Buch-Date VI – Harun und das Meer der Geschichten

Anfang September haben Wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende die neuen Dates ausgelost, die sich dieses Mal um Kinder-und Jugendliteratur drehen.

Unbenannt

Mir wurden drei Bücher von Wili empfohlen, nämlich

„Tranquilla Trampeltreu“ von Michael Ende

„Hörbe mit dem großen Hut“ von Otfried Preußler

„Harun und das Meer der Geschichten“ von Salman Rushdie.

RushdieIch habe mich für Rushdie entschieden und wurde nicht enttäuscht. Es geht um Harun, der „in der traurigsten aller Städte“ lebt, eine Stadt, die so traurig ist, dass ihre Bewohner sogar vergessen haben, wie sie heißt. Aber das stört Harun nicht, denn sein Vater Raschid ist Geschichtenerzähler und hat so viel Fantasie, dass selbst die traurigste Stadt zu einem wunderbaren Ort wird. Die Fans von Raschid nennen ihn „Genie der Fantasie“, seine Widersacher nennen ihn „Schah von Blah“, denn Raschids Geschichtenschatz geht nie zu Neige. Bis zu dem traurigen Tag, an dem Haruns Mutter Soraya mit dem  fiesen Nachbarn durchbrennt, der schon immer wenig von Raschid und seinem Können gehalten hat. Harun beginnt an den Fähigkeiten seines Papas zu zweifeln und Raschid bringt statt poetischen Worten nur noch ein „Krächz“ zustande.

Schon wieder meine Schuld, dachte Harun zutiefst zerknirscht. Mir allein ist das alles zuzuschreiben. Wozu sind Geschichten gut, die nicht einmal wahr sind? Diese Frage habe ich gestellt und meinem Vater damit das Herz gebrochen. Also muss ich auch alles wieder ins Lot bringen. (S.24)

Während Raschid immer verzweifelter wird, macht Harun eine großartige Entdeckung. Die Fähigkeit seines Vaters, andere mit Geschichten zu verzaubern, stammt vom Erzählwasser aus dem Meer der Geschichten. Zufällig ist Harun wach, als ein Wasser-Dschinn gerade dabei ist, den Geschichtenhahn von seinem Vater abzudrehen. Angeblich ist Raschids Erzählwasserabo abgelaufen – aber das kann Harun nicht einfach hinnehmen. Zusammen mit dem Wasser-Dschinn Wenn macht er sich auf einem goldenen Wiedehopf, der eine Mischung aus Tier und Maschine ist, auf den weiten Weg nach Kahani, wo das Meer der Geschichten liegt, um die Gabe seines Vaters zu retten.

Verschiedene Teile des Meeres enthielten verschiedene Erzählformen, und da alle Geschichten, die jemals erzählt worden waren, sowie viele, die gerade erzählt und ausgedacht wurden, hier zu finden waren, stellte das Meer der Geschichtenströme die größte Bibliothek des Universums dar. Und da die Geschichten hier in flüssiger Form aufbewahrt wurden, behielten sie die wundersame Fähigkeit, sich zu verändern, sich in neue Versionen ihrer selbst zu verwandeln, sich mit anderen Geschichten zu vereinen und dadurch zu wieder neuen Geschichten zu werden, so dass das Meer der Geschichtenströme, im Gegensatz zu einer Bibliothek, weit mehr war als ein Lagerraum für Erzählungen. Denn es war nicht tot, sondern lebendig. (S.79)

Um genau zu verstehen, was schief gelaufen ist, muss Harun mit dem großen Walross sprechen, das in einer Behörde sitzt und für die Verwaltung der Erzählwasserabonnements zuständig ist. In Kahani stellt Harun schnell fest, dass nicht nur sein Vater bedroht ist. Das gesamte Meer der Geschichten wird vergiftet, also sind alle Geschichten der Menschheit in Gefahr. Zusätzlich wird Harun auch noch in eine „Prinzessin-Rettungs-Geschichte“ verwickelt.

Salman Rushdie ist ein toller Erzähler, der vordergründig ein Märchen erzählt, in dem der Kampf Gut gegen Böse ausgetragen wird und das doch noch eine weitere Ebene hat. Wie in Die unendliche Geschichte oder Die Stadt der träumenden Bücher beschreibt Rushdie, wie die Fantasie durch Bürokraten und Despoten unterdrückt wird und verschwindet. Rushdie hat das Buch auf der Flucht geschrieben, nachdem Ajatollah Khomeini 1988 gegen den Schriftsteller eine Fatwa ausrief, weil Rushdie Die satanischen Verse veröffentlicht hatte. Mittlerweile liegt das Kopfgeld auf Rushdie bei 4 Millionen Dollar, zum Jahrestag der Fatwa wurde es 2016 auf Betreiben verschiedener iranischer Medien noch einmal erhöht.

Vielen Dank für diese wunderbare Buchempfehlung, Salman Rushdies andere Romane sind auf jeden Fall auf meine zukünftige Leseliste gewandert. Golden House klingt nämlich auch sehr spannend und ist gerade erschienen. Danke :)

Salman Rushdie – Harun und das Meer der Geschichten (Harun and the Sea of Stories). Aus dem Englischen von Gisela Stege. Kindler 1991.

9 Kommentare

  1. Hej, das freut mich riesig, dass dir das Buch gefallen hat. Ich finde übrigens, dass es sich wunderbar eignet Grossen und Kleinen nicht nur vorzulesen, sondern vor allem auch zu erzählen…. schwups sprudelt aus dem Wasserhahn ein erstes Probeabo ins Teeglas 😊

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