Schlafen werden wir später

Eine E-Mailfreundschaft, die Kunst und die Droste. In Zsusza Bánks Roman Schlafen werden wir später werden wichtige Lebensthemen von Künstler*innen angesprochen und ein bisschen viel gelitten wird leider auch.

Martha und Johanna sind seit Ewigkeiten befreundet und schreiben sich regelmäßig E-Mails. Der Text umfasst einen Zeitraum von März 2009 bis Juni 2012, in dem sich die zwei Frauen, Jahrgang 1967, ihre tiefsten Gefühle und Wünsche mitteilen. Die beiden Freund*innen teilen ihre Sorgen und ihre Ängste, erinnern sich an ihre gemeinsame Kindheit und versuchen vor allen Dingen einfach mal klar zu kommen. Das ist gar nicht so einfach.

Johanna erinnert sich immer wieder an ihren Exfreund, während sie im Schwarzwald, von ihr liebevoll „mein schwarzer Wald“ genannt, in einem kleinen einsamen Häuschen lebt und sich nur mit einigen Schulkolleg*innen trifft. „Bio-Kurt“ hat ein Auge auf sie geworfen, sie muss noch über ihren Ex hinwegkommen. Johannas Herz schlägt besonders für einen Schüler, der großes künstlerisches Talent besitzt, aber aus „schwierigen Verhältnissen“ kommt. Soll Johanna sich einmischen und ihm helfen – oder nicht? Wenn sie genervt von Grammatikunterricht und gelangweilten Schüler*innen ist (kleine Anmerkung: es scheint nur Grammatikunterricht zu geben), arbeitet Johanna seit Jahren zur Entspannung (!) an ihrer Doktorarbeit über Annette von Droste-Hülshoff und reist quer durch Deutschland um in Marbach alte Briefe der Droste zu begutachten. Das geht natürlich nur in den Ferien, deswegen ist es mit der Doktorarbeit auch ein Langzeitprojekt, sonst hockt sie im schwarzen Wald und wünscht sich, dass ihre beste Freundin Martha bei ihr wäre.

Martha hat drei Kinder und einen Mann, der am Theater arbeitet, also ist sie quasi alleinerziehend und versucht nebenher einen Lyrikband fertig zu schreiben und kleinere Erzählungen, denn Simon verdient am Theater nicht genug Geld. Das führt immer wieder zu Problemen. Zum Glück kann die kinderlose Beamtin Johanna ihr immer wieder etwas Geld zu schieben, das wird dann in eine Spülmaschine investiert. Zum Schreiben kommt Martha bei diesem ganzen Chaos natürlich kaum. Beide Figuren scheitern immer wieder daran, ihre Vorstellungen vom gelungenen Leben mit ihrer Realität in Einklang zu bringen, das kann auf Dauer recht deprimierend sein.

In Die hellen Tage habe ich die Sprache der Autorin unglaublich bewundert. Leicht und melancholisch, der ganze Text hat eine Stimmung transportiert, die mich beeindruckt hat. Hier bin ich mir nicht sicher, wie ich mit dem Gelesenen umgehen soll. Immer wieder tauchen kursiv gesetzte Zitate auf, entweder von der Droste oder von Rilke oder von Heym oder von den Freund*innen, die mich etwas irritieren. Soll ich die Zitate, die so überdeutlich gekennzeichnet sind, nachschlagen? Gewinnt der Satz eine größere Bedeutung, wenn ich weiß, dass Kursiv von Heym kommt oder von Rilke oder der Droste selbst?

Das knistern in den lebensfäden – es ist laut geworden. Eine Angst hat sich in mein Leben gefressen. Sie wimmert an meinem Ohr, nagt an meinen Ohrläppchen.“

Schlafen werden wir später, S. 336

Eigentlich kann Bánk über Wahlfamilien, Kindheit, Freundschaft und besondere Familienkonstellationen schreiben, das hat sie in ihrem Roman „Die hellen Tage“ gezeigt. Vielleicht lag es an meiner Erwartungshaltung, aber diesen Roman musste ich mir tatsächlich erarbeiten und das lag besonders an der sprachlichen Gestaltung, die für mich am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig war. Zumal beide Figuren permanent um sich und ihre Schwierigkeiten kreisen. Es ist gar nicht deutlich, wann dieser Roman spielt, es gibt keinen Zeitbezug, der die Handlung in der Gegenwart verortet, das „Außen“ gibt es im „Martha-Leben“ kaum und auch Johanna träumt zwar immer wieder vom „Droste-Meer“, aber zeigt sich seltsam unberührt von der Welt um sie herum. Stattdessen berichtet sie von Naturerlebnissen im Schwarzen Wald, sodass auch wirklich die letzten Lesenden begriffen haben, dass Johanna und die Droste innerlich sehr verbunden sind.

Einige Passagen gehen dann doch über Alltagsbeschreibungen hinaus, zum Beispiel die, in denen Martha von ihren Eltern erzählt oder Claus zum Thema wird, der beste Freund von Johanna, der überraschend verstirbt. Karin, die Frau von Claus, ist eine gemeinsame Freundin und Johanna hilft, neben ihrer Vollzeitstelle (…), natürlich noch im Blumenladen aus, um etwas herunterzukommen und für Karin da zu sein. Abgesehen davon, dass ich die Darstellung des Lehrer*innenberufs und die dargestellte freie Zeiteinteilung der Studienrätin für Deutsch und Kunst als freundlich gesagt, unrealistisch einschätze, sind diese Passagen sehr gelungen und zeigen, welche Formen des Trauerns möglich sind.

Ein Briefroman oder ein E-Mail-Roman ist eigentlich eine schöne Idee. Hier war ich nicht ganz glücklich, auch wenn das Ende mit vielem versöhnt. Man könnte in der Figurenbeschreibung auch anmerken, dass beide Figuren so viel leiden und doch so unfassbar privilegiert sind oder dass auch Studienrätinnen anders arbeiten und keinen Halbtagsjob haben, bei dem sich der Nebenberuf im Blumenladen halt so anbietet. Man könnte sich aber auch fragen, warum in einem E-Mailroman, in dem es um Familien geht, die Väter so einen unfassbar schlechten Job machen und die Mütter auch im 21. Jahrhundert, diejenigen sind, die mit schlechtem Gewissen alles so halb machen, Kindererziehung, Haushalt und Kunst und dabei mit keinem der Bereiche richtig zufrieden sind. Spannend fand ich auch, die Erinnerungen von Johanna an ihren Vater, der früh verstarb und vermutlich drogenabhängig war. Neben den vielen Themen, die angeschnitten werden, geht es auch um Johanna und ihren Bruder, die kaum noch miteinander sprechen. Wäre die Droste nicht so ein großes Thema gewesen, hätte man den Bezug zur realen und echten Familie vielleicht noch stärker hervorheben können. Das hätte mich mehr interessiert. So schwebten beide Frauenfiguren für mich oft zu sehr im luftleeren Raum. Zum Einschlafen war das nicht, aber für 692 Seiten auch kein Easy-Read.

Hat jemand von euch den Roman gelesen und kennt vielleicht auch „Die hellen Tage“? Wie habt ihr den Roman empfunden? Was hat euch gefallen und was weniger?

Zsuzsa Bánk – Schlafen werden wir später. S. Fischer 2017.

4 Kommentare

  1. Ich habe bislang noch nichts von Bánk gelesen. „Die hellen Tage“ liegen hier, ich bin schon ganz gespannt, insbesondere auf die leichte, melancholische Sprache, die du beschreibst. „Schlafen werden wir später“ behalte ich als ganz vielversprechenden Tipp im Hinterkopf.

    Apropos, Anette von Droste-Hülshoff wuchs nicht allzu weit von meiner sauerländischen Heimat auf, daher haben wir in der Schule einige Male über sie gesprochen und ihre Gedichte gelesen. Schon deshalb sollte ich mal in das Buch reinlesen; ein schönes Promotionsthema. 😊 Zuletzt habe ich „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve gelesen; erst da ist „der Droste“ für mich richtig Leben eingehaucht worden.

    Viele Grüße
    Jana

    1. Hallo Jana, das klingt interessant. Ich habe den Roman von Duve noch ungelesen auf dem E-Book. Ich habe gehört, dass er nicht unbwdingt historisch korrekt sein soll (meinten zumindest die Forscher der Droste-Stiftung aus Münster in einer Vorlesung), da ihre Briefe im Kontext der Zeit gesehen werden müssten und sprachlich nicht alle Besonderheiten beachtet würden und zum Teil überinterpretiert werden ( Anreden wie „mein geliebter Freund“ etc sind eben Zeitgeist gewesen und kein Hinweis auf romantische Liebe). Ich bin trotzdem gespannt auf den Roman. 😊

      Bevor ich das Buch von Bánk gelesen habe, wusste ich gar nicht, dass die Droste ein Thema des Buches ist, im Klappentext wird sie irgendwie unterschlagen. Warum eigentlich?

      Liebe Grüße
      Eva

  2. Danke für diese super Rezension. Die Kritik scheint mir nachvollziehbar. Ich finde auch immer sehr irritierend, wenn Figuren nach dem Willen des Autors/der Autorin als unglücklich/leidend dargestellt werden und man mit ihnen fühlen soll – aber dabei das Gefühl nicht los wird, dass dieses Leiden letztlich irrelevant und lösbar wäre und die privilegierten Charaktere sich gefälligst mal zusammenreißen sollen – falls das von dir so gemeint war:-)
    Mit „Die hellen Tage“ konnte ich damals wenig anfangen. Mir erschien das wie der typische zweite Roman einer Autorin, die nach einem furiosen Debüt schnell noch was nachliefern muss. Dieses Debüt „Der Schwimmer“ ist aber wirklich toll, das hat mich damals ehrlich umgehauen. Weil es da eben um wirkliches Leiden, um wirkliche Dramen geht: Ungarn 1956, eine Familie, deren Mutter in den Westen geflohen ist, der Vater alleine mit den Kindern …
    Viele Grüße!!
    Die Flocke

    1. Liebe Flocke,

      danke für dein Feedback. Ja, es hat mich zumindest gestört, dass doch sehr viel an den Umständen gelitten wird, dabei ist mein Eindruck nicht, dass sich alle Figuren mal zusammenreißen sollten, das finde ich ebenfalls verkehrt, aber so richtig nachvollziehbar wurde mir das Leid der Figuren nicht und die Frage der Lösbarkeit der Probleme hat sich mir auch immer wieder gestellt, das fasst du gut zusammen. Ich habe „Der Schwimmer“ auch gelesen, aber kann mich gar nicht mehr an den Inhalt erinnern, während „Die hellen Tage“ einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. So melancholisch und sehr besonders, das hat mir einfach gefallen. So verschieden können Leseeindrücke sein. :)

      Viele Grüße und danke für deinen Besuch.
      Eva

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