Die Geschichte des Wassers

»Das ganze Leben ist Wasser, das ganze Leben war Wasser, wohin ich auch sah, war Wasser, es fiel als Regen vom Himmel oder als Schnee, es füllte die kleinen Bergseen, legte sich als Eis auf den Gletscher, strömte in tausend kleinen Bächen den steilen Berghang hinab und schwoll an zum Fluss Breio; es lag spiegelglatt vor dem Ort am Fjord, der zum Meer wurde, wenn man ihm nach Westen folgte.“

Die Geschichte des Wassers spielt auf zwei Erzählebenen. Auf der einen Ebene begleiten die Leser*innen den jungen Vater David und seine Tochter im Jahr 2041. Er flieht vor den Folgen des Klimawandels und einer unerträglichen Dürreperiode in Südeuropa, das durch Waldbrände zerstört wurde. Davids Frau und der gemeinsame Sohn sind auf der Flucht vor einem Brand verloren gegangen. Schließlich wartet David in einer Flüchtlingsunterkunft  auf Nachrichten von seiner Frau und muss dabei zusehen, wie immer mehr Menschen auftauchen und die Helfer*innen langsam die Zelte abbrechen. Ob die Länder Nordeuropas die Geflüchteten aufnehmen, ist ungewiss.

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Die zweite Handlung ist in der Gegenwart verortet und dreht sich um die 70-jährige Aktivistin Signe. Sie lebt in Norwegen und tut alles, um die schmelzenden Gletscher zu retten, mit denen sie ihre Heimat und ihre Kindheit verbindet. Als sie davon erfährt, dass Eis abgetragen wird, damit Investoren aus Saudi-Arabien Gletschereis in ihren Drink kippen können, will sie endlich etwas tun. Der Konflikt um den Naturschutz in ihrer Heimat begleitet sie seit ihrer Kindheit. Ihre Mutter war Hotelbesitzerin und darauf aus, den eigenen Erfolg zu maximieren und möglichst viel Geld zu erwirtschaften – auch durch den Verkauf von Grundstücken. Ihr Vater war Biologe und versuchte alles in seiner Macht stehende zu tun, um die Natur und den Fluss zu schützen, die durch die Bauarbeiten bedroht wurden.

Maja Lunde konnte mich schon mit dem Roman Die Geschichte der Bienen thematisch überzeugen. Ihr gelingt es spielerisch, glaubhafte Figurenkonstellationen zu entwerfen und diese nachvollziehbar und überraschend in Beziehung zu setzen. Teil Zwei des (geplanten) Klimaquartetts liest sich ebenso locker und leicht  wie der erste Teil. Metaphern, oder poetische Verdichtung von Sprache in jeglicher Form, sucht man allerdings vergeblich. Nichts hat einen doppelten Boden, kein Bild muss enträtselt werden. Der Kniff und die Spannung des Erzählten liegt, wie schon im ersten Teil,  in dem Aufeinandertreffen der verschiedenen Figuren und der Frage danach, welche Verbindung zwischen den Menschen wohl bestehen mag. Das muss kein Nachteil sein, denn schreiben und eine Message transportieren, kann die Schriftstellerin auf jeden Fall. Allerdings waren es bei den Bienen immerhin noch drei Lebenswege, die beschrieben wurden – der Eindruck einer Reduzierung lässt sich leider nicht von der Hand weisen.

Die Geschichte ist unterhaltsam geschrieben und regt, trotz der Kritikpunkte, zum Nachdenken an. Behalten wir unseren jetzigen Lebensstil bei und schmelzen die Gletscher weiter, dann wird auch Europa nicht mehr von den Folgen der Klimakatastrophe verschont bleibt. Die ersten Klimaflüchtlinge gibt es doch jetzt schon, aber es ist einfacher zu behaupten, die Menschen würden aus „wirtschaftlichen Gründen“ flüchten.

Ich möchte das Buch  dringend empfehlen. Allen Autofahrer*innen, allen, die gerade den Hambacher Forst abholzen möchten, allen RWE-Mitarbeiter*innen, allen Braunkohlejünger*innen, den Sternchen bei der Bundeswehr, die für den Moorbrand verantwortlich sind und natürlich allen deutschen und amerikanischen Klimawandelleugner*innen. Wäre Literatur so wichtig und ernst zu nehmen, wie ich sie persönlich einschätze, könnte niemand mehr guten Gewissens nach der Lektüre dieses Buches mit seinem SUV zu einem Date in ein Restaurant fahren,  dort ein gigantisches Steak essen und dann wieder nach Hause tuckern. Leider kann niemand zur Lektüre von guten Büchern gezwungen werden. Die Vorstellung davon, hat aber manchmal etwas tröstliches.

Maja Lunde – Die Geschichte des Wassers. BTB 2018.

Ich bedanke mich herzlich für das Rezensionsexemplar.

 

Autor: the lost art of keeping secrets

30. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft und macht jetzt was ganz anderes. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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