Der blinde Mörder

Laura Chase ist eine fantastische Autorin. Leider fuhr sie mit einem Auto von einer Brücke und verstarb mit Anfang 20. Ihr Roman „Der blinde Mörder“ wird zum Kultobjekt für Fans und ihrer Schwester Iris kommt die nicht ganz leichte Aufgabe zu, den Nachlass ihrer Schwester zu verwalten. Iris blickt nun mit Mitte 80 auf ihr Leben zurück und erinnert sich an die gemeinsame Kindheit mit ihrer Schwester. Iris hat nie an einen Unfall geglaubt, stattdessen geht sie davon aus, dass ihre Schwester Suizid begangen hat.

Der blinde MörderDas ist der Aufhänger einer Geschichte, die Margarete Atwood fantastisch konstruiert hat. Auf verschiedenen Ebenen wird die Geschichte der Schwestern erzählt. Iris blickt mit 80 Jahren zurück auf ihr Leben und gestaltet so die Rahmenhandlung der Erzählung. Außerdem geben Zeitungsartikel noch zusätzliche Hinweise über die Hintergründe der Lebensgeschichte der Schwestern. Zudem werden Teile eines Science-Fiction-Romans erzählt, den eine junge Frau geschrieben hat. Inspiration für diese Erzählungen war ihr Geliebter, der ihr nach jedem romantischen Treffen ein bisschen mehr aus dem Leben des blinden Mörders erzählte. Hierbei handelt es sich um eine unheimliche Groschenromanvariante, in deren Mittelpunkt eine Welt steht, in der Frauen keine Rechte haben und regelmäßig Jungfrauenopfer stattfinden. Ein erblindeter Teppichknüpfer, der zum Auftragsmörder ausgebildet wird, verliebt sich in diesem Durcheinander in eine Tempeldienerin, der – so ist es Tradition – die Zunge herausgeschnitten wurde. Sie kann nicht mehr sprechen, er ist erblindet, aber eben nicht verstummt. Der Auftragsmörder erzählt ihre Geschichte. So weit zur Konstruktion. Doch zurück zu Laura.

„Das Leben ist eine Tragödie, keineswegs nur ein einziger langer Schrei. Sie schließt alles ein, was zu ihr führte. Stunde um triviale Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr, und dann der plötzliche Moment: der Messerstich, die explodierende Granate, der Sturz des Autos von der Brücke.“

Die Gründe für ihren Suizid liegen tief in der Vergangenheit, auf die Iris in sehr ruhig erzählten Passagen zurückblickt. Die Familie Chase war seit Generationen wohlhabend, der Vater ein erfolgreicher Fabrikbesitzer und größter Arbeitgeber in der Gegend. Nach dem Tod der Mutter wachsen die Schwestern in einem Anwesen mit Hausangestellten und Hauslehrern auf, wohlbehütet und als Teil der gesellschaftlichen Elite des kleinen Städtchens Port Ticonderoga. Doch während der Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren wird auch die Familie Chase nicht verschont. Um das Vermögen irgendwie zu retten, erhofft sich der Vater Geld durch eine arrangierte Ehe mit einem aufstrebenden Industriellen. Iris wird mit Richard Griffin verheiratet und fügt sich ihrem Schicksal. Sie erlebt physische und psychische Gewalt in ihrer Ehe. Zudem manipulieren Richard und seine Schwester Winifred Iris und entfremden sie von ihrer Familie. Richard kümmert sich kaum um seine Frau, er hat nur seinen eigenen gesellschaftlichen Aufstieg im Sinn. Die Schwestern sind zu einem absolut inhaltsleeren Leben verdammt, sie dürfen mit den Dienstboten Gespräche führen und vielleicht einmal an einem Ladies Lunch teilnehmen – Repräsentation ist das A und O. Laura will sich dieses Leben und Richards Verhalten nicht gefallen lassen. Während eines Picknicks lädt sie Alex Thomas ein, der sich bald als landesweit gesuchter Arbeiteranführer entpuppt. Laura verliebt sich und versucht den jungen Mann auf dem Anwesen zu verstecken. Ohne von Lauras Gefühlen zu wissen, beginnt auch Iris eine Affäre mit dem charismatischen jungen Mann.

„Diese Dinge ereignen sich in einem Augenblick, in einem Wimpernzucken. Das kann nur so sein, weil sie von uns bereits durchgespielt worden sind, immer und immer wieder, in Stille und Dunkelheit; in derartiger Stille, derartiger Dunkelheit, daß wir selbst nichts davon wissen. Blind, aber mit sicherem Schritt, treten wir vor wie in einen Tanz, den wir seit langem im Gedächtnis tragen.“

Atwood gelingt es auf unterschiedlichen Ebenen ein faszinierende Frauenschicksal zu erzählen, dessen Tiefe und Schrecken sich erst nach und nach entfalten. Von der anfänglichen als „glücklich“ heraufbeschworenen Kindheit von Iris und Laura bleibt nicht mehr viel übrig. Und auch Laura hat bei näherem Hinsehen wenig mit dem verehrten Idol der Literaturfans gemein. Hat sie ihren Roman überhaupt selbst geschrieben?

Das Leben der Schwestern wird fast über ein ganzes Jahrhundert hinweg erzählt. Da sind einige kleine Längen nicht von der Hand zu weisen. Die starren Regeln und Konventionen, denen sich gerade junge Frauen beugen mussten, werden durch das Leben von Iris und Laura greifbar und zeigen, was für eine erschreckende Enge innerhalb der Gesellschaft herrschte, auch in den vermeintlich wohlhabenden Kreisen.

Mich hat die Konstruktion des Romans überzeugt. Die Geschichte um den blinden Mörder erinnert mich an spätere Romane von Atwood, in denen sie sich ganz der dystopischen Zukunftsvision verschreibt. Und durch das Erzählen der Geschichte zeigt sich noch etwas anderes : Die beiden Liebenden erschaffen sich eine eigene Welt, in der ihre eigenen Gesetze gelten und in der wiederum ein Mann, eine Geschichte erzählt um eine Frau zu verführen. Allerdings wird sie mit einem Roman berühmt werden, er stirbt im Krieg. Die Verschachtelung des ganzen ist wunderbar gemacht: ihr Roman wurde vorher von ihm erzählt. Zur Unterhaltung, als Mittel der Verführung, als kleine Flucht vor der Realität, in der nur eine unglückliche Ehe wartet. Der blinde Mörder in dieser erzählten Dystopie hat es sich zur Aufgabe gemacht, von der Tempeldienerin zu erzählen, die nicht mehr sprechen kann. Er legt Zeugnis ab für sie und die Geliebte hält die Ideen ihres Liebhabers fest – auch nach seinem Tod. Schreiben und Zeugnis ablegen hat deshalb auch immer mit Machtstrukturen zu tun, in denen sich die Figuren befinden. Am Ende schreibt Iris einen Brief an ihre Enkelin, die ihr schon lange fremd geworden ist. Wer schreibt und erzählt, gewinnt so automatisch die Deutungshoheit in der Situation.

Atwood schreibt wahnsinnig spannend. Man spürt förmlich das Chaos, in dem sich die Protagonisten wiederfinden und es ist klar, dass es kein Happy End geben wird (denn Laura ist schon auf der ersten Seite mit dem Auto verunglückt). Die genauen Verbindungen und Hintergründe werden erst nach und nach deutlich. Welche der beiden Schwestern den Roman geschrieben hat, bleibt bis zum Ende unklar und sorgt für Spannung. Laura bekommt dadurch eine Tiefe, die man ihr vielleicht anfänglich nicht zugetraut hätte und auch Iris, die mit 80 Jahren kaum Geduld mit ihren Mitmenschen hat und zu einer zynischen alten Schachtel geworden ist, verwandelt sich so in eine unglaublich geheimnisvolle Frau.

Margaret Atwood: Der blinde Mörder. Aus dem kanadischen Englisch von Brigitte Walitzek. Berliner Taschenbuch Verlag 2000. 691 Seiten.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Autor: the lost art of keeping secrets

30. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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