[Rezension] Fakt & Fiktion – Nach einer wahren Geschichte

Wenn ihr bisher noch keinen Roman von Delphine de Vigan gelesen habt, solltet ihr das schnellstmöglich ändern. Nach einer wahren Geschichte ist ein fantastisches Meisterwerk, poetische Reflexion und geniale Spielerei. Das funktioniert besonders gut, wenn man den Vorgängerroman Das Lächeln meiner Mutter kennt.

Das erste Buch, das ich von der französischen Schriftstellerin gelesen habe, war No & ich. Es geht um das Leben auf der Straße, um Freundschaft. Es ist eine schön erzählte, sehr berührende Geschichte, die letztlich auch de Vigan zum Durchbruch als Schriftstellerin verholfen hat. Ihr Nachfolgewerk war für mich sehr überraschend. Ein Buch zu dem ich keine Rezension geschrieben habe, weil ich es einfach für mich behalten wollte. Kennt ihr diese Romane, die ihr nur für euch lest und die ihr gar nicht besprechen oder beschreiben wollt? Das Lächeln meiner Mutter ist eine autobiographische Auseinandersetzung, die nicht leicht zu lesen ist. Delphine de Vigan spürt dem Leben ihrer Mutter nach, erkundet die Gründe für ihren Suizid und beginnt ihre Verwandten über das Leben ihrer Mutter zu befragen. Dabei macht sie auch vor eigenen schmerzhaften Erinnerungen nicht halt. Das Buch hat mich sehr beeindruckt. Und nicht nur mich. Wochenlang stand es auf Platz 1 der französischenBestsellerliste.

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Nach einer wahren Geschichte knüpft deutlich an diesen Roman an, aber es werden ganz andere Fragen verhandelt. Wie ist es, wenn die eigene Lebensgeschichte als weltweit verkaufter Bestseller in den Regalen steht? Und was passiert mit einer Schriftstellerin, die auf einmal auf diese wahren, authentischen Lebensgeschichten beschränkt wird?

„Glaub mir, die Leser erwarten etwas anderes von der Literatur, und damit haben sie recht: Sie erwarten Wahres, Authentisches, sie wollen, dass man ihnen vom Leben erzählt, verstehst du? Die Literatur darf nicht auf das falsche Territorium geraten.“

Ich dachte kurz nach, bevor ich ihr antwortete:

„Ist es denn so wichtig, ob das Leben, von dem man in den Büchern erzählt, wahr ist oder erfunden?“

„Ja, es ist wichtig. Es ist wichtig, dass es wahr ist.“

(Nach einer wahren Geschichte, S.74)

Und jetzt das. Ein Roman, der schon im Titel auf eine vermeintliche Wahrheit anspielt und gleichzeitig den eigenen Fiktionalitätscharakter unterstreicht. Was ist das, eine wahre Geschichte? Und was erwarten Leser*innen denn jetzt wirklich? Haben Leser*innen das Recht zu entscheiden, wie eine Geschichte ausgehen soll? Nicht ohne Grund ist das Motto des Romans ein Zitat von Stephen King. Eben jener Großmeister des subtilen Horrors, der mit Misery eine ganz besondere Autoren-Leserinnen-Beziehung auf’s Papier gebracht hat. Fans können ziemlich unheimlich sein und mitunter eben auch verrückt, wie der Schriftsteller Paul Sheldon erleben muss.

Der Schriftstellerin Delphine geht es im Roman Nach einer wahren Geschichte nicht anders. Auf einer Party lernt Delphine L. kennen. L. arbeitet als Ghostwriterin und ist sehr erfolgreich damit. Delphine bewundert die elegante L. Ihre Abkürzung wird im gesamten Roman nicht aufgelöst, vielleicht, weil „L.“ sich im Französischen so passend als „elle“ lesen lässt. Eine namenlose „sie“, die zur Schlüsselfigur für Delphines Schreiben wird.

L. sucht Delphines Nähe und bald unterhalten sich beide über die Familie, über Lieblingsbücher, über Lieblingsfilme – und entdecken erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Ein gemeinsamer Lieblingsfilm. Eine Erinnerung von L. an eine gemeinsame Schulzeit, die Delphine allerdings vergessen hat. Die Treffen der beiden häufen sich, sie werden Freundinnen, auch wenn Delphine nie so richtig versteht, was L. eigentlich an ihr findet.

Durch Zufall erwähnt Delphine bei einem gemütlichen Abend ihre neue Romanidee. L. ist entsetzt, Delphine könne doch viel mehr. Sie müsse die Wahrheit schreiben, das würden die Leser erwarten, gerade nach ihrem letzten Buch über ihre Mutter. Nur so könne große Literatur entstehen, das Sujet müsse authentisch sein. L.s Worte stürzen Delphine in eine Schreibkrise. Sie erträgt es nicht mehr am Schreibtisch zu sitzen, der Anblick eines leeren Blatt Papiers ist zu viel für sie, sie schreibt keine E-Mails mehr. Da bietet sich die Ghostwriterin L. an. Sie beginnt in Delphines Namen E-Mails zu schreiben, erst nur ein paar, dann werden es immer mehr. Nach und nach gibt Delphine ihr Leben aus der Hand, L. kümmert sich um alles. Aber niemand weiß, wer L. eigentlich ist.

Aber jedes Schreiben über sich selbst ist ein Roman. Der Bericht ist Illusion. Kein Buch dürfte diese Bezeichnung tragen. (S.76)

Der Roman macht unglaublich viel Spaß, gerade weil de Vigan immer wieder mit den Erwartungshaltungen der Leser*innen spielt. Ich wusste nie genau, was als nächstes passieren wird und welche unvorhergesehene Wendung wohl hinter der nächsten Ecke lauert. Gleichzeitig spielt die Frage nach Illusion und Realität eine große Rolle. Die Schriftstellerin Delphine befindet sich in einer Schreibkrise nach einem großen Roman, der den Suizid ihrer Mutter behandelt. Zumindest das Thema des Romans stimmt mit dem Leben der Autorin überein. Aber sobald L. auftaucht, kippt die Handlung. Faktisches wird zur Fiktion. Ein bisschen Fight Club, ein bisschen A beautiful Mind, die Leser*innen werden ganz schön verunsichert. Ist L. wirklich eine aufdringliche Fremde, eine unheimliche Freundin – oder gibt es sie vielleicht gar nicht?

Das Spiel mit vermeintlicher Realität und Fiktion hat Delphine de Vigan in diesem Roman perfektioniert. Doppelgänger, Kopie, Original – was zählt eigentlich? Und warum sind Leser*innen so besessen davon, zu wissen, wie Delphine de Vigan den Suizid ihrer Mutter verarbeitet hat? Ein bisschen scheint Nach einer wahren Geschichte auch ein Befreiungsschlag zu sein, der eine Lanze für die Fiktionalität bricht. Nicht zuletzt als Delphine im Roman einen Blick in ihr eigenes Bücherregal wirft und entdeckt, dass viele Erzählungen von L. aus ihren Lieblingsbüchern stammen…

Mit sehr viel hintergründigem Humor wird auch schon mal Barthes zitiert, natürlich nichts anderes als Ausschnitte aus seinem Essay „Der Tod des Autors“. Und alles, was man anfänglich noch für den soliden Bausatz einer Geschichte hielt, beginnt nach und nach zu bröckeln. Ziemlich meta also und gleichzeitig unglaublich spannend!

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte. Dumont 2016.

ISBN: 978-3-8321-9830-5

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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