[Rezension] Good Old Betty – Eine treue Frau

Diese Rezension behandelt den zweiten Teil einer großartigen Trilogie von Jane Gardam, deren Abschluss ich mittlerweile entgegenfiebere. Wenn ihr Teil 1 über Old Filth noch nicht kennt, solltet ihr lieber nicht weiter lesen.

Ein untadeliger Mann

 

Jane Gardams Trilogie macht süchtig, das vielleicht vorweg. Ich wollte nach Ende des ersten Teil sofort wissen, wie es weiter geht – Spoiler: denn bereits in Band 1 deutete sich zumindest an, dass Old Filth glaubt, seine Frau habe ihn mit seinem Erzrivalen Veneering  betrogen.

Gardams Schreibstil ist unglaublich elegant, sehr eloquent und ehrlicherweise lasse ich mich nur zu gerne von ihr in eine bestimmte Richtung manipulieren. Am Ende stellen sich viele Andeutungen oder Vermutungen als Fehlurteile heraus. Gleichzeitig bin ich wirklich überrascht über die vielen Details aus Bettys Leben von denen ihr Ehemann keine Ahnung hatte – oder die ihn nicht interessierten.

Betty ist eine beeindruckende Frau – das sage ich zumindest nach diesem zweiten Teil. Sie durfte keinen Beruf erlernen, denn das gehörte sich nicht für eine untadelige Frau ihres Standes. Als sie und Old Filth keine gemeinsamen Kinder bekommen können, bleibt ihr nur die Rolle der treusorgenden Ehefrau. Und das ist ihr einfach nicht genug. Gerade die Kinderlosigkeit ist für Betty eine große Belastung. Old Filth hat die Kinderlosigkeit im ersten Teil des Buches nie als störend erwähnt. Es ist unglaublich spannend, welche Leerstellen sich auf einmal in Old Filth Geschichte auftun, die er nicht erwähnt hat oder nicht erwähnen konnte.

Dachte ich nach dem ersten Band noch, dass Betty fürchterlich mit ihrem Ehemann umgeht und einfach kein Herz hat, könnte ich das Gleiche für Old Filth im zweiten Teil sagen. Beide Figuren haben schwere Schicksalsschläge zu verarbeiten und bleiben damit, trotz ihrer Ehe, sehr alleine.

Ich finde es faszinierend, dass Gardam so spielerisch mit unseren Meinungen und Urteilen umgeht. Der Roman macht unglaublich viel Spaß zu lesen. Kleine ironische Seitenhiebe durch den Erzähler und eine liebevolle Charakterzeichnung machen Gardams Stil aus und sorgen für ausgezeichnete Unterhaltung. Trotzdem bleibt die Grundaussage tragisch. Die Kinder des Empire sind für ihr Leben geprägt. Das Glück aller Beteiligten wird bestimmt von Etiketten, standesgemäßen Traditionen und dadurch so vielen kleinen Unfreiheiten, die Betty noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise treffen als ihren Mann. Ich frage mich, ob irgendeiner der Beteiligten wirklich glücklich werden kann mit den Traumatisierungen und der Einsamkeit, die sie alle mit sich herumtragen. Und auch wenn ich Old Filth im ersten Teil doch sympathisch fand, beginne ich mittlerweile daran zu zweifeln, dass die Ehe der beiden irgendwann einmal für Glücksgefühle gesorgt hat. Die beiden passen eigentlich nicht zusammen und das zeigt sich schon an der Art und Weise wie Filth um Bettys Hand anhält. Denn Betty ist eigentlich auch ganz anders.

Ich bin wahnsinnig gespannt, wie es im dritten Teil weiter geht. Welche Geheimnisse, Intrigen oder versteckte Seiten dieser drei Charaktere noch offenbart werden. Und ich freue mich darauf, Veneerings Sicht der Dinge zu lesen.

Jane Gardam: Eine treue Frau. Hanser Berlin 2016. 272 Seiten.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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