[Rezension] Viele Fragen bleiben offen – Hippiesommer

Es ist sicherlich schwierig, einen Roman schreiben zu wollen, in dem es um einen „Generationenkonflikt“ geht. Was bedeutet das überhaupt? Wie sah Jungsein früher aus und wie in Zeiten der Generation Praktikum? Was haben heutige 28jährige, die auf Lebenslaufoptimierung aus sind überhaupt mit den Hippies der 1960er und 1970er Jahre zu tun? Nun ja, viele von ihnen sind unsere Eltern. ;)

HippiesommerElena ist Ende Zwanzig und macht Karriere. Ihr Zuhause ist die Firma und ihr Leben besteht aus Präsentationen, Reisen und sehr viel Arbeit. Als Unternehmensberaterin hat sie keine Zeit mehr für ihr Privatleben und auch ihre Beziehung ist durch den Fokus auf das große Geld und den Job in die Brüche gegangen.

Doch an Weihnachten kommt das Hamsterrad abrupt zum Stehen. Elena landet mit einem Burn-Out in der Klinik. Zusammen mit ihrem Therapeuten beginnt sie ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Die Kapitel springen abwechselnd zwischen der Situation in der Klinik und den Erlebnissen aus der Vergangenheit und da hat Elena einiges aufzuarbeiten. Besonders die Beziehung zu ihren Hippie-Eltern und den letzten glücklichen Sommer ihres Lebens. Das war der Sommer, in dem Elena ein lilafarbenes Kleid auf dem Dachboden gefunden hat. Das Kleid wird ihr Kostüm für die Schulaufführung des Musicals Hair und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Denn natürlich muss es hier das Musical Hair sein und damit die kommerziell erfolgreichste Thematisierung  einer Gegen- oder Subkultur, die es vor dem Punk und der „Castingband“ Sex Pistols gegeben hat. Ein Musical, das wahrscheinlich nachhaltig unsere Vorstellungen von Hippies über Jahre geprägt hat.  

„Und, haben Sie noch Theater gespielt?“

„Theater? Nein. Nie mehr seitdem. Es kam mir wie Zeitverschwendung vor. Nur so zu tun, als wäre ich jemand anderes. Ich wollte jemand anderes sein!“

(S.184)

In Kutters Roman steht nicht nur der Zusammenbruch von Elena im Vordergrund. Auch das Schicksal ihrer Mutter wird thematisiert und ein Generationenkonflikt konstruiert, der leider zu schnell sehr klischeelastig wird. Auf der einen Seite die karrieregeile Tochter, die den Eltern Spinnerei und Realitätsflucht vorwirft, auf der anderen Seite die Alt-68er Hippiemutter, die ihre eigene Spießigkeit durch Yoga und „irgendwas mit Kunst“ zu kompensieren sucht. Eine Mutter, die ständig scheitert und eine Tochter, die nur arbeitet, um irgendwie die fehlenden Familienstrukturen auszugleichen und die Anerkennung zu bekommen, die ihr in der Kindheit verwehrt wurde.

Der Text ist weitaus anstrengender und bitterer als Cover und verspielt klingender Titel vermuten lassen. Gerade am Anfang war ich sehr irritiert. Elena ist so distanziert von sich selbst und von ihrem eigenen Leben, dass sie nur in der dritten Person erzählt.

Ach, Elena – ich habe von ihr erzählt, als wäre sie eine andere Person, eine Schwester, vielleicht oder eine Cousine. Ich habe nicht mehr viel gemein mit dem Mädchen in dem Hippiekleid. (S.171)

 Am Ende gibt es nicht den einen Grund für Elenas Zusammenbruch. Es sind viele kleine Dinge, die zusammenkommen. Vieles bleibt im Text nur angedeutet. Hat Elenas Vater wirklich Fahrerflucht begangen, wie sie in diesem letzten Sommer vermutet und ist er Schuld daran, dass ihre große Liebe im Koma lag? Stimmt es, dass ihre beste Freundin sie verraten hat? Oder hat sie sich vielleicht wieder einmal die Dinge nur so zurechtgelegt und zusammengeschoben, wie es ihr gerade passt? Ist die Vergangenheit ihrer Eltern für sie nicht eher wie ein Bild aus dem Musical Hair? Offene Haare, barfuß, Männer und Frauen mit Blumenkränzen im Haar? Am Ende sind Tochter und Mutter gar nicht so verschieden. Vor der Realität zu flüchten, scheint für beide eine funktionierende Bewältigungsstrategie zu sein.

„Wir merken uns einige wenige Szenen, andere vergessen wir. Wir gehen dabei sehr selektiv vor, ohne dass es uns auffallen würde. Manchmal erfinden wir sogar Dinge und beginnen an sie zu glauben. Das alles ist unsere Erinnerung. Eine trügerische Quelle. Aber wir sind eben versessen darauf, in allem Zusammenhänge zu sehen. Wir geben Dingen einen Sinn, weil wir glauben, ihn zu brauchen.“ (S.195)

Obwohl ich die grundsätzliche Idee sehr spannend fand, konnte mich der Roman nicht vollends überzeugen. Obwohl es Kutter gut gelingt, die Gedankenkreise und das Gefühl des NiezurRuhekommens eines Burn-Outs und die absurden Anforderungen der heutigen Arbeitsrealität nachvollziehbar darzustellen, habe ich Schwierigkeiten mit den Figuren.

Die Figuren bleiben auf Distanz, alles ist gewollt beiläufig. Elena ist eine sehr komplizierte Figur, die vieles falsch versteht und auch ihre Mutter ist schwierig. Manchmal verstehe ich auch gar nicht genau, warum jetzt gerade diese Situation für Elena eine Belastung darstellt.

Am Ende des Romans bleiben bei mir noch einige Fragen offen. Dass Janis Joplin mit ihrem Song Me and Bobby McGee dann schlussendlich Elenas Leben rettet, ist dann leider auch nicht mehr stimmig, sondern im Endeffekt ähnlich klischeebeladen wie der anfängliche Generationenkonflikt.

 

Inge Kutter: Hippiesommer. Arche 2016.

ISBN: 978-3-7160-2746-2

Vielen Dank an die Leserunde bei Lovelybooks und den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „[Rezension] Viele Fragen bleiben offen – Hippiesommer“

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