Eltern und Fenchelfelder – Schöner als überall

Im Debüt von Kristin Höller geraten zwei Mitte Zwanziger in eine Krise, man könnte auch sagen in eine Krise ihrer Männlichkeit oder Freundschaft oder alles dazwischen.

„Wenn ich mir vorstelle, dass das später meine Zukunft ist und dass ich mich für ganz viele Sachen interessieren muss, um solche Abende zu überstehen, muss ich mich zwingen, nicht mein Glas fallen zu lassen.“

Schöner als überall, S. 56

Martin und sein bester Freund fahren in einem Transporter über die Autobahn. Auf der Ladefläche liegt ein gestohlenen Speer von einer Riesenbronzestatue, weil man den eben mitnehmen musste. Betrunkene Menschen kommen auf solche Ideen. Sie wollen so schnell wie möglich nach Hause. Dahin, wo der Fenchel wächst. Also stehen sie schon am Anfang der Erzählung, tja, hm, ohne Speer da. Und Martin muss sich selbst irgendwie wieder sortieren.

Martin macht alles für Noah, denn Noah ist sein bester Freund. Auch wenn Noah mittlerweile eigentlich ein ziemliches Ekelpaket geworden ist. Aber das ist egal, denn früher waren sie beste Freunde. Früher, das war lange vor dem Abitur und zu der Zeit, als sich alle noch schworen für Ewigkeiten befreundet zu sein.

Seitdem ist viel passiert, Martin ist weggezogen, aber ist kreuzunglücklich in seiner Unistadt und Noah ist berühmt geworden, weil er in diesem einen Film mitgespielt hat. Und weil aus ihm ja auch noch etwas werden kann, etwas Großes. So stellt Martin sich das zumindest vor.

Und dann machen sie sich auf den Weg zurück und Martin entdeckt die Dinge, die man entdeckt, wenn man Anfang 20 ist und nach Hause kommt. Alles ist vertraut und trotzdem anders und die eigenen Eltern sind irgendwie niedlich, aber auch schon ziemlich alt und sie wollen nur das Beste für einen selbst, aber verdammt nochmal, woher soll man denn wissen, was das Beste ist, das kann doch keiner wissen. Und dann ist da auch noch Mugo, also eigentlich Muttergottes, also Maria, aber eben Mugo. Eigentlich mochte Martin sie schon seit Ewigkeiten und er versteht gar nicht, warum Mugo in dieser Kleinstadt geblieben ist und warum er und Mugo, also vielleicht wird das noch was, aber eigentlich auch nicht. Tja und dann muss Martin sich entscheiden, macht er alles, was Noah sagt oder alles, was Mugo sagt und was will er denn nochmal von diesem Leben?

Alles hier sieht aus wie eine Kulisse, wie die Attrappe einer Provinz, hergerichtet für einen Kinofilm über wütende Jugendliche

Schöner als überall, S. 78

Zugegeben, mich hat dieses schöne und gefühlvolle Debüt auch etwas ratlos zurückgelassen. Irgendwie Tschick in einer Lightversion. Dennoch bleiben die Probleme der Protagonist*en universell, jede*r wird das kennen. Man kommt wieder nach Hause, man ist Kind, aber eigentlich schon viel weiter, aber bei den Eltern ist die Zeit ein bisschen stehen geblieben. Es gibt diese Freundschaften, die man über die Zeit rettet, obwohl man sich kaum noch etwas zu sagen hat. Deswegen gab es wahnsinnig berührende Szenen zwischen Martin und seinen Eltern, die mir gefallen haben. Und die Szenen zwischen Martin und Nils, bei denen ich mich oft gefragt habe, ob Martin mehr von Nils will als Freundschaft. Damit konnte ich etwas anfangen, das war echt, das war richtig gut.

Gleichzeitig entdeckt Martin aber auch, dass er Erwartungen und Ideen auf seine Mitmenschen projiziert hat, die wahrscheinlich gar nicht passen. Gerade am Anfang fiel mir der Zugang zu Martins Gefühlen doch recht schwer, ich konnte mir nämlich nicht vorstellen, dass jemand mit Mitte Zwanzig so eine Inkompetenz für das eigene Dasein haben könnte, wie Martin sie ausstrahlt.

Warum Mugo eine so fantastische Frau ist, hat sich mir bis zum Ende nicht erschlossen. Aber vielleicht musste das auch so sein. Martin scheint es selbst nicht zu wissen. Am Ende des Romans habe ich mich unfassbar alt gefühlt und gedacht, dass ich keine Coming-of-Age-Romane mehr lesen kann. Denn ich verstand nicht, warum Martin so ein Problem hat, mit seinem verschwundenen Speer und mit Noah und Mugo, denn richtige Probleme sehen doch ganz anders aus. Eigentlich gibt es doch gar kein Problem in Martins Leben. Vielleicht ist das auch das Problem.

Kristin Höller – Schöner als überall. Suhrkamp 2019.

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

literatwo

Wortgelüste

Autor: the lost art of keeping secrets

32. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „Eltern und Fenchelfelder – Schöner als überall“

  1. Spere müssen einfach mitgenommen werden – genauso wie Fahnenmasten erklommen und Fahnen mitgenommen werden müssen. Ist in dem Alter einfach so 🤣
    Ich glaube nicht das ich heute die jungen Leute, die wir damals waren, verstehen könnte. Bereits meine 11 Jahre ältere Schwester hat sich bei unseren „Dummheiten“ an den Kopf gefasst …

    1. Das stimmt, ganz viel gehört auch einfach zu dieser Phase im Leben dazu. Ich fand das auch im Buch deswegen nachvollziehbar, aber auch putzig und den Speer eben etwas… übermetaphorisiert, wenn man das so nennen will. 😅
      Spannend, aber ich denke vor dem Hintergrund wie man eben so war mit 18 hat alles damals relativ viel Sinn gemacht und das ist ja dann auch wieder so schön an dem Roman.
      Danke für deinen Besuch!
      Liebe Grüße
      Eva

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.