Die Gesichter

„Er verstummt, sein Blick wandert zwischen ihr und der Leinwand hin und her, er fängt Wesentliches ein und hört doch kein Wort.“ (S. 23)

Tom Rachmann schreibt in seinem dritten Roman „Die Gesichter“ eine komplexe Erzählung über Kunst und Familie. Sein Hauptprotagonist Pinch hat einen berühmten Vater. Bear Bavinsky ist ein Ausnahmekünstler. Seine Werke sind expressiv, schillernd, besonders. Die Kunstwelt lobt ihn in den höchsten Tönen. Ihm wird nachgesagt, er könne die Menschen auf eine ganz besondere Art darstellen. Sie erkennen, wie sie sind. Obwohl Bear immer nur einzelne Körperteile malt. Um sein Werk ganz genau unter Kontrolle zu haben, verbrennt er jedes Kunstwerk, das ihm nicht mehr gefällt. Aber nicht nur in seiner Kunst ist er so radikal.

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Der Roman beginnt mit einer Episode in Rom. Bear lebt hier mit seiner dritten Frau Nathalie, die selbst getöpferte Kunstwerke herstellt, aber nur wenige Exemplare verkauft. Leider kommt sie kaum dazu, ihr Talent auszuleben, denn Bear braucht sie als Model und Muse. Pinch versucht in Bears Leben eine Rolle zu spielen, dem Vater nachzueifern, dessen Talent und Können Pinch den Atem rauben. Schon früh beginnt er selbst zu Malen, versteckt aber seine Werke. Als er glaubt, dass die Zeit reif ist, präsentiert er seinem Vater stolz seine ersten Gemälde. Mit einem Satz zerschmettert Bear alle Träume und Hoffnungen des Jungen. Als Pinch 11 ist, zieht sein Vater zu seiner vierten Frau und seinen neuen Kindern in die USA. Pinch wird immer von einer normalen Familie träumen.

Der Roman besteht aus kurzen Episoden, die sich im Abstand von mehreren Jahren ereignen. Nach Rom folgen wir den Protagonisten nach New York, wo Bear lebt und nach Toronto, hier studiert Pinch. Nachdem Pinchs eigenen Versuche Künstler zu werden, so von seinem Vater abgeschmettert wurden, widmet er sich der Kunstgeschichte, aber auch hier nur mit mäßigem Erfolg. Heimlich träumt er davon, ein Buch über seinen berühmten Vater zu schreiben. Aber dazu kommt es nicht. Schließlich wird er Italienischlehrer an einer mittelklassigen Sprachschule. Seine Bewunderung für den Vater lässt nie nach, manchmal wirkt es so, als genieße Bear, der immer noch erfolgreich ist, das Scheitern des eigenen Sohnes.

Pinch bleibt, trotz des Malfiaskos, das Lieblingskind des Vaters. In der Gruppe seiner zahlreichen Halbgeschwister ist er immer noch derjenige, der vom Vater als Nachlassverwalter auserkoren wurde. In Bears Logik ist Pinch der einzige, der das kann. Vielleicht, weil er ihn nie offen kritisiert hat. Vielleicht, weil Pinch nach wie vor, die schwierige Beziehung zu seinem Vater aufrecht erhält. Aber Pinch ist nicht nur Italienischlehrer. Er schmiedet einen geheimen Plan, der sein eigenes Talent entfalten soll und der zu einer unerwarteten Rebellion gegen das Andenken seines Vater führt.

Tom Rachman schreibt eine Geschichte über eine Vater-Sohn-Beziehung, die es in sich hat. Die komplexe Beziehung der beiden Protagonisten wird psychologisch sehr feinsinnig ausgelotet. Es ist spannend, wie Rachman diesen Künstlertyp beschreibt. Bear Bavinsky ist ein Ausnahmetalent, aber menschlich und als Vater ein Totalversager. Der Konflikt mit dem Vater trägt den ganzen Text und bestimmt Pinchs Leben, der immer nach der Anerkennung seines Vaters strebt. Gleichzeitig porträtiert Rachmann die Kunstwelt, das Feuilleton und die Entwicklung von Trends und der Bewertung von Talent mit einem feinen ironischen Unterton. Das macht den Roman sehr lesenswert.

Tom Rachmann – Die Gesichter. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. dtv 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar bei vorablesen.de gewonnen. Vielen Dank!

 

 

Autor: the lost art of keeping secrets

30. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft und macht jetzt was ganz anderes. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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