Roadtrip mit Huhn -Marianengraben

CN/ TW: Tod

Paulas kleiner Bruder Tim ist gestorben. Er ist ertrunken. Paula muss mit dem Verlust klar kommen. In ihrem Debütroman erzählt Jasmin Schreiber von Trauer, Freundschaft und dem Leben.

Der Marianengraben im Pazifischen Ozean ist 11.000 Kilometer tief. An der tiefsten Stelle des Meeres leben viele unentdeckte Tiere und Pflanzen. Es ist dunkel und die Lebewesen leuchten. Paulas kleiner Bruder Tim liebte Fische, besonders die leuchtenden Fische und die Fische mit den großen Zähnen. Also wunderliche Viecher, die es sonst nirgendswo auf der Welt gibt. Für Paula ist der Marianengraben seit Tims Tod das Symbol ihrer Trauer.

Auch mir war das mit den elftausend Metern eigentlich zu abstrakt. Erst als ich selbst dort ankam, also ganz unten in der Dunkelheit, wo es kein Licht mehr gibt, keine Farben und kaum noch Sauerstoff, bekamen diese elf Kilometer und all diese Ziffern und Größenordnungen eine greifbare Qualität für mich – elftausend Meter unter Wasser sind gleichbedeutend mit einem Meter neunzig unter der Erde, der Tiefe deines Grabes.

Marianengraben, S.11

Seit Tims Tod ist Paula in einer Depression gefangen und findet sich regelmäßig bei einem Therapeuten wieder. Die Kapitelüberschriften sind Kilometerangaben und zeigen, wie weit Paula noch von der rettenden Meeresoberfläche entfernt ist. Und es ist kein Geheimnis, das Paula von ganz unten nach oben schwimmen muss. Aber das muss sie glücklicherweise nicht alleine. Ihr Therapeut rät ihr, den Friedhof zu besuchen. Paula konnte das lange Zeit nicht. Als sie sich schließlich doch eines nachts dazu entschließt, das Grab ihres Bruders zu besuchen, trifft sie mitten in der Nacht den Rentner Helmut. Helmut versucht, die Asche seiner großen Liebe auszugraben um ein Versprechen einzuhalten, dass er seiner Helga zu Lebzeiten gegeben hat. Gemeinsam machen sich Paula und Helmut mit einem Wohnmobil auf in die Alpen. Paula und Helmut sind ein merkwürdiges Gespann, er ist schon über achtzig und Paula ist Mitte zwanzig, eigentlich haben sie kaum etwas gemeinsam. Aber beide haben einen geliebten Menschen verloren. Und Helmuts Hund und ein Huhn nehmen sie auch noch mit. Und endlich sind sie nicht mehr alleine.

Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.“

Marianengraben, S.125

Der Roadtrip wird durch Erinnerungen an Tim durchbrochen, die die Ich-Erzählerin nicht mehr loslassen. Es sind Gespräche mit ihrem kleinen Bruder, an die sie sich erinnert. Erst durch die Gespräche mit Helmut, gelingt es Paula langsam aus ihrer Depression aufzutauchen. Warum Helmut nach Hause fährt, bleibt allerdings erst noch – im Kontext der Erzählung relativ vorhersehbares – ein Geheimnis. Aber auch hier wird es um Abschiede gehen.

Jasmin Schreiber hat ein Debüt vorgelegt, das einerseits slapstickartige Szenen und andererseits tieftraurige Passagen enthält. Der Roman ist so geschrieben, dass ich mir eine Verfilmung direkt vorstellen könnte, denn die Geschichte hat unglaublich viel Potenzial. Dazu trägt auch das Huhn bei, das Helmut und Paula mitnehmen und die gefühlvollen, aber nicht kitschigen Dialoge der beiden Hauptprotagonist*en. Jasmin Schreiber gelingt es dabei, ein schweres Thema sehr leicht zu erzählen. Bemerkenswert ist, dass sie die Balance zwischen Tragik und Komik genau trifft. Paula hat zwar das Gefühl, dass ihr Leben vorbei wäre, aber auch während sie im Marianengraben sitzt, geht das Leben weiter. Das ist schön und schrecklich zugleich.

Jasmin Schreiber kennt sich mit dem Thema Abschied und Tod aus. Die studierte Biologin und Bloggerin begleitet seit mehreren Jahren ehrenamtlich trauernde Menschen und arbeitet auch als Sternenkindfotografin. Sternenkinder sind Kinder, die kurz nach der Geburt sterben oder bereits tot auf die Welt kommen. Ihre Erlebnisse dokumentiert sie auf ihrem Blog Sterben üben. Im April kommt Jasmin Schreiber für eine Lesung im Rahmen der Out Loud – Reihe nach Bremen.

Sehe ich euch da? :)

Jasmin Schreiber – Marianengraben. Eichborn 2020. 252 Seiten.

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