Der Verräter

Im Roman „Der Verräter“ entwirft Paul Beatty eine ziemlich finstere Dystopie. Ein Schwarzer wird zum Sklavenhalter und will gleich auch noch die „Rassen“trennung wieder einführen. Der Clou: es funktioniert prächtig.

„Ich finde ein bisschen Rassentrennung und Sklaverei haben noch niemandem geschadet“, stellt Hero am Anfang des Romans fest, als er sich vor dem Obersten Gerichtshof verantworten muss. Hero hat nämlich in dem heruntergekommenen Örtchen Dickens, Segregation und Sklaverei wieder eingeführt und damit gegen die Zusatzartikel 13 und 14 der amerikanischen Verfassung verstoßen. Die Artikel regeln die Abschaffung der Sklaverei (seit 1865) und die Gleichbehandlung (seit 1866). Hero ist schwarz. Vielleicht ist das ein Grund, warum der Roman von vielen us-amerikanischen Verlagen zunächst abgelehnt wurde.

Eigentlich verdient Hero sein Geld mit Melonen- und Marihuanaanbau. Sein Vater ist ein glühender Verfechter der Bürgerrechte. Als er von einem Polizisten erschossen wird, schreitet Hero zur Tat. Womit hat das Schlamassel denn angefangen? Genau, mit Bürgerrechten für alle. In seinem Heimatort, bisher eher Schandfleck der Umgebung und bewohnt von Latinos und Schwarzen, will Hero eine Besserung sehen. Bemüht um das Wohl seiner Mitmenschen, versucht er also die Errungenschaften von Martin Luther King und der Bürgerrechtsbewegung wieder zurückzunehmen.

Der selbsternannte „Niggerflüsterer“ bekommt Hilfe von Hominy Jenkins. Der ehemalige Kinderstar aus „Die kleinen Strolche“ kann mit dem zweifelhaften Ruhm, den er vor Ewigkeiten geerntet hat, nichts mehr anfangen. Als Hero ihn zufällig vor dem Selbstmord bewahrt, hat der Alte nur einen Wunsch: “ Peitsch mir mein wertloses schwarzes Leben aus dem Leib.“ Gesagt, getan. Hominy darf fortan Heros Sklave sein. Und Hero ist sich keiner Schuld bewusst. Durch die Einführung der Segregation, glaubt Hero der Welt einen großen Dienst erwiesen zu haben, denn so habe er sich und alle anderen „aus dem Gefühl der Kollektivschuld ausgeklinkt, die das dritte Cello, die Verwaltungssekretärin, die Regalauffüllerin, die Sie-ist-nicht-wirklich-attraktiv-aber-schwarz-Siegerin des Schönheitswettbewerbs davon abhält, am Montagmorgen bei der Arbeit jeden weißen Motherfucker über den Haufen zu schießen“.

Doch mit dem Privatsklaven und der donnerstäglichen Auspeitschung ist es nicht getan. Das Duo infernale geht noch weiter. Hominy wünscht sich einen ordentlichen Bus, in dem Schwarze hinten und Weiße vorne sitzen. Die Busfahrerin ist zunächst irritiert und stellt dann fest, dass die Fahrt ausgezeichnet klappt. Jeder sitzt an seinem Platz und verhält sich ruhig. Warum also bei Bussen aufhören? Auch das Bildungssystem ist in Dickens nicht das Beste, doch seit Hominy und Hero die „Rassentrennung“ wieder einführen und Schwarze auf öffentliche Schulen und Weiße auf Privatschulen gehen, profitieren alle. Und sogar die Kriminalitätsrate sinkt rapide. Aber wo ist die Grenze der Zumutbarkeit einer solchen Rolle rückwärts? Und ist es überhaupt eine Rückwärtsrolle, wenn sich doch alle Bewohner*innen von Dickens viel wohler fühlen?

Beattys Erzählweise ist unzuverlässig, schnell, wie von einem unsichtbaren Beat getrieben. Vor dem N-Wort darf man keine Angst haben, er benutzt es so oft, dass es schon fast unangenehm wird. Er nutzt philosophische Wahrheiten und soziologische und psychologische Erkenntnisse über die Entstehung von Rassismus und Vorurteilen und lässt sie gekonnt in den Text einfließen, zum Beispiel über die Figur von Heros Vater, der als Entwicklungspsychologe vorgestellt wird. Außerdem bedient Beatty sich aus einem Fundus popkultureller und literarischer Anspielungen, die doch immer wieder nur eins zeigen: Rassismus kommt in unendlich vielen Varianten vor. Er schreibt über Polizeigewalt und Zugehörigkeit und fordert heraus, festgeschriebene Identitäten genauer zu hinterfragen. Dabei zeigt er immer wieder, wie willkürlich vermeintliche Grenzen gesetzt werden.

„Der Verräter“ ist eine absolut geniale Provokation, die gleichermaßen schockiert wie auch über Alltagsrassismus und rassistische Strukturen aufklärt und dadurch zeigt, welche Spannungen in der US-amerikanischen Gesellschaft nach wie vor noch vorhanden sind. Man weiß als Leser*in nicht, ob man lachen oder erschütternd sein sollte. Der Roman wurde mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichnet.

Paul Beatty – Der Verräter. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Luchterhand 2015.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

letusreadsomebooks

Autor: the lost art of keeping secrets

31. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

5 Kommentare zu „Der Verräter“

  1. Hallo,

    jetzt wollte ich gerade schreiben, das Buch stehe schon lange auf meiner Wunschliste – da fiel mein Blick auf den Bücherstapel unter dem Couchtisch (kein Platz mehr für Regale!), wo die Bücher liegen, die ich eigentlich schon länger lesen will.

    Und was liegt da? Genau. „The Sellout“ von Paul Beatty, sprich: das englische Original von „Der Verräter“. So langsam sollte ich es wirklich mal lesen, denn jedes Mal, wenn ich etwas über das Buch höre, finde ich die Idee wieder hochinteressant…

    Wobei mir einfällt, dass ich auch schon länger mit einer Freundin, die afroasiatischer Abstammung ist und in Amerika lebt, mal darüber sprechen will, was sie von dieser Idee hält. Als weiße Frau habe ich immer das Gefühl, nicht wirklich vollends beurteilen zu können, was so ein Buch bedeutet und was es auslöst.

    Interessante Rezension! :-)

    LG,
    Mikka

    1. Liebe Mikka,

      das ist ja schön. Das Buch wartet quasi schon auf dich! ;) Ich denke auch, dass ich als Weiße Frau diese rassistischen Strukturen gar nicht so nachvollziehen kann, wie es eben ein Schwarzer Mensch kann. Das will ich mir auch gar nicht anmaßen. Weiße erleben keinen Rassismus. Da ist es echt spannend zu erfahren, was Betroffene über die Konstruktion denken.

      Liebe Grüße

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