Worauf wir hoffen

Im Mittelpunkt des Debüts der us-amerikanischen Autorin Fatima Farheen Mirza stehen drei Geschwister: Amar, Hadia und Huda. Es ist auch die Geschichte von muslimisch-indischen Migrant*innen, die nichts lieber wollen, als in der amerikanischen Gesellschaft dazu zu gehören. Aber das ist nicht so einfach. Und so führt der Weg einer der Hauptfiguren vom Versagen bei einem ersten Rechtschreibtest in der Grundschule direkt zur Vollkatastrophe.

Amar hat seine Familie drei Jahre nicht gesehen. Überraschend taucht er auf der Hochzeit seiner älteren Schwester Hadia auf, er möchte an diesem Abend „die Rolle des Bruders“ übernehmen, endlich einmal etwas richtig machen.

Dort, inmitten der leuchtenden Frauenkleider, dachte Amar, dass es vielleicht doch richtig gewesen war zu kommen. Er würde sie alle überzeugen – er vermochte sogar sich selbst zu überzeugen, dass er hierher gehörte und es die natürlichste Sache der Welt war, heute Abend seine Rolle als Bruder der Braut zu übernehmen.

Worauf wir hoffen

Denn bisher ist Amar selten etwas gelungen, er macht vieles falsch. In Rückblenden erfahren die Leser*innen, warum Amar so lange verschwunden war. Und die Gründe für diesen Kontaktabbruch erscheinen harmlos, aber sind es dann doch nicht. Während seine Schwestern in der Schule funktionieren und sich an die Regeln der Gemeinde halten, fallen Amar solche Dinge schwer. Alkohol, Zigaretten, Mädchen – Dinge, die einem gläubigen Moslem verboten sind, ziehen Amar magisch an. Er ist das schwarze Schaf der Familie oder der ewige Rebell, weil er sich nicht an die Regeln des Zusammenlebens hält.

“ Amar“, sagt sie und die Regentropfen bilden Ringe in der Pfütze. „Ich kann meinen Eltern das nicht länger antun.“

„Und ich? Bin ich niemand?“

„Du verlangst von mir, dass ich allen, die ich liebe, den Rücken kehre.“

„Ich würde das umgekehrt sofort für dich tun.“

„Dir ist es egal, wie sich dein Handeln auf andere auswirkt.“

Worauf wir hoffen

Nach Außen hin funktioniert die Familie problemlos. Doch der Schein trügt. Hadia, Amar und Huda wachsen mit der Angst auf, als Bedrohung wahrgenommen zu werden. Die Anschläge des elften September sind erst wenige Wochen her. Die Schwestern tragen kein Kopftuch, weil sie Angst vor Repressalien haben, Amar wird sogar angegriffen, weil er „wie ein Terrorist“ aussieht. Das ist manchmal schon etwas zu viel: die fleißigen Schwestern, der gescheiterte Bruder, der natürlich auch der einzige aus der gesamten Gemeinde ist, der – oh Schreck – eine Zigarette raucht und an seinem Glauben zweifelt, während die Mädels natürlich Medizin studieren wollen. Richtig glaubwürdig ist diese Idee nicht, auch andere Muslim*innen der Gemeinde werden die Bedrohung spüren oder sich in den USA fehl am Platz gefühlt haben.

Gelungen ist vor allen Dingen die Erzählweise, die Handlung beginnt mit Hadias Hochzeit und springt dann zurück in die Vergangenheit. Alle Geschwister kommen zu Wort. Besondere Erlebnisse der Familienmitglieder werden scheinbar unzusammenhängend wiedergegeben, und verdeutlichen doch, dass jede Kleinigkeit Konsequenzen hat, die sich erst viele Jahre später zeigen. Jahre in denen alle Geschwister auf die eine oder andere Weise auch scheitern werden und doch nur einen Platz suchen, zu dem sie gehören können, an dem sie akzeptiert sind, wie sie sind.

Im Original heißt der Roman tatsächlich auch „A place for us“, ein deutlich treffenderer Titel, weil er in der Geschichte wieder aufgegriffen wird. Amar wünscht sich als kleiner Junge ein gemeinsames Picknick mit seiner Familie.

Und Rafik erwiderte, ja, warum nicht. – Laila lächelte, ganz überrascht, wie spontan ihr Mann ein konnte, und bot sogleich an, für die Verköstigung zu sorgen. Hadia sagte: Mandarinen. Huda sagte: Limonade. Amar sagte: Fluss. Schauen wir mal, sagte Rafik, vielleicht weiß ich einen Platz für uns.

Worauf wir hoffen

Die Erzählweise und die dadurch entstehende Dynamik sorgen für eine gelungene Geschichte mit einer überzeugenden Prise Drama. Trotzdem bleiben einige Erlebnisse der Figuren etwas überzeichnet. Oder glaubt ernsthaft jemand daran, dass ein vergeigter Test das Ende der Welt bedeutet und in seiner Konsequenz direkt zur Abkehr von Religion und Familie führt? Eben. Es wäre sicherlich nicht verkehrt gewesen, wenn Mirza den drei Geschwistern auch erlaubt hätte, im Laufe der Erzählung wenigstens ein bisschen erwachsen zu werden. Darauf hoffen wir in ihrem nächsten Roman.

Fatima Farheen Mirza – Worauf wir hoffen. DTV 2019.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

LiteraturReich

Bei der letzten Buchmesse habe ich die Autorin bei einer Lesung erleben können.

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