[Rezension] Shakespeare light? – So wüst und schön sah ich noch keinen Tag

So wüst und schön sah ich noch keinen Tag“, sagte Vanessa, als wir am Aufzug ankamen. „Wie bitte?“ Ich dachte, ich hätte nicht richtig gehört. „Na, hör mal, das musst du doch kennen!“, sagte sie schmunzelnd. „Aus Sharespeare, Macbeth? Wenn man so heißt wie du, kommt man doch erst recht kaum daran vorbei. Wir haben Macbeth im letzten Halbjahr gelesen, und speziell dieses Zitat hat mir immer gut gefallen, weil es zeigt, dass etwas einerseits schlecht, andererseits aber auch gut sein kann. Verstehst du, was ich meine? […]“.
   (S. 33)
„So foul and fair a day I have not seen“ – zugegeben, man musste mir die Shakespeare-Referenz erst einmal ausbuchstabieren. Das passiert immerhin schon auf Seite 33, so dass ich mir danach noch genug Gedanken machen konnte, wie Macbeth und dieses Jugendbuch denn eigentlich zusammen passen.
LaBan_25082_MR1.inddSo wüst und schön sah ich noch keinen Tag erzählt zwei Geschichten, die sich auf schicksalhafte Weise miteinander verbinden. Und zumindest diese Schicksalhaftigkeit erinnert an Macbeth.  Zunächst geht es um Duncan (ha!), der ein neues Zimmer bezieht und einen Schatz findet. Duncan ist Schüler des renommierten Irving-Internats, ein Ort, an dem das  Gemeinschaftsleben hochgehalten wird. Eine besondere Tradition besteht darin, dass die ehemaligen Schüler_innen dem neuen Seniorsjahrgang kleine Geschenke hinterlassen. Denn als Senior hat man das Privileg ein Einzelzimmer zu bekommen um sich besser auf die Abschlussprüfungen vorbereiten zu können. Die wichtigste Prüfung steht im Fach Englisch an: Jedes Jahr schreiben die Schüler_innen einen Aufsatz zum Thema Tragödie und jedes Jahr scheitern einige Unglückliche und verlassen die Schule ohne akademische Ehrungen.  Duncan landet im ehemaligen Zimmer von (Tim) Macbeth. Ich lass das jetzt mal so stehen, denn genug tragisches Potenzial ist doch eindeutig da, oder was meint ihr?
Erinnert man sich an den Klassiker wird Duncan später von Macbeth und Lady Macbeth ermordet und Lady Macbeth verliert die Nerven und Geister erscheinen beim Essen und die drei Hexen haben es doch sowieso schon gewusst. So viel zum  Klassiker (leicht paraphrasiert).
Elizabeth LaBan wählt allerdings eine etwas andere Herangehensweise als von mir erwartet. Duncans Schatz ist ziemlich ungewöhnlich, er findet CDs, darauf die Stimme von Macbeth:
Aber lass mich noch eins sagen, etwas Wichtiges, womit du garantiert nicht rechnest: Was du hören wirst – die Worte, die Musik, mein Absturz sowie deine angenommene Rolle darin – wird dir mehr nutzen, als du dir vorstellen kannst. Im Grunde hinterlasse ich dir das beste Geschenk, den besten Schatz, den du dir wünschen kannst. Er enthält alle Zutaten zu deinem Tragödienaufsatz.
(S. 14)
Duncan beginnt sich in Tims Erzählungen zu verlieren. Tim ist anders als die anderen Schüler_innen. Tim ist ein Albino und das war auch ein Grund die Schule zu wechseln. Während Duncan immer tiefer in Tims Erfahrungen am Irving College eintaucht, geht sein eigenes Leben weiter. Er lernt seine Freundin kennen, ackert für den Aufsatz und beginnt nach und nach diese große Tragödie zu verstehen, die sich im letzten Schuljahr ereignet hat.
So wüst und schön sah ich noch keinen Tag ist toll geschrieben und sehr stringent konstruiert. Das ist gleichzeitig die große Stärke, aber auch die große Schwäche des Romans. Um mit einer Protagonistin zu sprechen:  Vanessa hat ja bereits festgehalten, dass es Dinge gibt, die gleichzeitig ziemlich gut und ziemlich schlecht sein können. Leider trifft das auch auf den Roman zu. Mir gefällt der Titel, der Aufhänger, die Grundidee, die Atmosphäre – besonders der Anfang.
Und dann passiert etwas, was schade ist: der Text ist so fokussiert auf die Tragödie, dass er zwar unglaublich spannend und fesselnd geschrieben ist, die Spannung aber auf Kosten der Figurencharakterisierung geht. Von den Frauenfiguren (Tim lernt Vanessa kennen und lieben und Duncan findet Daisy) erfahren wir so gut wie nichts. Gerade Vanessa bleibt für mich schwer zu begreifen. Als Macbeth sie kennen lernt, hat sie einen Freund, den sie nicht erwähnt. Umso größer der Schock als Macbeth feststellt, dass ihr Freund auch auf das Irving College geht. Warum verhält sich Vanessa so wie sie sich verhält? Man weiß es nicht genau. Tim ausgenommen bleiben die Figuren unglaublich blass und hinterlassen kaum Eindruck. Schade.
Der unglaubliche Twist am Ende ist wirklich tragisch und absolut unerwartet. Dass auch für Tim die Charakterisierung „einerseits gut, andererseits schlecht“ gelten könnte, hatte ich zu dem Zeitpunkt schon fast wieder vergessen und das ist wirklich beeindruckend.
Andererseits fehlen mir einige Punkte, die ich für einen Roman, der auch als „Internatsroman“ angekündigt wird, gerne erfahren hätte. Über das Irving-College und die Seniortraditionen gibt es wenig zu erzählen, abgesehen vom Englischlehrer, der wert auf seinen Aufsatz legt und gerne auf den Begriff „Tragweite“ hinweist. Im Kontext des Romans ein unglaubliches Schmankerl.
Akademisch scheint sonst wenig an dieser Schule zu passieren. Meine Leseerfahrung von anderen Coming-of-Age Romanen dieser Art, vielleicht erinnert sich noch jemand an Club der Toten Dichter,  hat auch sehr viel mehr mit Schule und ihren Ritualen zu tun. Auch In guten Kreisen  kann, zumindest was das Internatsleben angeht, auf ein sehr viel einfallsreicheres Setting zurückgreifen. Andere Traditionen am Irving-College hingegen, werden ausufernd beschrieben. Essen zum Beispiel. Frühstück als Abendessen ist ein Highlight an der Irving und manche Seniors erscheinen sogar im Schlafanzug zu diesen Festlichkeiten. Das ist ganz unterhaltsam zu lesen,  erinnert dann aber doch an Hanni und Nanni. Da war Mitternachtsessen nämlich auch schon ganz groß.
Am Ende hatte ich wahrscheinlich doch zu hohe Erwartungen und habe mir mehr von der Shakespeare-Referenz erhofft, als letztlich zu finden war.
Elizabeth  LaBan – So wüst und schön sah ich keinen Tag.
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann.
ISBN:  978 – 3- 446 – 25082 – 6
Vielen Dank an die Leserunde bei Lovelybooks und an  den Verlag für das Rezensionsexemplar!
Advertisements

Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s