Agentengeschichte x 2: Berta Isla & Alles, was wir sind

Anfang des Jahres habe ich zwei Agentengeschichten gelesen, die eigentlich keine klassischen Agentengeschichten sind, weil es auch um die Liebe und in beiden Fällen um Literatur geht. Beide Romane haben mir gefallen und eignen sich hervorragend für eine kleine mentale Pause, wenn man sie angesichts der Weltlage gerade braucht.

Der spanische Nobelpreiskandidat Javier Marías erzählt in Berta Isla eine Geschichte über Geheimnisse und Lügen und kehrt damit zu einigen Figuren zurück, die man bereits aus dem Roman Dein Gesicht morgen kennt und zwar zu Peter Wheeler und Betram Tupra, der eine Hispanistik-Dozent in Oxford, der andere sein ehemaliger Student, der bei MI6 arbeitet und von Wheeler rekrutiert wurde. Berta, Titelheldin und Erzählerin der Geschichte, heiratet ihre große Liebe, Tomás, ohne zu Wissen, dass Tomás sich in Oxford dazu gezwungen sah, für den britischen Geheimdienst zu arbeiten. Ein Doppelleben sei doch kein großes Problem, wird dem Studenten verkündet, der sich nur für diesen Weg entscheidet, weil er eines Verbrechens beschuldigt wird und fürchtet, nicht mehr nach Spanien zurückkehren zu können. Sein großes Talent für Sprachen kommt ihm da sehr gelegen. Tom kehrt nach Madrid zurück und ist auf einmal Geheimagent, aber Berta hat keine Ahnung. Die Handlung lässt sich auf einen Satz reduzieren, was Marías aber daraus macht, ist vor allen Dingen eins: ein großes Lesevergnügen. Kleinere Abstriche gibt es allein deshalb, man sich als Leser*in nicht ganz von der Idee frei machen kann, dass hier ein älterer Mann eine etwas naive Frau erdacht hat, die für mich als Figur nicht immer überzeugt.

Wer aufgrund der Spionage- und Geheimdienstgeschichte einen Thriller erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden. Stattdessen erzählt Marías eine Liebesgeschichte voller Geheimnisse, die irgendwo im Agent*innenmilieu angesiedelt ist, um es vorsichtig zu formulieren.

Berta ist Professorin für Englische Philologie, beschäftigt sich intensiv mit Shakespeare und hat sich daran gewöhnt, dass sie wenig Fragen stellen darf und dass sie keine Antworten bekommen wird (warum?).

„Es gab eine Zeit, da war sie sich nicht sicher, ob ihr Mann ihr Mann war, wie man auch im Dämmerschlaf nicht weiß, ob man denkt oder träumt, ob man seinen Geist noch lenkt oder die Erschöpfung ihn in die Irre führt.“

Berta Isla

Einmal verschwindet Tom für 12 Jahre. Es gibt, im von Berta direkt erzählten Hauptteil Episoden von großer Spannung, zu denen die geschichtliche Einbettung – Spaniens Übergang nach dem Franco-Regime, der Nordirland-Konflikt, der Falklandkrieg – gehören, aber die Stärke des Romans liegt in der Beschreibung der Beziehung zwischen Berta und Tom. Es ist eine Kunst, sich in komplexe, widersprüchliche und schwierige Gefühlslagen herein zu tasten, die Berta täglich begleiten. Ist es möglich, eine Ehe zu führen, wenn man sich nicht die Wahrheit sagen darf? Wie viele Geheimnisse kann eine Beziehung ertragen? Für Tom stellt sich irgendwann die Frage, welche seiner vielen Leben und Identitäten echt sind, auch damit konfrontiert er seine Ausbilder, die ihn gnadenlos in eine bestimmte Richtung schubsen. Bertram Tupra antwortet auf die immer gleichen und verständnisloseren Fragen von Tom, der sich nicht mehr mit seiner Rolle als Agent identifizieren kann, nur sehr bissig: „Seit wann haben die Leute sich ihr Leben ausgesucht?“ und schlägt einen Bogen über die Jahrhunderte hinweg zu den Ärmsten der Armen bis zur Queen. Natürlich kann Tom ihm nicht widersprechen. Für Berta stellt sich die Frage, wie sie Tom unter diesen Umständen überhaupt vertrauen kann und trotzdem bleibt sie bei ihm.

Lara Prescotts Debüt Alles, was wir sind konnte mich ebenfalls überzeugen. In ihrem Roman erzählt sie die Geschichte von Boris Pasternak und seiner Muse Olga Iwinskaja und die Verstrickungen um die unglaubliche, aber auf historischen Fakten beruhenden strategischen Entscheidungen des amerikanischen Geheimdienstes, um die Veröffentlichung des Romans „Doktor Shiwago“. Prescott hat sehr lange für den Roman recherchiert, er basiert zu großen Teilen auf den von der CIA 2014 freigegebenen Akten, die die Operation Shiwago genauer beschreiben.

Der Hintergrund der Geschichte ist ziemlich faszinierend. Während des Kalten Krieges waren der Ostblock und die Westmächte von der Wirkung des geschriebenen Wortes überzeugt. Während man heute eher an Fake-Posts und Bots denkt, glaubten die CIA-Strategen, dass schon ein einziges Buch dafür sorgen könnte, ein System zum Wanken zu bringen. In „Doktor Shiwago“ von Boris Pasternak geht es um die unglückliche Liebe zwischen Lara Antipowa und Juri Shiwago. Pasternak wurde von seiner Geliebten zu der Figur der Lara inspiriert.

Die Liebesgeschichte durfte wegen der kritischen Darstellung der Oktoberrevolution in der Sowjetunion 1956 nicht veröffentlicht werden, stattdessen entstand eine italienische Übersetzung, wodurch der us-amerikanische Geheimdienst auf die Geschichte aufmerksam wurde. Die CIA finanzierte eine russische Übersetzung der italienischen Ausgabe, denn das Erscheinen in Originalsprache war Voraussetzung dafür, dass Pasternak für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen werden konnte, den er dann – natürlich – auch gewann. Mit einem Buch, das in seinem Heimatland nicht erscheinen durfte. Die CIA sorgte auch für die Herstellung einer Miniversion der Geschichte auf hauchdünnem Bibeldruckpapier, die unauffällig von verschiedenen Agent*innen unter das Volk gebracht werden sollte um das System durch Literatur zu destabilisieren.

Möge das Buch seinen Weg um die Welt antreten

Alles, was wir sind

Lara Prescott beschäftigt sich in ihrem Roman mit den jungen Frauen, die für die „Agency“ arbeiten und ihren Weg als Agent*innen gehen, von den Männern aber eher als nette Mädchen wahrgenommen werden. Das sind besonders Irina und ihre Ausbilderin Sally, die in der Agency ihre Liebe zueinander finden, aber keine Möglichkeit haben, ihren Gefühlen zu folgen. Außerdem beschäftigt sie sich mit dem Schicksal der Geliebten von Pasternak, Olga Iwinskaja, deren einziges Vergehen darin besteht, mit einem Schriftsteller zusammen zu sein, der ein „subversives“ Buch geschrieben hat.

Prescott hat keinen Agententhriller geschrieben, sondern vielmehr eine Geschichte über die Kraft der Literatur und die Liebe, die alles zusammenhält. Und um die Liebe, die man nicht immer versteht und die nicht immer einfach zu erklären ist, geht es auch im Roman von Javier Marías.

Welche (Liebes-)Geschichte konnte euch zuletzt überzeugen?

Lara Prescott – Alles, was wir sind. Übersetzt von Ulrike Seeberger. Rütten & Loening 2019. 475 Seiten.

Javier Marías – Berta Isla. Übersetzt von Susanne Lange. Fischer 2019. 656 Seiten

Autor: the lost art of keeping secrets

32. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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