Das Haus aus Stein

Durch die unheimlichen Windungen des Hauses aus Stein, durch in bläuliches Licht getauchte Geheimgänge, durch rasch sich öffnende und wieder schließende Türen, an denen es, ähnlich einem Drehkreuz, kein Zurück gibt, gelangst du ins Herz des Labyrinths. In das große, wahre Herz, hart wie eine Faust.

Das Haus aus Stein, S. 63

Die türkische Autorin Asli Erdoğan hat der deutschen Ausgabe ihres poetischen Textes Das Haus aus Stein ein spezielles Vorwort vorangestellt. Sie berichtet von einem Besuch der Gedenkstätte Buchenwald und wie sehr sie dieser Besuch mitnimmt. Sie schreibt auch davon, dass ihre Erzählung schon zehn Jahre alt ist und am Anfang gerade einmal drei Seiten umfasste. Sie beschreibt die Erfahrungen von Gefangenschaft und Folter, die langsam das Ich und damit auch die Sprache und die Worte eines namenlosen Gefangenen zersetzen.

Im türkischen Original erschien der Text 2009, die Autorin wurde dafür 2010 mit einem der bedeutendsten Literaturpreise des Landes ausgezeichnet, ihre Werke sind in über 20 Sprachen übersetzt worden. 2016 wurde Aslı Erdoğan dann verhaftet, weil sie eine Kolumne für eine prokurdische Tageszeitung geschrieben hatte und sie deshalb unter „Terrorverdacht“ gestellt wurde. Sie war nach dem gescheiterten Militärputsch 132 Tage im Frauengefängnis Bakirköy-Istanbul inhaftiert worden, ohne zu wissen, wann sie wieder entlassen werden würde. Im Moment lebt die Autorin in Frankfurt im Exil.

In ihrem Vorwort thematisiert Erdoğan auch die Folgen dieses Gefängnis-aufenthaltes – einfachste Dinge des Alltagslebens sind nicht mehr normal und selbstverständlich. Das Vorwort liest sich deshalb auch wie eine Art Auftrag an sich selbst – nicht aufzugeben, Zeugnis abzulegen, weiter Worte für das Unaussprechliche zu finden.

Der Text Haus aus Stein ist kein Roman im herkömmlichen Sinne, eher eine poetische Erzählung oder ein langes Prosagedicht. Es ist sehr schwer, den Inhalt zusammen zu fassen, denn der Text ist sehr dicht geschrieben und metaphorisch geschrieben. Das Haus aus Stein ist das Folterzentrum Sansaryn Han in Istanbul.

Die Erzählung beginnt mit einem Mann, er wird A. genannt und er ist ein wenig verrückt. Niemand weiß genau, was ihm passiert ist, am wenigsten die Menschen auf der anderen Straßenseite, die ihn beobachten, während sie im Café sitzen. A. gelingt es nicht mehr, ein normales Leben zu führen. Er war im Haus aus Stein. Seine Identität, seine Persönlichkeit ist wie ausgelöscht. Ihm wurde „die Haut des Lebens abgerissen“. Ausgehend von A. beschreibt die Autorin die verheerenden Folgen der Folter und des Gefängnisaufenthaltes auf das Seelenleben der Gefangenen., ihre Sprache ist dabei gewaltig und das ist keine übertriebene Beschreibung. Jede Metapher ist schockierend, während die Autorin doch klar macht, dass herkömmliche Worte für die Beschreibung der unmenschlichen Behandlung durch andere Menschen nicht ausreichen.

Als habe das Leben plötzlich eingefordert, erzählt, definiert und gezeigt zu werden, habe ich über der Vergangenheit blutleere Metaphern ausgeschüttet, zum Zerreißen angespannte Verben, ihre wahre Form erst noch suchende Bilder.

Das Haus aus Stein, S. 103

Im Vorwort schreibt Erdoğan, dass die Beschäftigung mit ihrem eigenen Gefängnisaufenthalt sie körperlich krank mache, sie aber keinen Weg sähe, ihre Erfahrungen nicht in ihrem Schreiben zu thematisieren. Als sie selbst aus dem Gefängnis entlassen wurde, stand sie vor dem Nichts. Ihre Text wurden zensiert, ihre Bücher dürfen nicht mehr erscheinen, ihr Computer wurde beschlagnahmt. Das Haus aus Stein ist weder ein Text, der sich leicht lesen lässt, noch ein Text, den man ohne Pause lesen könnte. Die Atmosphäre ist durchgehend beklemmend, die namenlosen Gefangenen können ihre Situation nicht überblicken, sind allein und versuchen in der Situation nicht den Verstand zu verlieren. Ein namenloser Chor wendet sich an vielen Stellen an ein anonymes Du:

„Auf dem Bauch kriechst du über herzgraue Steine, durch die leeren, kalten Korridore des Gedächtnisses, von einer Wand zur anderen und wieder zurück. Vom endlosen Abend bis zum Morgen des Fegefeuers kriechst du hin und her zwischen Himmel und Erde, zwischen Flammen und Eis.“

Haus aus Stein, S. 49

Erdoğans zeigt so in ihrer metaphorische Sprache bestürzende Szenen der Willkür und Gewalt. Wenn es den Leser*innen so geht und dieser Text selbst stellenweise „hart wie eine Faust“ wirkt und sprichwörtlich unter die Haut geht, wie muss es erst den Menschen in den Häusern aus Stein gehen?

Ich wünsche Erdoğan sehr viele Leser*innen für diesen schmerzhaften und wichtigen Text, eigentlich müsste ihn jede*r lesen. In der Türkei sind ihre Texte nicht mehr in den öffentlichen Bibliotheken zu finden.

Asli Erdoğan: Das Haus aus Stein. Aus dem Türkischen von Gerhart Meier. Penguin Verlag 2019.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert. Vielen Dank!

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Autor: the lost art of keeping secrets

31. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „Das Haus aus Stein“

  1. Die deutschen Bibliotheken sind leider auch diesbezüglich ziemlich leer. „Haus aus Stein“ ist mW erst die dritte Übersetzung, und leider fehlen die starken Kurzgeschichten, die die englische Ausgabe nochmal erweitern… Habe das Buch auch besprochen: https://soerenheim.wordpress.com/2019/04/09/asli-erdogan-das-haus-aus-stein-ganz-langsam-wird-das-werk-erschlossen/

    Und vor allem eine „Lex Pamuk“ vorgeschlagen:
    „Wann immer auf Deutsch eines der geschwätzig- nostalgischen Werke dieses Autors mit seinem melancholischen Istanbul-Geschmachte und den Abziehbildern der immer gleichen, sehnsuchtsvoll angebeteten Frauenfiguren ohne eigenen Charakter übersetzt oder neu aufgelegt wird, muss zugleich ein Werk Erdoğans ins Deutsche übertragen werden. Dann hätten wir vielleicht in 10 bis 20 Jahren die wichtigsten Texte Erdoğans vorliegen.“

    1. Hallo, ich habe deinen Artikel gerade noch einmal angeschaut. Du hast absolut Recht, auch mit ihren Kurzgeschichten, die mich auch sehr interessieren. Von Pamuk kenne ich leider noch zu wenig, als dass ich mich da zu einer Meinung zu seinen Frauenfiguren hinreißen lassen könnte. :)
      Liebe Grüße

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