Die Schauspielerin

Norah hat immer ein Leben als „Tochter von“ gelebt, ihre berühmte Mutter ist in Irland eine Größe. Sie wird oft gefragt: Was für eine Mutter war Katherine O’Dell? Und Norah kann nur sagen, dass sie eben ihre Mutter war.

Eine Studentin möchte ein Interview mit Norah führen und schreibt über die Frauenfiguren im irischen Film, das stört Norah. Sie ist Schriftstellerin und sie kann es nicht mehr ertragen, dass die Presse und nun auch neugierige Student*innen der Gender-Studies über ihre Mutter schreiben und das Bild von ihr in der Öffentlichkeit bestimmen. Überraschend für ihre Fans, verübte Katherine einen Angriff auf einen berühmten Regisseur und landete in einer Psychiatrie. Hat es Zeichen für den Zusammenbruch gegeben? Wer war die sagenumwobene Katherine O’Dell wirklich? Norah befindet sich in der schwierigen Situation, die einzige Zeugin der Privatperson O’Dell zu sein, die sich in der Öffentlichkeit in der geheimnisvollen Rolle der großen Diva gefiel. Wie hat Norah überhaupt ihre Kindheit überstanden, wenn sich alles immer nur um die Kunst der Mutter drehte? Fragen, die sich die Tochter nach dem Besuch der Studentin stellt.

Norahs Mutter war kompliziert, das lässt sich mit Sicherheit festhalten. Geheimnisvoll und rätselhaft zugleich, schafft sie es in den 1950er Jahren durch ihr herausragendes Talent auf die große Kinoleinwand. Sie wirkt an einem Werbespot über Butter mit und der Slogan der Firma wird in Irland zum geflügelten Wort. Jeder kennt die Schauspielerin, die für das Theater und den Kunstfilm aber durch die Kommerzialisierung auch nicht mehr interessant ist. Denn der legendäre Werbespot, der die Schauspielerin unvergesslich machen soll, ist gleichzeitig auch ein langsamer Abschied aus dem Rampenlicht. Katherine O’Dell wird älter und ist nicht mehr gefragt, sie versucht alles, aber sie wird nie wieder an den früheren Ruhm anknüpfen können. Dabei lässt ihr Können nicht nach, aber das Interesse an ihr als Person.

Enright beginnt ihren Roman mit den Erinnerungen von Norah an ihren 21. Geburtstag. Die Feier steht dabei weniger im Mittelpunkt, als Katherine O’Dell und das Who-Is-Who der Theaterszene. Ein Klatschreporter macht Aufnahmen, überall stehen Schauspieler*innen herum und am Ende wird Norah mit falschem Namen in der Zeitung stehen. Sie ist eben nicht so wichtig, wie die Hauptperson des Abends – ihre Mutter, immer wieder. Dabei befindet sich O’Dells Stern schon lange im Sinkflug, in Hollywood spielt sie (tatsächlich) keine Rolle mehr, zwischendurch steht sie in London auf der Bühne. Bis die Situation eskaliert, Katherine in der Psychiatrie eingewiesen wird und mit gerade einmal 58 Jahren stirbt.

Norah, mittlerweile so alt wie ihre Mutter, stellt sich den eigenen Erinnerungen an ihre Mutter, ohne die Augen vor ihren Fehlern zu verschließen. Je genauer sie die Karriere ihrer Mutter, die an verschiedenen Bühnen Erfolg hatte, bis sie beim Film landete, betrachtet, desto tiefer dringt sie auch in die eigene Vergangenheit vor und zu dem Geheimnis, das ihre Mutter ihr nie verraten hat. Katherine hat Norah nie erzählt, wer ihr Vater ist.

Als Teenager verwendete ich meine Energien darauf, vor meiner Mutter wegzulaufen beziehungsweise zu ihr zurück. Wir hatten schon zu zweit mehr als genug Liebe und Ärger, wir waren ständig miteinander beschäftigt und hatten keinen Bedarf an einem „Vater“, der sich eingemischt hätte und eingeschritten wäre. Wir kamen ziemlich gut ohne ihn zurecht, besser gesagt ohne sie alle: den guten Mann, den bösen Mann, den Geliebten, das Monster, den Vampir, den Ritter in der schimmernden Rüstung, diese vielen unterschiedlichen Männer, die die Abwesenheit meines Vaters freigesetzt hatte.

Die Schauspielerin

Anne Enright hat einen sehr gelungenen Mutter-Tochter-Roman geschrieben. Die fiktive Biografie der Tochter einer Schauspielerin kann auch vor dem Hintergrund aktueller feministischer Debatten wie #metoo gelesen werden und überzeugt deshalb umso mehr.. Ich habe den Roman in einem Atemzug gelesen und kann ihn für Filmfans und Menschen, die sich für das Theater interessieren, sehr empfehlen.

Anne Enright – Die Schauspielerin. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Penguin Verlag 2020.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal angefordert.

Vielen Dank!

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