Wege, die sich kreuzen

Mit Wege, die sich kreuzen hat Tommi Kinnunen einen ruhigen und sehr besonderen Generationenroman geschrieben, dessen tragische Wucht sich erst langsam entfaltet.


„Musst du ihn denn so anschreien?“Lahja kniff den Mund zusammen. „Das geht dich nichts an.“ „Wir wohnen aber alle im selben Haus.“ (S.78)


Wenn Kinnunen ein Talent hat, dann ist es sicherlich die besondere Gabe, außergewöhnlich glaubhafte Figuren aufs Papier zu zaubern. Sein Roman umfasst knapp hundert Jahre Zeitgeschichte im hohen Norden Finnlands. Der Roman beginnt 1895 mit der Hebamme Maria, die ihre kleine Tochter Lahja alleine großzieht. Wenn es schwierige Geburten gibt, wird Maria geholt. Unverdrossen schlägt sie sie sich mit dem Fahrrad durch Eis und Schnee zu Frauen, die ihre Hilfe brauchen. Einen Mann hat sie in ihrem Leben nicht nötig. Lahja ist eine genau so eigenwillige Person wie ihre Mutter. Sie wird Fotografin, kämpft sich in diesem Männerberuf durch und macht sich selbstständig. Sie bringt eine Tochter zur Welt, der Vater ihres Kindes verlässt sie und geht nach Amerika. Dann lernt Lahja Onni kennen, der ihre Tochter ohne Bedenken akzeptiert. Anders als Maria wünscht sich Lahja nichts sehnlicher als eine Familie, dabei ist ihr von Anfang an klar, dass sie Onni nicht alles geben kann, was er braucht und was er begehrt. Sie akzeptiert, dass er immer wieder für lange Wochenenden verschwindet. Trotzdem versuchen sich alle mit der Situation zu arrangieren. Sie leben gemeinsam in Marias Haus, das sie nach Lust und Laune erweitern und immer größer bauen. Doch im Krieg wird ihr Zuhause zerstört. Die Familie wird sich ein neues Haus bauen.


In der Familie gibt es unglaublich viele Konflikte. Nicht nur zwischen Onni, der durch sein Begehren und sein Versuch dieses mit dem Familienleben in Einlang zu bringen zerrieben wird und Lahja, sondern auch zwischen Lahja und ihrer Schwiegertochter Kaarina, die im neuen Haus mit der Familie leben wird. Hier entdeckt sie, dass Lahja einen furchtbaren Verrat begangen hat. 

Ich möchte gar nicht zu viel verraten. Die Geschichte ist unglaublich klug konstruiert. Maria, Laaja, Kaarina und Onni erzählen anhand der verschiedenen Lebensstationen und Straßen, in denen die Familie gelebt hat, die Ereignisse, die ihnen wichtig sind. So ergeben sich spannende Perspektivwechsel und Ergänzungen zu Erlebnissen, die vorher schon eine andere Person erzählt hat. In jedem Teil werden so einzelne Bruchstücke der Familiengeschichte offenbart oder zeigen die Auswirkungen des Krieges auf die Mitglieder der Familie. Der Roman ist traurig und zum Teil sehr hart, trotzdem erzählt Kinnunen gekonnt von Frauen, die ihre Familien beschützen und von loyalen Ehemännern, die alles dafür tun, damit es ihren Kindern gut gehen wird. Trotzdem verstricken sich alle Familienmitglieder in Geheimnisse und machen schreckliche Fehler, die auch noch spätere Generationen belasten werden. Ein Debütroman, der es in sich hat. Der Roman war in Finnland ein großer Leser*innen- und Kritiker*innenerfolg und führte wochenlang die finnische Bestsellerliste an. Außerdem wurde er für den renommierten Finlandia- Preis und den Europäischen Literaturpreis nominiert.

Tommi Kinnunen – Wege, die sich kreuzen.

Aus dem Finnischen von Angela Plöger. Deutsche Verlags-Anstalt 2018.

336 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal erhalten. Vielen Dank!

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

Autor: the lost art of keeping secrets

30. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft und macht jetzt was ganz anderes. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „Wege, die sich kreuzen“

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