Kallocain

„Er hatte kein anderes Ziel vor Augen, als diese Frau zu entlarven, die hier herumlief und privatsentimentale und asoziale Gefühle in sich trug, sie bei einem Heulkrampf oder einer heftigen Antwort an den Pranger zu stellen und später auf sie zeigen und sagen zu können: Seht, was noch unter uns weilt und was wir hier dulden müssen!“ (S.34)

Der Chemiker Leo Kall lebt in einem totalitären Staat in der Zukunft. Zu Beginn der Handlung ist er 60 Jahre alt und sitzt im Gefängnis. Er schildert seine Erinnerungen an eine Zeit von vor über 20 Jahren. Damals lebt er mit seiner Frau Linda zusammen. Sie sind sehr ambitioniert darin, das totalitäre System zu stützen und lassen sich regelmäßig (wie alle) von einer Haushaltshilfe unterstützen und überwachen. Außerdem akzeptieren sie, dass ihre Schlafzimmer von „Polizeiauge“ und „Polizeiohr“ überwacht werden – das Private gibt es nicht mehr. Stattdessen wird jede Form von Privatsphäre ausgehöhlt.

Ein politisch unentschlossener Ehemann lässt sich nicht etwa scheiden, wenn seine Frau ihn der Polizei ausliefert, sondern wenn er den Verdacht hegt, dass sie trotz seiner Verfehlungen zu ihm halten könnte. Die Kinder sind nur an ausgewählten Tagen zu Hause, denn die Erziehung liegt in der Hand der Fachkräfte des Staates, die die Kinder zu Kriegsspielen animieren und dazu, die Verfehlungen ihrer Eltern zu melden. Tiefere Verbindungen zueinander sind untersagt. Wie in fast allen klassischen Dystopien, wird nicht geklärt, welche gesellschaftlichen Entwicklungen dazu beigetragen haben, dass die Welt und die Verhältnisse so sind, wie sie sind. Stattdessen werden die Gegebenheiten zunächst von allen Protagonist*innen akzeptiert und unterstützt.

Wir lernen Leo Kall kennen, der eifrig an einer neuen Droge arbeitet (Kallocain, benannt nach ihm, dem Erfinder der Chemiekeule). Kallocain, eine Art Wahrheitsserum, erlaubt es, einen Blick in die Geheimnisse und ver-borgenen Sehnsüchte und Wünsche der Mitmenschen (im Roman nur „Mitsoldaten“ genannt) zu werfen, denn unter Drogeneinfluss offenbaren ihm seine Versuchskaninchen alles.

Leo startet eine Versuchsreihe mit Mitgliedern des staatlichen Opfer-dienstes, die ihre Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Leo ist geschockt, als er von den Probanden, die unter Drogeneinfluss stehen, erfährt, dass sie keineswegs freiwillig und voller Begeisterung ihre Körper dem Staat opfern. Sie haben Depressionen, zweifeln an ihrem Dasein. Auch ihre Ehepartner sind nicht immer linientreu. Leo kann das nicht begreifen. 

„Bewirbt sich denn wirklich nur Abschaum beim Freiwilligen Opferdienst, fragte ich mich. Aber ich wusste natürlich, dass dies nicht zutraf. Ich wusste, dass hochwertige Eigenschaften erforderlich waren, damit jemand sich dort bewarb, dass Mut, Opferwille, Uneigennützigkeit, Entschlossenheit verlangt wurden, ehe man sich einem solchen Beruf überantwortete. Ebenso wenig konnte oder wollte ich mir vorstellen, dass dieser Beruf die Menschen zerstörte, die ihn wählten. Doch die Einblicke, die ich in die Privatsphäre der Versuchspersonen erhielt, waren niederschmetternd.“ (S.67)

Doch die Droge Kallocain eröffnet ganz neue Möglichkeiten, die Macht des Staates auszubauen. Wenn die letzten privaten Momente darin bestehen, sich Gedanken zu machen, was wäre alles möglich, wenn allein der Gedanke an eine subversive Aktion gegen den Staat mit dem Tod bestraft werden könnte? Doch während die Vertreter des Staates erhoffen, durch den Einsatz der Droge Saboteur*innen und Terrorist*innen auf die Schliche zu kommen, entdeckt Leo eine ihm bisher unbekannte Seite seiner Mitmenschen: sie sehnen sich nach Liebe, Geborgenheit, Freiheit und nach einer anderen, besseren Welt.

In Kallocain schreibt Karin Boye sehr deutlich darüber, was es bedeutet, wenn ein totalitärer Staat seine Bürger*innen überwacht und sie dazu animiert, sich gegenseitig auszuspionieren. Am Schluss hat Leo zwar seine Geschichte aufgeschrieben ( ein Akt des Widerstands?), aber seine Geschichte lagert in einem Geheimarchiv und die Macht darüber hat die Zensurbehörde.

Die beeindruckende Dystopie, die in einer Liga mit 1984 und Fahrenheit spielt, ist rund acht Jahre früher als Orwells 1984 erschienen. Die Schwedin Karin Boye veröffentlichte ihren Roman 1940, nachdem sie in Deutschland und in der Sowjetunion auf Reisen war. 1922 debürtierte sie mit einem Lyrikband, mit fast 30 wurde sie Generalsekretärin der (schwedischen) Clarte, einem internationalen Literaten- und Intellektuellenzirkel des französischen Pazifisten Henri Barbusse, außerdem übersetzte sie den Roman Der Zauberberg von Thomas Mann und die wichtigsten Werke von T.S. Elliott ins Schwedische. Seit den 1930er Jahren gab sie eine Zeitschrift mit literarischen Essays heraus. Im April 1941 wählt Boye den Freitod.

Karin Boye – Kallocain. Aus dem Schwedischen und mit einem Nachwort von Paul Berf. btb 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank!

Autor: the lost art of keeping secrets

31. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

3 Kommentare zu „Kallocain“

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