geht um die eigenen Wünsche und Vorstellungen, aber auch um tiefe Freundschaft. Wann sind Freunde noch Freunde? Wie sehr können wir uns verändern ohne unsere Freundschaft zu gefährden und wie viel Verschwiegenheit können wir alten Freunden abverlangen? Und worauf gründen sich eigentlich die Vorstellungen von uns selbst? Wann lassen wir das Camp hinter uns und werden erwachsen? Und wie leicht lässt sich am Ende die eigene Mittelmäßigkeit erhobenen Hauptes ertragen?

Die Interessanten ist Coming-of-Age-Roman und epochenübergreifendes Gesamtkunstwerk in einem, die Lektüre macht süchtig. Ich will einfach nur noch mehr lesen und ich bin traurig, als das Buch dann irgendwann doch zu Ende ist. 600 Seiten für so viel Inhalt ist fast zu kurz. Die Interessanten ist kein Wohlfühlbuch, aber ein Lieblingsschmöker, den ich absolut empfehlen kann. Und ich habe eine neue Lieblingsautorin gefunden.

Die Klappentexterin vergleicht den Roman mit einem Regenbogen und das passt ganz wunderbar.

Meg Wolitzer – Die Interessanten (=The Interestings). Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Dumont 2015.

ISBN: 9783832163396

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

7 Kommentare zu „[Rezension] Die Interessanten – Lass dich drücken, Mittelmäßigkeit!“

    1. Hallo Simone,

      da sind die Geschmäcker wohl wirklich verschieden. ;) Ich bin richtig in dem Roman versunken und nach drei Tagen irgendwie glücklich wieder aufgetaucht. :) Aber 4 von 5 ist ja auch nicht die schlechteste Bewertung. Liebe Grüße und einen schönen Abend.

  1. Hallo! Ich habe das Buch schon mal in der Hand gehabt, es dann aber nicht so ansprechend gefunden. Nach deiner Rezension bin ich aber wirklich am überlegen, es mir zu zulegen.

  2. Ich glaube, Amazon Prime hat mal eine Pilotepisode für eine Serien-Adaption produziert, aber nie eine komplette erste Staffel bestellt. Ich hatte selbst die Episode gesehen und fand das Ganze jetzt nicht sooo spannend, obwohl der Cliffhanger mich dazu gebracht hätte, in eine zweite Folge zu einzuschalten.
    Aber Deine Besprechung klingt super-interessant, und ich werde sicherlich mal in das Buch schauen! :D

    1. Stimmt, das hatte ich schon wieder vergessen. Hab ich mir aber auch nicht angeschaut, sondern nur mal am Rande davon gelesen. Ich bin auch nicht sicher, ob sich das Buch jetzt für eine ganze Serie geeignet hätte. ;) Danke für deinen Besuch.

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