Buch-Date III

mein-kleiner-orangenbaumIch habe beim Buch-Date mitgemacht und Romane empfohlen und drei spannende Empfehlungen von Tausend bekommen. Und dann habe ich mich für den kleinen Orangenbaum entschieden, denn die anderen Empfehlungen trafen meinen Buchgeschmack leider so gut, dass ich sie schon kannte. :)

Ich sollte einfach öfter mal Literatur aus Südamerika lesen. Irgendwie habe ich da einen blinden Fleck. Überhaupt ist meine Lektüreauswahl sehr englisch/deutschsprachig. Das sollte ich dringend mal ändern. Dank der Empfehlung von Tausend, habe ich jetzt auch mal ein wenig meinen literarischen Horizont erweitert.

In dem Roman Mein kleiner Orangenbaum geht es um den kleinen Sesé und ein Jahr in seinem Leben, in dem sich viele für ihn elementare Veränderungen abspielen, die von seiner Umgebung noch nicht einmal bemerkt werden. Sesé lebt mit seiner Familie in Bangu. Die Familie hat nicht viel Geld und weil der Vater seinen Job verliert, muss die Familie in eine kleinere Wohnung umziehen. Als Belohnung dürfen sich die Kinder je einen Baum im Garten aussuchen, aber Sesé ist zu langsam und ihm bleibt nur ein mickriger Orangenbaumwinzling. Eine ziemlich Enttäuschung für den intelligenten Jungen, der sich mit gerade einmal fünf Jahren schon selbst das Lesen beigebracht hat.

In Sesés Familie gehört Gewalt zum Alltag und das ist nicht einfach zu  lesen. Sesé allerdings, geht kreativ mit seiner Situation um und legt einen unerschütterlichen Optimismus an den Tag. Ich habe mich oft gefragt, woher der Junge in seiner Situation seinen Lebensmut nimmt. Aber Sesé hat viel Fantasie und auch ein Talent dafür, Streiche auszuhecken. Weil er bezüglich seines Alters ein wenig flunkert, darf er auch schon zur Schule gehen. Dort ist er zwar der kleinste, aber auch der intelligenteste Schüler. Langweilig wird ihm selten. Ein öder Garten wird für ihn im Handumdrehen zum Zoo und seinem kleinen Bruder erzählt er jede Geschichte, die ihm gerade in den Sinn kommt. Für die Familie bleibt Sesé aber das „Teufelskind“ und er hat einen unglaublich schweren Stand. Ein Lichtblick bleibt die Schule und seine Lehrerin.

Wenn man ihr auch immer wieder erzählte, ich sei der übelste Bengel aus meiner Straße – sie glaubte es nicht. Sie glaubte auch nicht, dass keiner so viele Schimpfwörter wisse wie ich. Dass kein Straßenjunge es mit mir aufnehmen könne, sie glaubte es einfach nicht. In der Schule war ich ein Engel. (S.115)

Vom Teufelskind zum Engel – und das oft an einem einzigen Tag. Kein Wunder, dass es Sesé nicht besonders gut geht. Aber als er den „besten Menschen von der Welt“ kennen lernt und außerdem noch Freundschaft mit seinem winzigen Orangenbaum schließt, der sogar mit ihm spricht, scheint sich sein Leben um 180 Grad zu drehen.

Der brasilianische Schriftsteller José Mauro de Vasconcelos schrieb den autobiografisch inspirierten Roman innerhalb weniger Tage. Leider kann ich kein Portugiesisch und konnte das Buch auch nicht auf Englisch finden (bzw. nur zu sehr überhöhten Preisen), deswegen musste die deutsche Übersetzung herhalten. Ich hatte vorher keine genaue Vorstellung von diesem Roman und ich möchte auch nicht den Fehler machen, euch zu viel zu verraten.

Mein kleiner Orangenbaum ist ein toller Roman, poetisch erzählt und gleichzeitig auch sehr traurig. Während ich in einem Kapitel vor Lachen unter dem Tisch liege, weil Sesé eine herzerfrischende Naivität an den Tag legt, muss ich drei Seiten weiter erst einmal schlucken, weil die Situation für Sesé so unfassbar ungerecht ist.  Der kleine Orangenbaum wird Sesés Vertrauter und sein Freund – während es der Familie kaum gelingen mag, Sesés Talent zu erkennen. Stattdessen wird der Junge sehr viel alleine gelassen und muss viele Dinge mit sich selbst ausmachen. Stilistisch ist eine eher minimalistische Schreibweise angesagt, die zu Sesés Art passt, die Welt zu erklären. Wenig Schnörkel, dafür eine Direktheit, die manchmal weh tut. Das Ende, so viel kann ich verraten, geht richtig ans Herz. Mit 199 Seiten ist der Roman nicht sehr lang, aber er gehört zu diesen wirklich seltenen Büchern, von denen ich mir nicht vorstellen kann, sie jemals zu vergessen.

José Mauro de Vasconcelos – Mein kleiner Orangenbaum. Aus dem Portugiesischen von Marianne Jolowicz. Urachhaus 2009.

Einen Sammelbeitrag über alle anderen Bücherdates findet ihr hier.

 

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

4 Kommentare zu „Buch-Date III“

  1. Na das ist doch wunderbar, dass dein Date so hervorragend gelaufen ist. Vielen Dank für die schöne Rezension. (und auch noch einmal für deine Empfehlungen an mich – sich an Literatur zu reiben ist ein ganz eigenes Vergnügen) :)

  2. Das ist eine wirklich schöne Rezension zu dem Buch, und mir ging es beim Lesen genauso. Sesé kann man einfach nicht nicht gernhaben. Ich habe das Buch schon vor vielen Jahren gelesen, und ich habe ihn nie vergessen.
    Freut mich, dass Dir das Buch gefallen hat. :-) Ich glaube, ich muss die Geschichte auch mal wieder lesen …

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