Wir sehen uns dort oben

Wir sehen uns dort oben II

 

Alles in allem war ja ein Krieg nie etwas anderes als der Versuch einer systematischen Tötung auf einem Kontinent. (S.55)

Die beiden Helden der Geschichte trifft man auf den ersten Seiten im Schützengraben liegend an, es ist Winter 1918 und nur langsam gehen die letzten Wochen bis zum Waffenstillstand im November ins Land. Auf den ersten Seiten des Romans wird der Krieg so brutal und grausam geschildert, wie man es sich nur vorstellen kann. Der Auftakt des Romans bildet die Basis für alle folgenden Entwicklungen, eine verbrecherische Aktion eines Vorgesetzten kettet das Leben von sehr unterschiedlichen Menschen auf ewig zusammen.

Im Wesentlichen geht es um drei Figuren, die schon auf den ersten fünfzig Seiten aufeinandertreffen:  Henri d’Aulnay-Pradelle, Leutnant der französischen Infanterie,  ist der Vorgesetzte des Soldaten Albert Maillard. Er schickt seine Soldaten in einen Kampf, der eigentlich schon gelaufen ist. Albert, ein schüchterner Bankangestellter, der noch nie mit einem Mädchen ausgegangen ist, wird an diesem grauen Novembermorgen in einem Bombentrichter verschüttet. Neben ihm liegt ein verwesender Pferdekopf, um ihn herum ist nur noch Erde und Matsch. Der Tod naht. Nur durch Zufall wird sein aus der Erde ragendes Bajonett von seinem Kameraden Édouard Péricourt entdeckt, der daraufhin beginnt, Albert auszugraben. Weil er gerade dabei ist, seinem Kameraden das Leben zu retten, wird Édouard von einem Granatensplitter getroffen, der ihm das halbe Gesicht wegreißt. Der angehende schwule Künstler, der aus einer einflussreichen Bankerdynastie kommt, wird den Rest seines Lebens mit einem entstellten Gesicht und verschmorten Stimmbändern herumlaufen. Albert und Édouard überleben, sind aber schwer gezeichnet.

Im Lazarett stellt Édouard klar, dass er in seinem Zustand auf keinen Fall nach Hause zurückkehren kann. Lieber stirbt er. Jetzt ergreift Albert die Initiative und kümmert sich aufopferungsvoll um den Verwundeten. Er besorgt ihm sogar eine neue Identität, damit Édouard keinen Gedanken mehr an seine Familie verschwenden muss, der er sich in seinem Zustand auf keinen Fall zeigen kann. Die alten Kameraden bleiben auch nach dem Krieg zusammen – und sind weitestgehend auf sich allein gestellt.  Édouard beginnt sich Masken zu basteln, damit niemand sein entstelltes Gesicht sehen muss.

Man hatte langsam die Nase voll von diesen Helden! Außerdem waren die wirklichen Helden tot! (S.155)

Auf die Kriegsheimkehrer wartet in Paris der gesellschaftliche Untergang. Keine finanzielle Hilfe, also kein Geld für Medizin oder die Miete. Pierre Lemaitre, der zuvor Kriminalgeschichten geschrieben hat, malt ein ziemlich düsteres Bild der französischen Nachkriegsgesellschaft.

Die Zeit, in der die Politiker mit der Hand auf dem Herzen erklärten, der Staat sei ’seinen lieben Frontsoldaten zu Ehre und Dank verpflichtet‘, war längst vorbei. Albert hatte ein offizielles Schreiben erhalten, in dem es hieß, die wirtschaftliche Situation des Landes erlaube es nicht, ihm seine alte Stelle zu geben. Deshalb sei es notwendig, all jene aus dem Dienst zu entlassen, die ‚unserem Land in diesem grausamen Krieg einen bedeutenden Dienst‘ erwiesen hätten und so weiter. (S.158)

Allerdings gibt es einen Mann, der vom Krieg profitiert. Der ehemalige Leutnant Pradelle, der Mitschuld an dem Unglück von Albert und Édouard trägt,  macht das Geschäft seines Lebens mit der Umbettung von Toten durch die Armee auf eigens eingerichtete Soldatenfriedhöfe und wird so zum Millionär. Sein Trick: wenn man die Leichen klein faltet oder wahlweise hackt, kann man die Särge kleiner bauen und so mehr Tote auf einem Friedhof unterbringen. Und wenn man polnische Totengräber anheuert, sind sie günstiger als französische. Außerdem lernt Pradelle eine hübsche Frau kennen, die Geld hat und einen Namen, den er auch gerne hätte. Dass Pradelle dabei ist, in Edouards Familie einzuheiraten, weiß der Leutnant nicht.

Brutal, kaltblütig, kaltherzig, fies, geldgeil – zu Pradelle fallen mir diverse Adjektive ein. Dass die Freunde Albert und Édouard allerdings selbst einen eigenen Coup starten, der Pradelles Unternehmen in den Schatten stellt, ist ein grandioser Streich von Lemaitre, der das Kriegsdrama im zweiten Teil in eine Gaunerkomödie verwandelt (ohnehin weicht die Schwere des Anfangs, die Verstrickungen von Pradelle mit der Schwester von Édouard gehen schon fast ins schlagerfilm-/operettenhafte).

Albert und Édouard planen Kriegsdenkmäler zu verkaufen. Jedes Dorf braucht ein Kriegsdenkmal und der Künstler Édouard malt die Szenen des Krieges so schablonenförmig, wie die Öffentlichkeit sie gerne hätte. Denn wen interessiert schon, wie es wirklich gewesen ist?  In einer Gesellschaft, in der Tote mehr wert sind, als die Überlebenden, eine ziemlich lukrative Angelegenheit.

Pierre Lemaitre ist für den Roman Wir sehen uns dort oben 2013 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden, der Roman war ein Bestseller in Frankreich. Kein Wunder, denn die Geschichte über diese besondere Freundschaft von zwei Außenseitern nach dem Ersten Weltkrieg ist grandios auf den Punkt und wirklich mitreißend geschrieben. Absolute Leseempfehlung.

Pierre Lemaitre – Wir sehen uns dort oben. Aus dem Französischen von Antje Peter (Titel der Originalausgabe: Au revoir lá-haut). btb 2017.

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Autor: the lost art of keeping secrets

30. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „Wir sehen uns dort oben“

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