[Rezension] Ohne Zweifel gäbe es keine Erleuchtung – Alles über Lulu

„Manchmal fällt der Apfel eben weit vom Stamm, und gelegentlich rollt er dann den Berg runter und in den Bach, und bisweilen wird er sogar stromabwärts gespült oder gerät in einen Strudel.“ (S.9)

Im Leben von Familie Miller gibt es zwei wichtige Konstanten: Fleisch essen und Bodybuilding. Big Bill, das Oberhaupt der Familie, will endlich wieder als Mr. Olympia auf dem Treppchen stehen, wie damals neben Arnie, und die eher unterbelichteten  Zwillingsbrüder Doug und Ross schließen sich dem Training an. Nur Will will nicht. Er ist kurzsichtig, schmächtig und nach dem Tod seiner Mutter einfach nicht weiter gewachsen. Anders als der Trommler Oskar, der mit einer ähnlichen Größe gesegnet ist, ist Will eine sehr zurückhaltende Persönlichkeit. Will ist ein kleiner um sich selbst kreisender Brokkoli-Planet in einem riesigen Hackuniversum. Zu allem Überfluss hat der kleine Junge sich auch noch für eine vegetarische Lebensweise entschieden und das kann seine Familie gar nicht nachvollziehen. Big Bill ist wie eine saftige Lammkeule, während Will sich jeden Tag wie „Kartoffelbrei aus der Tüte“ (S.19) fühlt. Auf seine Brüder kann er nicht zählen, die Zwillinge haben schon als Babys eher an Hotdogs als an Schnullern genuckelt. Will ist traurig und sehr alleine. Doch dann lernt Big Bill eine neue Frau kennen. Ausgerechnet seine Psychotherapeutin. Willow bringt nicht nur jeden Tag eine vegetarische Alternative auf den Tisch, sondern auch ihre Tochter mit in die Familie. Als Lulu bei den Millers einzieht, geht für Will die Sonne auf. Und er wächst wieder.

„Und je näher ich ihr war, desto sicherer spürte ich, dass sie der einzige Mensch war, der mir jemals etwas bedeutete. Lulu war ein ganzes Volk. Man konnte Adjektive aneinander reihen wie Gänseblümchen zu einer Kette und Lulu trotzdem nicht beschreiben. Mit Verben kam man ihr schon näher: gleiten, rasen, sich sehnen, lachen, träumen, küssen. Aber Metaphern trafen sie am besten: Lulu war eine weißherzige Sterneruption, eine silbern brandende Welle. Lulu war das Knistern von Elektrizität.“ (S. 30)

Mit zehn Jahren, fast ein halbes Jahr nachdem Lulu und Willow bei den Millers eingezogen sind, beginnt Will ein Schreibprojekt. Er ist ein Dichter und er zaubert Wörter aufs Papier. Es geht um Lulu, seitenlang. Was Lulu anzieht, wie sie riecht, worüber sie lacht. Das Buch Lulu wird Teil von Wills persönlicher Bibel. Es wird jeden Tag ein bisschen dicker und  jeden Tag verliebt sich Will ein bisschen mehr. Lulu und Will haben eine eigene Sprache. Sie kommunizieren mit Kumulus-Wolken und Zaubersprüchen, in ihrer Sprache gibt es 18 unterschiedliche Wörter für die Zahl zwei (angefangen bei der Bezeichnung „es“/“it“, die nur die Gemeinschaft der Zwillinge beschreiben kann) und Will liebt Lulus gelbe Socken. Will möchte keine eigenen Abenteuer – er will jede Minute mit Lulu verbringen. Für immer.

Es hätte alles so schon sein können. Doch ein Sommer wird das Leben der Familie Miller für immer verändern. Lulu ist im zweiten Highschool-Jahr und fährt auf ein Cheerleading-Camp nach Vermont. Will zählt sehnsüchtig die Tage bis sie zurückkommt. Doch als sie endlich wieder da ist, hat sich alles verändert. Will wird von Lulu zurückgewiesen. Lulu hat an nichts mehr Interesse, sie zieht sich zurück, sie wird schweigsam und die Familie schaut hilflos zu.

Doch nicht nur Lulu ändert sich. Das gesamte Familiensystem Miller hat auf einmal Schlagseite bekommen. Ross beschließt nicht mehr mit Big Bill und Doug zu trainieren. Die Zwillingsbrüder, die Will sein Leben lang als animalische Einheit wahrgenommen hat, die nur nach einem Reiz-Reaktions-Muster funktioniert, gehören auf einmal nicht mehr zusammen. Ross fängt nicht nur an Nelkenzigaretten zu rauchen und Duran Duran zu hören, er lässt sich seine Haare lang wachsen und nennt sich auf einmal Alistaire. Doug trainiert weiter als wäre nichts gewesen und Will führt sein Buch Lulu weiter. Reden war noch nie eine große Stärke der Millers. Dass durch diese Konstruktion auch ein Familiengeheimnis verborgen bleibt, macht die tragische Wendung des Romans aus.

alles_ueber_luluAls Lulu durch Zufall Wills Tagebuch entdeckt, nimmt das Unglück seinen Lauf. Lulu beginnt sich offensichtlich selbst zu verletzen und niemand kann ihr helfen. Will fängt einen Job bei Big Fat Burgers an und studiert neben her Meeresökonomie und Philosophie. Er schreibt Essays zu Hume, Kierkegaard und Descartes und auch immer wieder verzweifelte Briefe an Lulu, die mittlerweile ihr Studium abgebrochen hat.

Doch es bleibt nicht bei den Briefen. Will mischt sich immer wieder in Lulus Leben ein. Er versucht ihre Freunde kennenzulernen und es ist klar, dass niemand gut genug für sie sein kann. Stattdessen glauben die armen Typen noch, dass Will ihnen helfen möchte, diese komplizierte Frau besser zu verstehen. Dabei liebt Will Lulu, mehr als alle anderen. Nebenher gelingt es ihm endlich beim Radio zu arbeiten, ein langgehegter Traum. Gleichzeitig gibt es aber noch die Alternative sich mit dem Imbissgeschäft Hotdog Heaven selbstständig zu machen. Wie immer versucht Will alles gleichzeitig und nichts funktioniert so richtig. Kein Wunder, denn sein Leben kreist nur um Lulu und alles andere spielt doch sowieso keine große Rolle. Als er endlich „Alles“ über Lulu erfährt, bricht für ihn eine Welt zusammen, denn die Erleuchtung ist schmerzhaft.

Alles über Lulu ist ein gelungener Roman, voll skurriler aber auch authentischer Figuren. Wills Abhängigkeit von Lulu wandelt sich bis zur Obsession und wirkt manchmal direkt bedrohlich. Gleichzeitig schreibt Evison wunderbar lakonisch über diese merkwürdige Familie und diese große Liebe und Wills Versuche auf eigenen Beinen zu stehen ohne sich an Lulu auszurichten. Aber das gelingt ihm nicht. Immer wieder Lulu und immer wieder eine Rückkehr zur Familie. Dabei ist Lulu selbst mit einem tragischen Geheimnis beschäftigt, das sie Will einfach nicht anvertrauen kann.

Es geht um Liebeskummer, Schmerz, Melancholie, undurchschaubare Tragödien, Fehler der eigenen Eltern und Ch-ch-ch-changes. Alles über Lulu ist eine Familien-, Liebes- und Entwicklungsgeschichte, die mich begeistern konnte.

Søren (im Gegensatz zu der seines Angstgegners Hegel) darauf hinausläuft, dass das, was wir Objektivität nennen, gar nicht objektiv, sondern völlig subjektiv ist. Das stimmt mit seiner Überzeugung überein, dass der Mensch die Verantwortung für seine existentiellen Entscheidungen übernehmen muss. Der Mensch muss die Triebkraft seiner Existenz in Frage stellen. Zweifel, so Kierkegaard, sei ein fundamentaler Grundsatz von Glaube. Ohne Zweifel gäbe es vermutlich keine Erleuchtung.

(aus Kierkegaard: Mal siehst du ihn, mal nicht von Will Miller, S. 233)

Jonathan Evison: Alles über Lulu (= All about Lulu). Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch 2011. 348 Seiten.

ISBN:  978-3-462-04491-1

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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