Die Detektive vom Bhoot-Basar

TW/ CN: Rape

Es ist etwas passiert. In den Slums einer nordindischen Stadt verschwinden Kinder. Niemand weiß, wer dahinter steckt.

Als erstes verschwindet der Stotterer Bahadur. Vielleicht ist er weggelaufen, sein Vater soll getrunken haben, bestimmt hat er woanders sein Glück gefunden. So sagen es die Leute auf den Straßen und so glauben es die Kinder der illegalen Siedlung, dem sogenannten Basti. Im Basti gibt es kein fließendes Wasser und Smog hängt in der Luft. Natürlich versuchen es die Schlauen woanders. Doch dann verschwindet auch Omvir, der Sohn des Bügel-Wallah und Aanchal, die einen Freund hat und regelmäßig Englisch lernt, damit sie irgendwann einen richtigen Job bekommen kann, vielleicht sogar bei den Hifi-Leuten, in den luxussanierten Hochhäusern der Stadt. Das ist schon ziemlich merkwürdig. Immer mehr Kinder und Jugendliche verschwinden und es ist kein Ende in Sicht. Und die Polizei? Hält die Füße still und schickt die Eltern der Verschwundenen wieder nach Hause.

Jai Johaari ist der Einzige, der den Fall aufklären kann. Er ist zwar erst neun Jahre alt, aber er guckt regelmäßig Police Patrol und Live Crime und weiß genau, wie man Verbrecher befragen muss und wie gelungene Ermittlungsarbeit aussieht. Irgendwann wird er mal ein erfolgreicher Detektiv sein. So stellt er sich das zumindest vor. Und seine Freundin Pari, die immer bessere Noten bekommt und sehr schlau ist und sein muslimischer Freund Faiz, der zwei ältere Brüder und einen echten Job hat, müssen ihm natürlich bei der Aufklärungsarbeit helfen. Bahadur war in ihrer Klasse und auch wenn die Lehrer sich wenig für die Kinder interessieren, die Menschen im Basti halten zusammen und das Trio beginnt mit der aufreibenden Detektivarbeit. Als Leser*innen sind wir dabei gleichermaßen nahe an den jungen Detektiv*en, als auch an den potenziellen Opfern, denen je ein Kapitel gewidmet ist. Ihre Kapitel enden damit, dass jemand geblendet wird oder dass eine merkwürdige Stimme lockt oder dass ein Tuch mit Chloroform aus dem Nichts erscheint.

Im Nachwort stellt die Autorin klar, dass dieser Teil der Geschichte der grausamen Realität geschuldet ist. Anappara arbeitete von 1997 bis 2008 als Journalistin in Indien und recherchierte zum Schwerpunkt Ausbildung und Schule. Sie interviewte Schuldirektor*innen und Lehrer*innen und stellte fest, dass für viele Kinder in den Bastis, anders als in der indischen Mittelschicht, europäische Selbstverständlichkeiten die Ausnahme sind. Sie arbeiten als Müllsammler, haben mehrere Jobs oder werden durch religiös bedingte Gewalt dazu gezwungen, die Schule zu beenden. Sie war von der Resilienz dieser Kinder beeindruckt. Pro Tag sollen 180 Kinder in den Slums in Indien verschwinden und die Polizei ermittelt nur in den wenigsten Fällen.

Die Konstellation der Geschichte hat trotz des ernsten Hintergrunds ein bisschen etwas von Emil und die Detektive, allerdings auf indisch und in einer Welt, die brutal und magisch zugleich ist. Während die Kinder ihren Aktionsradius auf ihr Viertel und den Bhoot-Basar ausdehnen, den Markt mit Garküchen auf dem Faiz arbeitet, machen sie viele Beobachtungen, die sich nicht immer so leicht erklären lassen. Denn im Basti gibt es Geschichten, die dein Leben retten können. So erzählt man es sich zumindest. Die Bhoots sind die guten Geister des Basti.

In den Geisterlegenden geht es zum Beispiel um den sagenumwobenen Bandenführer Mantel, der den Schwachen hilft und eine erfolgreiche Gang geleitet hat. Die letzten Gangmitglieder tragen dazu bei, dass die Erzählungen über ihn, Geschichten über seine Fürsorge, aber auch über seine Strenge, nicht verschwinden. Und es gibt die Straßen-ki-Rani, eine Frau, deren Tochter nach einer V*rg*waltigung starb. Ihr Geist beschützt belästigte Frauen und sucht V*rg*waltiger heim. Und natürlich gibt es Tempelgeister und gute Dschinns, wobei Jai lange den Verdacht hegt, dass ein böser Dschinn hinter den Entführungen steckt. Jai gibt alles, muss aber feststellen, dass Pari und Faiz häufig die besseren Fragen stellen und die schlaueren Schlussfolgerungen ziehen. Pari glaubt gar nicht erst an Jaris Dschinn-Theorie.

Neben den atmosphärischen Schilderungen der Marktsituationen, wird die Erzählung aus der Perspektive von Jai nie langweilig. Er zofft sich mit seiner Schwester, er diskutiert mit Pari, er arbeitet heimlich auf dem Basar und er beobachtet ganz genau, was um ihn herum passiert. In der Übersetzung werden viele indische Alltagswörter beibehalten und in einem Glossar erklärt, das trägt zur Stimmung bei. So ist ein Wallah zum Beispiel jemand, der einen bestimmten Beruf ausübt. Ein Tee-Wallah macht Tee, ein Bügel-Wallah bügelt.

Außerdem befinden sich die Kinder des Basti nicht in einer luftleeren Blase. Konflikte zwischen den Slumbewohner*innen und den reichen Anwohner*innen der Luxuswohnungen deuten sich an, dem Basti droht eine Räumung. Korrupte Polizist*innen unterstützen die Reichen, aber nicht die Basti-Bewohner, dubiose Gurus bieten ihre Hilfe bei der Suche nach den Kindern an, die Konflikte zwischen Muslimen und Hindus sind unterschwellig immer präsent und Gangs kontrollieren das Viertel. Jai ist zwar erst neun Jahre alt, aber er kennt sich in der Welt des Bhoot-Basar ganz genau aus. Ein Happy-End wird es nicht geben, dafür reichen die Emil-Vibes nicht. Aber eine sehr gelungene magische und gesellschaftskritische Erzählung über erfolgreiche Ermittlungen von drei jungen Detektiven und das Versagen der Polizei.

Deepa Anappara – Die Detektive vom Bhoot-Basar. Aus dem Englischen von pociao und Roberte de Hollanda. Rowohlt 2020.

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks gewonnen.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

The read pack

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