So tun, als ob es regnet

IMG_20170528_150653Es war einmal, und ist doch nie geschehen …“ mit dieser Formulierung des Uneigentlichen beginnen rumänische Märchen. In dem Roman So tun, als ob es regnet wird diese Uneigentlichkeit in einer poetischen und ruhigen Sprache erzählt. Es geht um vier unterschiedliche Lebenswege von Menschen in Sibiu, Siebenbürgen, die auf die eine oder andere Art und Weise  mit der deutschsprachigen Minderheit in der Region zu tun haben.  Die Formulierung „So tun, als ob es regnet“ ist die Übersetzung des rumänischen Sprichworts

a se face că plouă

das eine geistige Abwesenheit bezeichnet. Man ist nicht richtig da, sondern träumt sich an einen anderen Ort, befindet sich mental irgendwo anders.

Die Erzählungen berühren einander, gehören zusammen, werden über vier Generationen hinweg erzählt und bilden doch Einzelschicksale ab. Die Erzählungen beginnen topographisch in den Karpaten und enden auf La Gomera.

Der Roman beginnt mit Jakob, er ist Soldat im Ersten Weltkrieg und befindet sich irgendwo auf dem Weg Richtung Budapest.  Unterwegs macht er in einem kleinen Karpatendorf Halt und lebt bei einer Bauernfamilie, die ihn aufnimmt. Er hat eine intensive Begegnung mit einem deutschen Soldaten und er entscheidet sich, den Mann nicht zu töten. Vielleicht weil ihm ein Gedicht von Trakl einfällt, vielleicht weil der feindliche Soldat auch Goethe liest. Mit der Frau des Hauses verbringt er eine Nacht, bevor er weiterziehen muss. Die Frau wird schwanger und bekommt eine Tochter, Henriette. Sie wird ihren Vater nie kennen lernen. Aber sie hat Glück, anders als ihre Schwestern wird sie nicht nach Russland deportiert, sondern es gelingt ihr, auch den Zweiten Weltkrieg zu überstehen. Henriettes Sohn Vicco lebt in Sibiu, hat wenig Kontakt zu seiner Mutter, die sich immer wieder in Deutschland aufhält und hadert mit der Gesamtsituation und der Überwachung durch den Geheimdienst. Ein befreundeter Schriftsteller sitzt im Securitate-Gefängnis, es bleibt fraglich, ob sein Manuskript noch zu retten ist.  Henriette wird ihren Sohn Vicco durch ihr  Verhalten überraschen. Hedda ist die Tochter von Vicco. Sie erinnert sich an die Urlaube bei ihrer Großmutter Henriette. Hedda ist die einzige, die von ihrer Großmutter etwas geerbt hat – ein Tagebuch, mit den Aufzeichnungen und Kriegserlebnissen der Großmutter. Hedda weiß, wie es ihrer Oma gelang zu überleben. Zu ihrem Vater Vicco, der in Deutschland lebt, hat sie auch nur wenig Kontakt. Sie gerät in eine Situation, in der sie sich verantwortlich fühlt, obwohl sie höchstwahrscheinlich gar nichts an der Ausgangslage hätte ändern können.

Jedes Ziel, jeder Wunsch diente dazu, irgendwo anzukommen, und wenn man nicht aufpasste, versäumte man den Moment, in dem man mit allen Sinnen spürte, wer man war. (S.162)

Der Roman entfaltet relativ schnell eine charakterliche Tiefe der Figuren, die vom Schicksal gebeutelt sind und in schwierige Entscheidungssituationen geraten. Andererseits bleibt aber auch fraglich, ob irgendeine der vier Hauptfiguren oder Nebenfiguren wirklich anders hätte handeln können.

Der Roman rauscht ein bisschen, wenn man ihn liest. Man bekommt das Gefühl, man sitzt an einem Regentag am Fenster und lässt alles um sich herum passieren, weil man ohnehin gerade nichts an der Wetterlage ändern kann. Das ist ganz schön, ein bisschen melancholisch, sehr leise und trotzdem tiefgründig. Auch wenn mir ein wenig die Dynamik gefehlt hat.

Eine weitere Besprechung findet ihr auf Leseschatz.

Iris Wolff: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. 

Otto Müller Verlag 2017

 

 

 

 

 

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „So tun, als ob es regnet“

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