[Rezension] „Jeder Mensch ist anders!“ – Schuld war Elvis

Hebrons Leben stand von Anfang an unter einem Stern, den man nicht unbedingt schlecht nennen konnte, aber ihn als gut zu bezeichnen, würde ihren folgenden Lebensjahren nicht gerecht werden. (S. 7)

Als ich das erste Mal den Roman in einer Buchhandlung gesehen habe, wusste ich, dass ich unbedingt dieses Buch lesen musste. Mir gefiel der Titel, das Cover, vielleicht war ich gerade noch durch das 1950er Jahre – Seminar an der Uni inspiriert und dachte, dass „irgendwas mit Elvis“ schon passt. Eigentlich geht es aber nicht um Elvis, sondern um eine ziemlich verkorkste Familie.

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In Rebecca Maria Salentins Debüt Schuld war Elvis wird auf knapp 500 Seiten eine Familien- und Entwicklungsgeschichte beschrieben, die in den 1970er Jahren in der Eifel beginnt. Anfang und Ende des Romans bestehen aus demselben Satz, so als habe sich auf den 500 Seiten nichts geändert: „Und Hebron schrie.“ (S.2, S. 506).

Doch es ändert sich eine Menge in Hebrons Leben und in ihrer Beziehung zu ihrer chaotischen Familie. Damit die Leser_innen nicht den Überblick verlieren, gibt es eine Ahnentafel der Familien Hunger und Apelstejn auf den letzten beiden Seiten. Das ist gerade in der Mitte des Buches wirklich hilfreich, denn Hebrons Leben ist so besonders und die Verstrickungen ihrer Familie komplexer als ich zunächst dachte.

„Es gibt keine zwei vergleichbaren Leben! Niemals! Jeder Mensch ist anders!“, wird natürlich jetzt jeder aufschreien, ebenso empört wie überzeugt. Und ja, er hat recht, und nein, hat er nicht.

Es gibt eine Andersartigkeit, die selbst unter anderen anders ist. Und unter dieser Andersartigkeit hatte Hebron von Anfang an zu leiden. “ (S. 7)

Hebrons Mutter Meggie hat Pech mit den Männern. Hebrons Vater ist kurz nach ihrer Geburt nach Israel abgehauen und ihr ganzes weiteres Leben lang, wird Hebron eine männliche Bezugsperson fehlen. Meggie schafft es zwar, immer wieder schwanger zu werden, aber eine offizielle Hochzeit mit einem der potentiellen Partner gibt es nie. Das sorgt für Gesprächsstoff in der Kleinstadt Düren und dafür, dass Hebron sehr früh in ihrem Leben nicht nur große Schwester, sondern viel zu oft auch Ersatzmama sein muss. Denn Meggies Männer kann man allesamt in der Pfeife rauchen (und Meggie eigentlich auch). Hebrons erster Ersatzpapa, der Vater ihrer Zwillingsbrüder, verstirbt tragisch bei einem Autorennen. Der nächste Mann, der als Ersatzvater in Frage kommen könnte, ist der Gartenarbeit zugewandt und hegt und pflegt zwar mit Hingabe seine Hanfplantage, findet Kinder aber eher anstrengend. Und wer der Vater vom mopsigen, aber glücklichen Francis ist, verrät Meggie gar nicht erst.

Zum Glück gibt es noch helfende Tanten, aber Fanny, Penny, Peggy, Sally, Daisy und Betty können ihrer verkorksten Schwester  nicht jedes Mal aus der Patsche helfen. Als Hebron die Situation nicht mehr aushält und ihr Suizidversuch ungehört verpufft, macht sie sich auf die Suche nach ihrem Vater und fährt kurzer Hand nach Israel.

Allerdings handelt es sich hier eher um das Grundgerüst der Handlung. Immer wieder800px-Elvis_Presley_1970 werden die Geschichten der Großeltern, der Onkel und Tanten und der ganzen Familie Hunger um Hebrons Leben herumgestrickt, denn natürlich gehört alles zusammen. Das ist manchmal etwas viel und driftet leider schnell ins Anekdotenhafte ab. Der Erzählmodus ist dabei gleichbleibend ironisch. Mit einem leichten Augenzwinkern werden die Streiche der Zwillingsbrüder Wim und Billy, ihre Raufereien mit ihren Cousins Geronimo und Casanova oder aber Hebrons erste Leseversuche, die allein durch den Anblick von Elvis  auf einer Illustrierte und Hebrons Instant-Verliebtheit, zu Stande kamen, beschrieben.

Das kann über 500 Seiten etwas zu launig werden und hat leider dafür gesorgt, dass mich die Geschichte stellenweise nicht ganz überzeugen konnte. Egal ob Kriegserlebnisse, Suizidversuche, eine unmögliche Mutter und eine tragische Kindheit, der heitere Erzählmodus bleibt bestehen und wirkt dabei auf Dauer etwas ermüdend. Da hätte es für mich nicht die gefühlt zehnte Erzählung über Hebrons Onkel‘ (ebenfalls Zwillinge) sein müssen, obwohl mich gerade dieser humoristische Erzählstil am Anfang noch begeistert hat. Zudem kommt Salentin wirklich in jedem Kapitel von einer kleinen Geschichte über eine Anekdote zu einer anderen Nebensächlichkeit um erst langsam wieder zu Meggie und Hebron zurückzukehren, die für mich eindeutig den Hauptteil des Romans ausmachen.

Geht es allerdings um Hebrons eigene Suche nach ihrem Vater und ihr Aufeinandertreffen mit Samuel Apelstejn gefällt mir der Roman ausgesprochen gut. Bei einer Figur wie Hebron ist natürlich damit zurechnen, dass die Begegnung nicht einfach wird und dass es so etwas wie ein Happy End gar nicht geben kann, aber vielleicht einen Neuanfang.

Rebecca Maria Salentin: Schuld war Elvis. C. Bertelsmann 2015. 506 Seiten.

ISBN: 978-3-570-10212-1

Ich habe den Roman als Rezensionsexmplar beim Bloggerportal angefragt. Vielen Dank!

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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