Viel zu viel Vergangenheit – Straus Park

 

Sie zog ihn auf einen antiken Teppich, und immer wieder schmeckte er nicht nur sie, sondern auch den Staub von viel zu viel Vergangenheit. Er wäre auf ewig in ihr geblieben, hier, auf dem kratzigen Gewebe oder egal wo sonst, aber sie war schnell und er begriff, dass danach alles vorbei sein konnte. (S.10)

straus_park_bearbeitetSex mit Kunsthistorikerinnen ist für Amos Grossman eine neue Erfahrung. Auch wenn der Erbe einer jüdischen Familie wirklich kein Kind von Traurigkeit ist. Von seiner ersten Ehefrau hat er sich scheiden lassen, obwohl er damals noch an die große Liebe glaubte. Die gemeinsame Tochter sieht er sporadisch. Als wir ihn kennen lernen, hat er nur noch Sex mit seiner Geschäftspartnerin Alison und klagt sein Leid regelmäßig einem Therapeuten. Zu seiner Familie hat er kaum Kontakt,sein Geschichtsstudium(Harvard!)  hat er abgebrochen, nachdem seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Amos verwaltet den ehemaligen Familiensitz  am Straus Park und hütet das Erbe. Ansonsten wankt er ziellos durch sein Leben und bevor die Midlife-Crisis unbarmherzig an seiner Tür klopft,   begegnet er einer verführerisch schönen Kunsthistorikerin und verliebt sich. Denn diese Frau, das ist sie endlich. Die eine, echte, wahre Liebe.

Es gibt eine Art Liebe, dachte er, eine weichgespülte Variante, die gedeiht, weil man weiß, dass sie bald zu Ende geht. Kamikazeliebe, kurz und dumm. Nicht die Art von Liebe, der Amos Grossmann in handtuchbreite Schuhläden in der Lower East folgen würde. Er kannte sie nur allzu gut, diese weichgespülten Varianten. Für gewöhnlich zog sich Amos diese Art von Liebe zu, wie man sich eine Erkältung zuzieht. (S.84)

Julie Dane forscht über die Herkunft europäischer Kunstschätze aus dem 18. Jahrhundert in den USA. Amos verliebt sich sofort in die charmante Engländerin, die unerwartet vor seiner Tür steht, geht mit ihr Schuhe kaufen  und stellt den Kontakt zu anderen Kunstsammler*innen her. Es kommt zu einer stürmischen Affäre, deren leidenschaftliche Höhepunkte bereits am Anfang des Romans in epischer Breite ausgelotet werden. Das ist unterhaltsam.

Doch dann kippt die Szenerie. Bis hierhin ist alles simpel und nicht überraschend. Man kann es sich förmlich ausmalen, wie Julie und Amos mit ihren Café Lattes an der Upper West Side entlang schlendern und das Leben genießen. Das Julie daheim auf der Insel eigentlich liiert ist, stört wenig. Würde eine vertraute Stimme „xoxo, Gossip Girl“ kommentieren – es würde passen.giphy

Doch Paul Baeten Gronda legt spätestens im zweiten Teil des Romans einen düsteren Schatten auf diese Szenerien der Belanglosigkeit. Und damit habe ich nicht gerechnet. Der zweite Teil führt die Leser*innen ins Jahr 1937, zunächst nach Deutschland und dann in die Niederlande.

Friedrich Großmann war genau wie viele andere in seiner Position vor allem darauf aus gewesen, sich so deutsch wie möglich zu geben und hätte alles Jüdische am liebsten vergessen oder wenn möglich verleugnet. […] Dass der deutsche Staat sein Feind sein sollte, dass seine Landsleute ihn, einen Arzt und obendrein einen Kriegsveteranen, jemand, der ihre Kinder auf die Welt gebracht hatte – dass sie ihn ausspeien würden, das wollte er nicht glauben, wenn er es sich überhaupt vorstellen konnte. (S.143)

In Amsterdam leben Charlotte und Markus. Sie sind Amos‘ Großeltern. Charlotte hat ihren Vater Friedrich in Deutschland auf der Flucht vor den Nazis zurückgelassen. Es war ein Beschluss ihrer Familie, dass sie und ihr Ehemann als erstes nach Amsterdam gehen. Die Eltern werden nie nachkommen. Charlotte und Markus leben in verschiedenen Verstecken, sie kommen bei Freunden unter oder bei Freunden von Freunden. Markus droht an der Verfolgung zu zerbrechen, Charlotte hingegen will die Situation nach wie vor im Griff behalten können. Deshalb wirft sie sich einem NS-Offizier an den Hals und verrät ihm peu á peu, wo sich ihre Freunde verstecken – denn wenn sie ihn mit Informationen  versorgt, lässt er sie und ihren Mann hoffentlich in Ruhe. Außerdem gefällt ihr der Nervenkitzel und endlich winkt ihr als Geliebte eines Offiziers auch der soziale Aufstieg. Charlottes Geplauder sorgt direkt für Verhaftungen und Ermordungen, es sorgt dafür, dass ihre engsten Freunde direkt ins Lager abtransportiert werden.

„Ich will damit nur sagen, dass der Krieg nicht ewig dauern wird.“ Und als er nach diesen Worten ihren Hals küsste, scheu und behutsam, als ob er sie zerbrechen könnte, begriff sie nicht nur, was er vorhatte, sondern auch, dass er sie liebte. Otto Frei, der Mann, den man den Bluthund nannte und der eine Art Gerichtsvollzieher des Todes war, er liebte sie, eine jüdische Bäuerin aus Ketzin, die ihre eigenes Volk verkaufte. (S.209)

Paul Baeten Gronda erzählte eine Geschichte über Opfer und Täter, über Schuld und Leidenschaft, ohne dabei zu moralisieren. Dabei gelingt es ihm, immer wieder den Bogen in die Gegenwart zu spannen und Julie und Amos Liebesgeschichte in den Blick zu nehmen. Der Roman hat mir ausgesprochen gut gefallen. Es geht um Liebe, Leidenschaft und Verrat. Vor allen Dingen geht es aber auch um jüdischen Kunstbesitz in der NS-Zeit und Spuren von viel zu viel Vergangenheit, die bis in die Gegenwart führen. Und man kann es sich denken: die Geschichten von Amos‘ und Julies Familien sind auf tragische Weise miteinander verbunden.

Paul Baeten Gronda: Straus Park. Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas.
Luchterhand Verlag, München 2016
320 Seiten.

Advertisements

Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s