[Rezension] Herz-WG – Auerhaus

bov-bjerg-auerhausIrgendwann Mitte der 1980er Jahre in der schwäbischen Provinz. Der Ich-Erzähler Höppner steht kurz vor dem Abi. Wenn er nicht gerade die Beine hochlegt, jobbt er auf einer Hühnerfarm. Sein bester Freund ist Frieder. Das war schon immer so und sonst ist auch nie „irgendwann mal groß was los gewesen“ (S.31). Und dann ist auf einmal doch was los. Frieder hat versucht, sich das Leben zu nehmen.

Danach geht alles relativ schnell. Seine Freunde beschließen, dass es so nicht weiter gehen kann. Die Therapeuten empfehlen dringend, dass Frieder von Zuhause auszieht und zufälligerweise ist das leerstehende Haus seines verstorbenen Großvaters noch frei. Höppner zieht ein, Frieder zieht ein, Vera zieht ein und dann darf Cäcilie auch mit einziehen. Zusammen ist leichter. Denn so, wie es bisher war, das kann doch nicht Alles gewesen sein? „Birth – School – Work – Death“ – gruselig. Die Freunde versuchen es besser zu machen, irgendwie richtig.

Jedenfalls, wir lebten ein richtiges Leben mit Aufstehen und Frühstück machen und Federballspielen, mit Essenbesorgen und zusammen Kochen. […] Ein richtiges Leben mit ziemlich viel Reden, mit Reden zum Frühstück und Reden am Mittag und Reden am Abend, und das ganze Reden bedeutete: Aufpassen auf einen von uns, der mal versucht hatte, sich umzubringen. (S. 61)

Die anderen aus der Klasse, die Lehrer und viele Eltern können nicht so richtig begreifen, was da in ihrem Dorf vor sich geht. Eigentlich versteht niemand, was dieses merkwürdige Wohnprojekt eigentlich soll. Und die Bewohner_innen verstehen einfach nicht, warum die anderen Nichts verstehen. Höppner geht es zwar nicht so schlecht wie Frieder, aber er leidet unter dem F2M2 („Fieser Freund meiner Mutter“) und versucht nebenher noch die Musterung zu umgehen. Selbst dafür wissen seine Freunde Rat. Vielleicht weil sie nicht so abgestumpft sind wie der Rest.

Hätte man sie vor einer Klausur gefragt: „Wozu lebst du eigentlich?“, hätten sie geantwortet: „Das kommt nicht dran, das müssen wir nicht wissen.“ Sie waren auf der Oberschule zuhause. Sie verpuppten sich, machten Abi und studierten, und wenn der Kokon platzte, sahen sie aus wie ihre Eltern. Sie übernahmen die Praxis, die Kanzlei, das Ingenieurbüro. Sie erbten von ihren Eltern das Abitur und das Leben. (S.68)

Höppner und seine Freunde wollen nicht irgendein Leben erben, sie leben im Jetzt, weil sie wissen, dass Zeit kostbar ist. Weil der Sommer, der letzte bevor die Schule zu Ende ist und  alle getrennte Wege gehen, etwas Besonderes sein soll. Weil sie es sich verdient haben und weil sie glauben, dass Frieder es verdient.

Die Nachbarn nennen das Haus irgendwann „Auerhaus“, weil ständig Our House von Madness aus den Boxen schallt und ältere Menschen in der württembergischen Provinz damals nicht so richtig gut Englisch konnten. Aber Auerhaus passt, erinnert es doch an den Auerhahn und den kennt man ja.

Irgendwann sitzt ein Typ am Tisch, der Harry heißt und sich einen Joint dreht und dann bleibt er halt da, denn er kann nicht mehr nach Hause. Und dann kommt Pauline und die bleibt auch. Man trinkt zusammen Imiglykos und Frieder bringt den anderen bei, wie man in der Delikatessenabteilung Köstlichkeiten klaut. Und dann gibt es eine riesige Party mit der kompletten Oberstufe, Frieder lädt die eine Hälfte der Psychiatrie ein und Pauline die andere Hälfte und Harry „alle Schwulen zwischen München und Paris“ (S.118). Die Party wird legendär. Und irgendwann ist der Sommer vorbei. Das ist von Anfang an klar.

Bov Bjerg beschreibt seine Figuren sehr warmherzig, egal wie verpeilt oder wie merkwürdig sie sich benehmen. Der Roman macht Spaß und entfaltet genug gemütlich-anarchistisches Potenzial zum Wohlfühlen und  ist gleichzeitig von Seite zu Seite leise melancholisch. Denn natürlich wird dieses Wohnprojekt nicht ewig dauern. Es ist zeitlich begrenzt und überschaubar und trotzdem werden alle Beteiligten am Ende vom Sommer ihres Lebens sprechen. Ich wäre gerne dabei gewesen. Als ich den Roman zu Ende gelesen hatte, musste ich auch an dieses Gefühl nach dem Abi denken. Der Sommer, in dem man sich noch nicht endgültig entschieden hatte, wie es weiter gehen soll. Und das Gefühl, dass es tausend Möglichkeiten gibt. Es waren dann gar nicht tausend, aber das wusste man damals ja noch gar nicht. Bov Bjerg trifft genau diesen Ton, diese Zeit und ein Lebensgefühl. Und das geht am Ende richtig ans Herz.

Wir hatten immer so getan, als ob das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben wäre, also ewig. Frieder sagte: „Du hast die Augen zu und treibst auf deiner Luftmatratze, ein sanfter Wind weht, und du denkst, geil, jetzt lebe ich für den Rest meines Lebens hier in dieser Lagune, in der Südsee. Und dann machst du die Augen auf und merkst, es ist bloß ein Nachmittag am Baggersee, und zack ist der auch schon vorbei.

(S.214)

Bov Bjerg – Auerhaus. Blumenbar 2015. 240 Seiten.

ISBN: 978 – 3-351-05023-8

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

3 Kommentare zu „[Rezension] Herz-WG – Auerhaus“

  1. Das Buch klingt richtig nach meinem Geschmack. Ich freue mich immer, wenn Blogger Bücher abseits des Mainstream vorstellen. So hat man auch die Chance, einige Perlen zu entdecken. Das Buch wandert jedenfalls auf meine Wunschliste, sodass ich vielleicht mal herausfinden werde, ob es sich hierbei wirklich um eine Perle handelt.

    Liebe Grüße

    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

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