Gefährten

Nach Kristian wünsche ich mir einen Mann ohne Schnickschnack, wie ein Roggenbrot, wie ein blauer Himmel. Doch gleichzeitig wünsche ich mir immer auch etwas Heftiges, etwas Überwältigendes, was die Seele dazu treibt, sich immer weiter zu drehen. (Alma, S.327)

Alma und Kristian, Camilla und Charles, Edward und Alwilda sind Freund*innen und leben in Kopenhagen. Eine durchgängige Handlung gibt es nicht. In verschiedenen Episoden folgen die Leser*innen der Clique durch die Höhen und Tiefen ihrer Beziehungen zueinander. In den verschiedenen inneren Monologen wird herumgewitzelt, Literatur empfohlen und jede Befindlichkeit und Gemütsregung genussvoll ausgebreitet. Es geht um die Freund*innenschaft zueinander, die eigene Unzulänglichkeit und den Tod. Eine eigene Familien gründet niemand, stattdessen beschäftigen sich die Gefährten und besonders die Frauen in den Paarbeziehungen vor allen Dingen mit sich selbst und mit ihren Eltern. 

Die Gefährten sind Mitte Vierzig. Kristian ist Arzt, Alma ist Lehrerin, Edward ist Künstler und Camilla, Charles und Alwilda schreiben. Früher war Alwilda mal mit  Edward zusammen, aber nach dem gemeinsamen Suizid seiner Eltern verlässt sie ihn. Edward kauft sich daraufhin einen Hund. Camilla steht im Zentrum der Erzählung. Sie ist mit Charles zusammen, der an einem Rückenleiden erkrankt ist, an der Krankheit wird die Beziehung auch scheitern. Alwilda ist Camillas beste Freundin, sie kennen sich seit ihrer frühesten Jugend. Camillas Mutter ist an Krebs erkrankt und ihre Tochter kümmert sich um sie. Nach ihrem Tod kauft sich Camilla ein Pferd. 

Besonders gefallen haben mir die zahlreichen literarischen Anspielungen und Verweise auf andere Texte. Und das geht von der englischen Romantik über Harry Potter bis zu Pu, dem Bären. Der Roman beginnt damit, dass Kristian und Alma in North Yorkshire auf den Spuren der Lake Poets, also Wordsworth und Coleridge, reisen. Kristian denkt über die Brontë-Schwestern nach und entdeckt sogar Parallelen seiner eigenen Ehe mit der wirklich sturmgebeutelten Beziehung von Catherine und Heathcliff in Wuthering Heights.

„Sie wirkte wie eine Gefangene, und ich fühlte mich unterlegen. Wie die magerste Gurke im Einmachglas“ (Kristian, S. 40)

Aber auch Alma und Camilla reisen noch einmal gemeinsam durch England. Camilla ist eine eifrige Vielleserin. Iris Murdoch, Thomas Bernhard, Vladmir Nabokov und John Fowles gehören zu ihren Lieblingsschriftsteller*innen. Wenn sie Alma ihre Bücher leiht und diese sie nicht sehr bald zurückbringt, fühlt sie sich nicht gut. Während der gemeinsamen Reise schwelgen die Freund*innen in den Texte von Virginia Woolf und Sylvia Plath. Überhaupt ist das Thema Suizid immer wieder im Text präsent, mal sehr unterschwellig, mal ganz direkt, zum Beispiel wenn Camillas Cousine sich daran erinnert, dass ihre Mutter (Camillas Tante) ebenfalls einen Suizidversuch überlebt hat. 

Der Text kommt sehr leichtfüßig und poetisch daher, auch wenn man das bei der beschriebenen Tiefe und Tragik der Themen kaum glauben kann.  Immer wieder ist der Roman neben den tragischen Momenten auch von einer unglaublichen Komik durchzogen. Übrigens wird keine der Paarbeziehungen bis zum Ende des Romans aufrechterhalten. Auch wenn in Camillas Fall nicht einmal eine andere Frau auftauchen muss. In den inneren Monologen der Gefährten bleibt sehr viel Zeit für Erinnerungen an Gespräche, Statements zu Verhaltensweisen der anderen und insgesamt findet  ein reger und sehr unterhaltsamer Austausch über Älterwerden, Sex, Liebe, Ehebruch und Angst um die Welt an sich statt. 

Das klingt nach einem großen Durcheinander und einem ziemlich traurigen Buch. Aber das ist es nicht. Christina Hesselholdt hat einen mitreißenden, hochliterarischen und sehr klugen Roman über das Leben geschrieben, in dem viel Schweres sehr leichtfüßig, berührend und auf komisch abgründige Weise erzählt wird. Die Kapitelüberschriften wie „Wenn die Asche Augen hätte“ gehen in eine ähnliche Richtung. Ein absurdkomisch und tragisches Kapitel,  in dem Edward beschließt die Asche seiner Mutter auf dem Meer zu verstreuen, ihm dann allerdings ein Windstoß die Asche ins Gesicht pustet und er noch sehr lange an den staubigen Geschmack seiner Mutter denken muss, ist da nur ein Beispiel. Auch die prägnante und bissige Beschreibung von Camillas und Charles‘ Ehe gehört dazu. 


„Charles und meine Ehe geht mit der Ära Osama bin Ladens einher, im September 2001 waren wir so verliebt, dass wir erst am Vormittag des 12. begriffen, was am 11. geschehen war, und die Auflösung unserer Beziehung vollzog sich in den Tagen um bin Ladens Tod. Zwei Bilder rahmen unsere Ehe ein: 1. Körper in freiem Fall 2. Ein zerschossenes Gesicht.“ (Camilla, S. 136)


Als Camilla, die mal wieder eine neue Wohnung sucht, in der auch ihre vielen Bücher untergebracht werden können, auf einen schreibenden Makler trifft, lässt sich Camilla zu der Aussage hinreißen, dass es „auf dieser Welt bald mehr Schriftsteller gibt als Leser.“ (S.154). Wenn schon alles im Leben schief läuft und sowieso alles zu Ende geht, muss sich über ein Ende der Literatur glücklicherweise niemand Sorgen machen.

Christina Hesselholdt ist in Dänemark bereits mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt worden und zählt zu den wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen dänischen Literatur. Gefährten ist ihr erstes Buch, das auch ins Deutsche übersetzt wurde.

Christina Hesselholdt – Gefährten. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Hanser Berlin 2018. 448 Seiten.

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

Nacht und Tag Blog

Letteratura

Autor: the lost art of keeping secrets

32. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „Gefährten“

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