Von schlechten Eltern

Ein Mann trauert und versucht sich gleichzeitig um seinen Sohn zu kümmern. Nachts fährt er Taxi und erinnert sich an seine verstorbene Frau. 

Die Nähe von Figur und Autor ist bewusstes Stilmittel, bereits in seinem vorigen Roman widmete sich Kummer in einer Art autobiografischen Fiktion seiner Frau und ihrer gemeinsamen Zeit. Und ja, wenn man an den Schriftsteller Tom Kummer denkt, fällt einem automatisch der Medienskandal um fiktionale Interviews oder fiktionalisierte Interviews in den 199oer Jahren ein. Kummer hatte Brad Pitt und viele andere amerikanische Prominente für den Spiegel und die Zeit interviewt. So schien es zumindest. Im Jahr 2000 kam heraus, dass es sich hier um fiktionale Interviews handelte und Kummer gar nicht mit den Prominenten gesprochen hatte. In jedem Fall legt Kummer die Nähe zur Realität auf seine Weise aus, in diesem Text trägt der Erzähler denselben Namen wie der Schriftsteller, aber hier geht es um das Danach. Wie geht man damit um, wenn ein geliebter Mensch stirbt?

In Von schlechten Eltern begleiten wir aber nicht nur diesen Trauerprozess, der wie ein Roadmovie funktioniert, in dem es stetig vorwärts, aber irgendwie auch ins Nichts geht, der Roman thematisiert auch die Auswirkungen der Globalisierung.

Der Erzähler ist in der Nacht unterwegs, über Autobahnen und durch Tunnel, entlang der Berge, quer durch die Schweiz. Tom ist Fahrer im Luxussegment, mit der Limousine holt er wichtige Gäste vom Flughafen ab und versucht so diskret zu sein, wie möglich. Er ist Chaffeur von afrikanischen VIPs und Diplomat*innen, manche schleppen Geldkoffer mit sich, manche sind redselig. Manche wollen in die Berge gefahren werden, um sich vom höchsten Punkt des Gipfels in den Tod zu stürzen. Der Tod fährt also immer mit.

Morgens ist der Ich-Erzähler wieder Zuhause, so früh, dass sein Sohn, der 12 Jahre alt ist, nichts von seinem Job bemerkt. Sie frühstücken, Vincent geht zur Schule. Die Nachbarn stellen eine Gefährdungsanzeige beim Jugendamt. Tom fährt weiter und lässt während der Fahrten die Gedanken zu seiner Frau schweifen. Es wirkt unfertig, dieses Leben. Nicht nur, weil Nina, die an Krebs starb, fehlt. Der Ich-Erzähler lebte lange im Ausland, ist gerade erst aus der USA in die Schweiz zurückgekommen – eine Gemeinsamkeit, die der Erzähler mit dem Schriftsteller teilt. In den USA lebt im Roman weiterhin einer der Söhne, er ist 18, die Chats sind kurz, der Kontakt sporadisch. Warum ist das so, fragt man sich.

Wahrscheinlich, weil die Trauer diesen gelähmten Erzähler sonst auffressen würde. Statt mit seinen Söhnen zu kommunizieren, zieht er sich in die Nacht und auf die Autobahn zurück. 30 Jahre liebte er Nina, in der Nacht spricht sie zu ihm. Von schlechten Eltern ist deshalb auch so ein treffender Titel, weil Tom in diesen Gesprächen dem Tod näher ist als dem Leben, seiner Frau näher als den Söhnen. Die Angst, dass der Erzähler mit voller Absicht in der Dunkelheit verschwindet, die Klippe hinunter fährt, in den dunklen See geht und nicht zurückkommt, diese Atmosphäre zieht sich durch das ganze Buch.

Und eine andere Ebene mischt sich in die Geschichte. Der Sohn, der noch da ist, ist Toms Erinnerung an Nina. Tom beobachtet ihn im Schlaf, er will ihm nahe sein, er beschreibt ihn mit großer Gefühlsregung, die mitunter in eine schräge Obsession zu kippen droht. Gerade auch, wenn Tom sich an seine eigene Kindheit erinnert. Ist das der erste Schritt in Richtung eines Übergriffs oder die überbordende Trauer, die Tom die verlorengegangene Nähe zu seiner Frau im Bett seines Sohnes suchen lässt? Es passiert nichts offensichtliches, aber offensichtlich ist, dass Tom seinen Sohn dringender in diesem Prozess braucht, als dieser ihn. Denn ohne seinen Sohn, würde sich der Erzähler in seiner Trauer verlieren. Vincent sorgt dafür, dass sein Papa wieder mit ihm Basketball spielt, Vincent sorgt dafür, dass sein Vater wieder rausgeht.

Das alles vor dem Hintergrund einer dystopisch anmutenden Schweiz, die nur aus Nacht und Bergen und Straßen besteht, sorgt für eine beeindruckende und atmosphärische Erzählung, in der am Ende nicht immer klar ist, was Tom sich vorstellt und mit welchen Dämonen der Vergangenheit er ringt. Und was tatsächlich gerade passiert.

Tom Kummer: Von schlechten Eltern. Tropen Verlag 2020.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.