Graffiti Palast – Urban Mystery

Eine faszinierende Reise durch eine Stadt voller Gegensätze, in der Realität und Mystik verschwimmen. A. G. Lombardi entführt die Leser*innen in eine magische Welt voller Zeichen und Geheimnisse.

Die Hauptfigur Monk ist Semiotiker und Urbanologe und untersucht die Zeichen des Graffiti in seiner Stadt. Die Handlung spielt in L.A. im Jahr 1965, also während der Watts-Unruhen, als es im Süden der Stadt zu gewalttätigen Ausschreitungen kam. Innerhalb von sechs Tagen starben 34 Menschen und über 4000 Menschen wurden verhaftet. Auslöser war die rassistisch motivierte Festnahme von zwei jungen Schwarzen und ihrer Mutter durch das LAPD, Lombardo beschreibt die Szene in seiner Romanhandlung. Danach kam es zu Sachbeschädigungen bis schließlich sogar die Nationalgarde eingriff und die betroffenen Stadtteile abriegelte. 

Monk wird Zeuge der Auseinandersetzung, aber kann diese Zeichen leider nicht deuten. Er will eigentlich nur ein paar Graffitis überprüfen, die er als Zeichen der Stadt liest und deren versteckten Botschaften er zu entschlüsseln versucht. Durch die Graffitis kommunizieren verschiedene Gangs miteinander, Drogenumschlagplätze werden markiert und Reviere eingegrenzt. Monk ist Helfershelfer verschiedener Big Player in der Stadt, auch wenn man sich zunächst fragt, was die Gangster mit dem Wissenschaftler zu tun haben. Doch Monk wird akzeptiert, denn die Gangs interessieren sich für die geheimen Zeichen und versteckten Nachrichten ihrer Rivalen, kurzum für die Codes der Stadt. Monk ist unterwegs, nur kurz, denn seine Freundin feiert eine Party und er muss noch kurz etwas erledigen. Sie ist schwanger. Die Unruhen in der Stadt kreuzen Monk s Pläne und Handys gibt es noch nicht. Monk verschwindet und bleibt sechs Tage verschollen. Gangster und Polizei suchen ihn, denn im Chaos der Unruhen wollen sie an sein Notizbuch kommen.

Monks Reise durch die abgeriegelte Stadt wird eine abgefahrene Fahrt in unwirkliche Gegenden, über die man sich sonst nur in Urban Legends erzählt und gleichzeitig auch eine Reise in die us-amerikanische Geschichte mit ihren rassistischen und kolonialen Wurzeln. Gleichzeitig erinnert Monks Reise an die klassische Odyssee. Monk wird vom Gesang der sirenenhaften Nachtclubsängerinnen angezogen und gerät in Gefahr. Er trifft Drogenbosse , die sein Notizbuch haben wollen und taucht ganz tief ein in die Geschichte der Stadt. Und auch in seine eigene Vergangenheit. Er lernt einen Mückenjäger kennen und isst mit ihm Erdnussbutter, er raucht Opium mit einem Yakuza-Chef, er lernt die schwarze Rose kennen, die eine Radiosendung moderiert und weder als Amerikanerin noch als Japanerin anerkannt ist, er muss sich vor Vodoozauber schützen und er bekommt ominöse Hilfe durch einen Physiker, der ihn immer im richtigen Moment in der Telefonzelle anruft und er erinnert sich in einem alten Kinosaal an seine frühe Kindheit. Und natürlich trifft er Graffiti-Künstler, die gesellschaftskritische Kunst machen.

Der Roman ist ein wirkliches Erlebnis, denn Monk gelingt es die Zeichen der Zeit immer besser zu deuten. Ich habe den Roman an einem Abend durchgelesen und war begeistert vom Sound der Geschichte. Ich musste ein wenig an den Film Mystic River denken – wenn man sich auf die vielen Wendungen des Textes einlässt, kann man sich nur über den Einfallsreichtum und die Erzählkunst von Lombardo freuen.

A.G. Lombardo – Graffiti Palast. Antje Kunstmann Verlag 2019.

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