Die Optimisten

Die us-amerikanische Autorin Rebecca Makkai erzählt in ihrem Roman „Die Optimisten“ von Liebe, Freundschaft und den katastrophalen Auswirkungen der AIDS-Epidemie in den 1980er Jahren in Chicago.

Ich kenne Männer, die noch niemanden verloren haben. Gruppen, die bisher unberührt geblieben sind. Aber ich kenne auch Leute, die haben zwanzig Freunde verloren.

Die Optimisten

Yale ist ein Glückskind. Beruflich läuft es für ihn fantastisch. Er hat einen interessanten Job in einer Galerie und ist einem Glückstreffer auf der Spur. Eine ältere Dame hat ihre Gemäldesammlung zur Verfügung gestellt und er hat die Chance sich zu profilieren, denn die Gemälde könnten wertvoll sein. Außerdem plant er mit seinem langjährigen Freund Charlie ein kleines Haus zu kaufen. Rebecca Makkai gelingt es absolut nachvollziehbar und authentisch, die Gruppe verschiedenen Figuren und ihre Lebensentwürfe zu schildern. Eigentlich wollen alle nur ein ganz normales Leben führen, sich verlieben, einen sicheren Job haben. Und dann kommt eine Krise, die niemand vorhersehen konnte.

Was mich mitnimmt ist, dass ich einunddreißig bin und meine Freunde einer nach dem anderen krepieren.

Die Optimisten

Die Geschichte beginnt mit einer Trauerfeier. Nico, ein 25-jähriger Grafikdesigner ist an Aids gestorben und Yale weiß, dass Nico nicht der letzte sein wird. Auf der Trauerfeier kommen alle Freunde zusammen, versuchen sich Mut zuzusprechen und nicht aufzugeben. Immer mehr Männer in Yales Umfeld werden krank, entfernte Bekannte oder gute Freunde. Warum sie so schnell sterben, weiß niemand genau. Man besucht sie im Krankenhaus und sie sehen aus wie „ein Außerirdischer, ein Auschwitz-Gerippe, ein aus dem Nest gefallenes Vogelbaby“. Es gibt keinen Impfstoff gegen die Krankheit und keine funktionierende Therapie. Mitte der 1980er Jahre befindet sich die Aids-Krise auf dem Höhepunkt. Bis zur Einführung der hochaktiven antiretroviralen HAART-Therapie im Jahr 1996, die Leben retten könnte, werden erst viele Jahre vergehen.

Yale und Charlie führen eigentlich eine perfekte Beziehung, sie halten zusammen, sie sind füreinander da. Doch Nicos Tod ist erst der Auftakt. Ihre Freunde sterben. Charlie leitet als Herausgeber ein queeres Magazin, Yale hat seine Arbeit in der Galerie. Doch auch hier begegnen ihnen Vorurteile. Mit jedem Tag, der vergeht, fühlen sie sich hilfloser. Niemand weiß, wen es als nächstes treffen wird. Yale erlebt die Zeit als so traumatisch und verstörend, dass er einmal formuliert, es entstünde gerade „das Bewusstsein dafür, die Reste seines Herzens zu schützen, die bei jeder Trennung, jedem Scheitern, jeder weiteren Beerdigung, jedem Tag auf der Erde in immer kleinere Fetzen gerissen wurden“. Nicos Schwester Fiona versucht für alle da zu sein, sie hat nicht nur Nico in seinen letzten Stunden begleitet, sie ist auch für seinen Freund da und viele andere schwer Erkrankte, die sie pflegt.

Makkai hat aber nicht nur einen Roman über die 1980er Jahre geschrieben. Die Geschichte setzt sich bis ins Paris der Gegenwart fort. 2015 befindet sich Fiona in Paris, hier sucht sie ihr Enkelkind. Ihre Tochter Claire hat sich einem dubiosen Guru angeschlossen und keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Fiona ist durch die Erlebnisse der Vergangenheit gezeichnet. In Paris besucht sie einen alten Freund von früher. Richard ist Fotograf und bereitet eine Ausstellung mit Bildern aus den 1980er Jahren vor. Hier schließt sich der Kreis und Fiona sieht seit langer Zeit wieder Bilder ihres verstorbenen Bruders und seiner Freunde. Kann Fiona die Vergangenheit hinter sich lassen und Claire ihr verzeihen? Gerade als Fiona in Paris angekommen ist, ereignet sich der Terroranschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo.

Man könnte jetzt argumentieren, dass eine so komplexe Geschichte vielleicht ein bisschen zu viel ist. Tatsächlich erschien mir während des Lesens, die Geschichte von Yale und Charlie und ihren Freunden sehr viel stärker und nachvollziehbarer als die Geschichte der Gegenwart. Es ist etwas schräg, den Roman im Moment zu lesen, denn die Unsicherheit, die manche Figuren befällt, während andere sich gar nicht erst einschränken lassen wollen, weil es einen doch eh erwischt, wecken starke Assoziationen zur gegenwärtigen Situation. Es ist eine ziemliche emotionale Achterbahnfahrt, davon zu lesen, wie die Freunde auf neue Erkenntnisse der Medizin hoffen, gleichzeitig ihr Leben nicht unterbrechen wollen, andererseits panische Angst davor haben, sich mit anderen zu treffen, da niemand genau über die Verbreitung des Virus und die Ansteckungswege Bescheid weiß. Je länger man den Roman aber verfolgt, desto wichtiger und interessanter wird die Figur Fiona, die beide Zeitebenen miteinander verbindet.

„Die Optimisten“ ist ein Roman voller Abwechslung und Gefühlen, die im starken Kontrast zueinanderstehen und interessanten geschichtlichen Parallelen, die sich auftun. Nora, die ältere Dame, die Yale entdeckt, lebte in den 1920er Jahren in Paris und traf dort viele Künstler*innen, die später Weltruhm erlangten. Unter anderem hat sie für Modigliani Modell gesessen. Durch die Schenkung ihrer Bilder möchte sie aber auch unbekannten und vergessenen Künstler*innen ein Denkmal setzen, an die sich niemand mehr erinnern kann. Denn viele Freunde und Bekannte von Nora sind im Ersten Weltkrieg gefallen.

Wartet man nicht eigentlich permanent darauf, dass die Welt aus den Fugen gerät? Wenn die Verhältnisse stabil sind, dann immer nur vorübergehend.

Die Optimisten

Makkai hat einen Roman geschrieben, der auf so vielen unterschiedlichen Ebenen berührt und dabei beste Pageturnerqualität bietet, ohne trivial zu sein. Es geht um Liebe, Verlust und Familie, aber auch um Freundschaft und füreinanderdasein. Gleichzeitig wird durch die zweite Erzählebene auch deutlich, dass die Zeit nicht alle Wunden heilen kann und wie wichtig es ist, sich an die Vergangenheit zu erinnern.

Rebecca Makkais Debüt Ausgeliehen war eine Geschichte über eine Bibliothekarin, die einen zehnjährigen Jungen vor seiner herrischen Mutter retten will und mit ihm und ihren Lieblingsbüchern quer durch die USA reist. In Die Optimisten gelingt es Makkai wieder einmal Figuren zu beschreiben, die man als Leser*in einfach ins Herz schließen muss und nicht vergessen kann. In den USA wurde der Roman mehrfach ausgezeichnet. Die New York Times wählte den Roman unter die zehn besten Neuerscheinungen des Jahres 2019, außerdem gehört der Roman zu den Finalisten des Pulitzer Preises im letzten Jahr. Ich finde es toll, dass der Roman in Deutschland ein Zuhause bei dem Indieverlag Eisele gefunden hat. Das Verlagsprogramm ist immer einen Blick wert. Zuletzt hat mir der Roman Sag den Wölfen, ich bin Zuhause sehr gefallen, der sich ebenfalls mit HIV in den 1980er Jahren auseinandersetzt. Ich hatte vorher keine Ahnung davon, welche gesellschaftliche Ächtung mit dieser Krankheit einherging. Beide Romane kann ich nur empfehlen.

Rebecca Makkai – Die Optimisten. Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell. Eisele 2020. 624 Seiten.

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