Wir holen alles nach

Eigentlich ist nichts passiert. Doch, es ist etwas passiert. Nein, doch nicht. Oder doch? In dem Roman Wir holen alles nach stehen zwei Frauen im Mittelpunkt, die sich nicht immer richtig verhalten. Es ist eine Geschichte über das, was Menschen voreinander verbergen und die subjektiven Theorien, die sie trotzdem übereinander haben. Man glaubt etwas, über eine andere Person zu wissen, doch ob es wirklich zutrifft lässt sich nicht genau sagen.

Ellen ist Rentnerin und lebt in München. Hier wohnt sie gemeinsam mit ihrem Hund, gibt Nachhilfe, um sich ihre Rente aufzubessern und trägt jeden Morgen die Zeitung aus. Ihre Kinder leben schon lange nicht mehr Zuhause. Ellen versucht die Welt immer ein Stückchen besser zu machen. Sie versucht auf Plastik zu verzichten, sie isst wenig Fleisch. Bereits mit 40 Jahren war sie Witwe, sie hat sich an ein Leben alleine gewöhnt. Und sie glaubt, immer das Richtige zu tun.

Doch dann passiert es. Sie bekommt einen neuen Nachhilfeschüler. Elvis ist in der Grundschule und nicht so gut in Deutsch. Ellen hilft Elvis, Elvis hilft ihr. Sie gehen gemeinsam mit dem Hund spazieren, kochen und machen Hausaufgaben. Ellen gewöhnt sich sehr schnell an ihre Rolle als Ersatz-Omi und daran, dass Elvis regelmäßig zu ihr nach Hause kommt. Elvis ist manchmal sehr traurig, das macht Ellen große Sorgen. Stimmt etwas bei ihm Zuhause nicht? 

Sina ist die Mutter von Elvis. Sie hat einen stressigen Job, sie versucht sich um Elvis zu kümmern und sie braucht Zeit für ihren neuen Partner Torsten. „Wir holen alles nach!“, das sind ihre Worte, das sagt sie oft zu Elvis. Denn viel Zeit hat sie nicht für ihren Sohn. Torsten hatte ein Alkoholproblem, aber ist seit einiger Zeit trocken. Das behauptet er zumindest. Sina erlebt hautnah mit, wie die Scheidung mit Torstens Exfrau abläuft und wie wenig er seine Kinder sehen kann. Das macht sie traurig. Sie glaubt daran, dass Torsten mit Elvis alles besser machen kann. Aber dann wird sie von Ellen angesprochen, die sich Sorgen um Elvis macht und es steht ein ungeheuerlicher Verdacht im Raum. Wie soll Sina reagieren? Gegenüber dieser Frau, die sie braucht und auf die sie trotzdem neidisch ist, denn sie verbringt mehr Zeit mit Elvis und warum hat sie, seine Mutter, nichts gemerkt? 

Martina Borger gelingt es meisterhaft und psychologisch sehr feinsinnig, die Verdachtsmomente der beiden Frauen und ihre Reaktionen darauf, auszuloten. Wie verhält sich Ellen gegenüber Elvis? Was macht sie mit dem Verdacht gegenüber Torsten? Wie reagiert Sina gegenüber Torsten? Was sollen sie tun, wenn Elvis nicht spricht? Aus dieser ungünstigen Ausgangslange entwickelt sich ein feingesponnenes Netz aus Gerüchten, Verdächtigungen, unausgesprochenen Anschuldigungen, die alle Beteiligten verändern werden. Der Roman ist sehr leise erzählt und trotzdem genau. Wie auf einem Seziertisch nimmt Martina Borger die Gefühle der beiden Frauen auseinander und eine unheilvolle Kettenreaktion entsteht. Ich konnte den Roman kaum zur Seite legen und das hatte ich nach den ersten Kapiteln nicht erwartet. Ein leiser Roman, sehr gelungen und eindrücklich erzählt.

Martina Borger – Wir holen alles nach. Diogenes 2020.

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